HOME

SPD-Generalsekretärin Nahles schwanger: Politikerinnen im Baby-Loop

Müdigkeit, Wickeln im Büro, keine Zeit für Abendtermine: Bekommt eine Politikerin Nachwuchs, steht ihre Welt Kopf. stern.de hat mit den Heldinnen des Plenarsaals gesprochen.

Von Lutz Kinkel

Beinahe wäre Judith Skudelny, 34, an den Saaldienern gescheitert. Sie wollten die FDP-Politikerin nicht in den Plenarsaal des Bundestages lassen. Der Grund dafür hing wohlig schlapp im Tragegurt vor Skudelnys Bauch: ihre Tochter, damals vier Monate alt. Ein Baby im Hohen Hause? Ausgerechnet an diesem feierlichen Tag, der konstituierenden Sitzung nach der Bundestagswahl 2009? Parteichef Guido Westerwelle zeigte sich von seiner charmanten Seite. Er nahm Skudelny einfach mit rein. "Baby-Alarm im Bundestag", titelte die "Hamburger Morgenpost". Die Financial Times Deutschland schrieb vom "Berliner Zwergenaufstand".

Unglaublich, aber wahr, Teil 1: Vor Skudelny hatte es noch niemand gewagt, ein Baby zu einer Bundestagssitzung mitzubringen. Unglaublich, aber wahr, Teil 2: In der Geschäftsordnung des Bundestages wird der Umgang mit Kindern oder Babys bis heute nicht erwähnt. Dieser Fall ist schlicht nicht vorgesehen. Skudelnys Auftritt jedoch brachte eine Debatte im Bundestagspräsidium in Gang. Das Ergebnis: Im Notfall dürfen Abgeordnete ihre Minis mitnehmen. Zum Beispiel dann, wenn heikle Abstimmungen anstehen, bei denen die Fraktionen jede Stimme brauchen. Familienfreundlich ist die Vertretung des deutschen Volkes deswegen noch lange nicht: Oft tagen die Parlamentarier bis 21 Uhr und länger, der Bundestags-Kindergarten steht in erster Linie den Kindern von Verwaltungsangestellten zur Verfügung, für den Abgeordneten-Nachwuchs gibt es nur Restplätze. Noch viel häufiger als Baby-Alarm ist Babysitter-Alarm im Reichstag.

Wickeln und wahlkämpfen

Die Causa Skudelny liefert einen ersten Hinweis, wie schwierig es für Politikerinnen ist, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Andrea Nahles, 40, SPD-Generalsekretärin, die gewöhnlich auch im Urlaub Akten verschlingt und Konzepte ausarbeitet, ist gerade mit ihrem ersten Kind schwanger. "Jau, stimmt, bin froh", simmste sie freudestrahlend am Donnerstag an stern.de. Ihr Büro teilte mit, dass Nahles nach der Niederkunft im Januar nur kurz aus ihrem Job auschecken wolle, was angesichts der politischen Lage auch nicht verwunderlich ist: 2011 stehen sechs Landtagswahlen an, für die SPD geht es darum, ihr Comeback mit Wahlerfolgen zu zementieren. Nahles wird alle Hände voll zu tun haben, wenn … sie die Hände frei hat. Denn es gibt dann ja auch einen kleinen Mops, der gewickelt, gestillt und bespaßt werden will. Der Vater und die Nanny werden Nahles nicht alles abnehmen können - und sie wird sich nicht alles abnehmen lassen wollen.

Monika Griefahn, 55, ist im Gespräch mit stern.de sehr entspannt. Sie hat das alles schon hinter sich, und zwar unter verschärften Bedingungen. Sozialdemokratin Griefahn war von 1990 bis 1998 Umweltministerin in Niedersachsen, ihr Chef hieß Gerhard Schröder und der hielt Familienpolitik bekanntlich für "Gedöns". "Ich habe ihm gesagt: Wenn du mich als Umweltministerin haben willst, dann musst du damit rechnen, dass ich ein zweites Kind bekomme", erinnert sich Griefahn. Schröder habe eingewilligt und sie sogar unterstützt - nicht unbedingt aus Überzeugung, aber zum eigenen Wohle. "Gerhard Schröder hat eine feine Nase dafür, was attraktiv ist, auch für die Medien", sagt Griefahn lachend. "Und eine Ministerin mit Baby ist attraktiv." Sie bekam schließlich nicht nur eins, sondern zwei - während ihrer Amtszeit. Auch wenn sie dafür politisch einen Preis bezahlen musste. "Ich habe mich auf mein Amt als Ministerin konzentriert", erklärt Griefahn. "Parteipolitisch habe ich nicht mehr soviel gemacht. Das hat natürlich Konsequenzen, wenn man bei diesen Gesprächen und Treffen fehlt. Man ist dann nicht mehr so gut in der Partei vernetzt und verankert."

"Wir sind nicht krank. Wir haben Kinder"

Heute fühlt sich Griefahn ein bisschen als "Vorreiterin", damals musste sie sich noch verteidigen, nicht so sehr in der Partei, aber außerhalb. "Ich habe sehr viele Briefe von Menschen bekommen, die sagten: Bleiben Sie jetzt doch mal zuhause, kochen Sie für ihre Kinder." Ist sie tatsächlich mal zuhause geblieben und sagte zum Beispiel eine Diskussionsrunde bei der Industrie- und Handelskammer ab, weil ihre Tochter 40 Grad Fieber hatte, hieß es: Sie können doch nicht einfach einen Termin absagen! Gemacht hat sie es trotzdem. Und war plötzlich ein Vorbild. "Dass ich Kinder als Ministerin bekommen habe, hat einen Babyboom im Ministerium ausgelöst. Viele Frauen haben sich das zuvor gar nicht getraut, es war einfach nicht üblich, in Teilzeit zu gehen und sich um die Familie zu kümmern."

Zehn, fünfzehn Jahre später haben es die mächtigen Mamis schon besser. Kerstin Andreae, 41, Spitzenkandidatin der baden-württembergischen Grünen bei der Bundestagswahl, sitzt gerade im Auto auf der Heimreise von einem zweiwöchigen Urlaub in der Bretagne. Über die Soundanlage läuft "Harry Potter V" als Hörspiel, ihr 10-jähriger Sohn lauscht andächtig, die kleine Emma, eineinhalb Jahre alt, kräht manchmal, als die Mutter mit stern.de telefoniert. "Natürlich kriegt man das hin, das ist eine Frage der Organisation", sagt Andreae. Organisation heißt aber auch für sie: Einschränkung. "Ich bin sehr streng mit mir, was Abendtermine betrifft. Da schaue ich mir sehr genau an, ob Aufwand und Nutzen in einem Verhältnis stehen." Auch das Wochenende stehe unter diesem Vorbehalt. Und wenn es nicht anders geht, dann nimmt sie Klein-Emma eben mit. So war es zum Beispiel beim Bundestagswahlkampf 2009. Am Infostand habe sie, obwohl drei Leute in ihrem Team immer ein Auge auf das Baby hatten, manchen schiefen Blick kassiert, erzählt Andreae. Aber das halte sie aus: "Wir sind nicht krank. Wir haben Kinder."

Papa posiert vor der Kamera

Sowohl Griefahn wie auch Andreae betonen, dass sie sich trotz Doppelbelastung und gelegentlicher Anfeindung für privilegiert halten. Erster Grund: Beide haben genügend Geld, um Betreuung zu bezahlen. Zweiter und vielleicht noch wichtigerer Grund: Ihre Ehemänner übernehmen ernsthaft Verantwortung. Andreae ist verheiratet mit Volker Ratzmann, Chef der grünen Fraktion im Abgeordnetenhaus des Landes Berlin. Im Juni 2008 kündigte Ratzmann an, er bewerbe sich um den Parteivorsitz und trete gegen Cem Özdemir an. Im September 2008 zog Ratzmann seine Bewerbung zurück. Der Grund: Emma (damals noch im Entstehungsstadium). "Ich habe mich dafür entschieden, dass mein Kind etwas von mir haben soll und umgekehrt", sagte Ratzmann. Dass er dafür auf Level 2 seiner politischen Karriere verzichtete, trug ihm allseits Respekt ein. Auch Ursula von der Leyen, CDU, die Megaministermutter, fand's riesig.

Dass sich die Partner von Politikerinnen ernsthaft familiär engagieren, ist inzwischen nicht mehr unüblich. Marcus Frings, Kunsthistoriker in Offenbach und Ehemann von Andrea Nahles, will in Elternzeit gehen, Özdemir war schon, selbst Landespolitiker der CSU schätzen das einst von ihnen verhöhnte "Wickelvolontariat". Gleichwohl bleibt ein Ungleichgewicht bestehen, zumindest in der Außenwahrnehmung: Politikerinnen mit Kindern werden genauestens beobachtet, ob sie ihre familiären Pflichten verletzen. Politiker mit Kindern posieren stolz vor Kameras - und treiben ansonsten ihre Karriere voran, Tag und Nacht, Samstag und Sonntag. Sie werden nie gefragt, ob der Nachwuchs darunter leidet. "Das ist eine gesellschaftliche Konvention", seufzt Andreae. "Die ändert sich nicht von jetzt auf nachher."

Skudelny, ein Nachtrag

Skudelny übrigens, die Babyrevoluzzerin, hat das auch zu spüren bekommen. Im Plenarsaal, vor laufenden Kameras, tätschelten viele männliche Abgeordnete ihr Baby und ergingen sich in Süßholzraspeleien. Kaum war sie draußen, begannen die Lästereien. "Muss man denn wegen eines Babys so einen Zirkus machen", schimpfte einer. Pech für ihn, dass Skudelnys Mitarbeiter daneben stand.

Mitarbeit: Hans Peter Schütz