HOME

SPD-Parteitag in Dortmund: Wiederauferstehung im Rüttgers-Land

Wer hätte das gedacht? Die SPD lebt. In Nordrhein-Westfalen scheint sogar ein Ende der Herrschaft von Jürgen "Robin" Rüttgers möglich. Seit Freitag schwören sich die NRW-Genossen in Dortmund auf den Wahlkampf ein, am Abend guckten sie gemeinsam das Ruhrpott-Derby. Ein Stimmungsbericht.

Von Lenz Jacobsen, Dortmund

Die Jubelgesänge brechen um 21:36 Uhr aus. Hunderte Genossen liegen sich in den Armen, schwenken ihre Fan-Schals und jubeln den Fernsehern entgegen - zumindest ein Teil von ihnen. Der andere, kleinere Teil, schaut missmutig dem Treiben der Feinde zu.

Hier wird kein Wahlsieg bejubelt, sondern ein Tor. Gerade hat Borussia Dortmund per Elfmeter das 1:0 gegen Schalke 04 erzielt, und die SPD-Anhänger hätten sich zum Mitfiebern keinen passenderen Ort aussuchen können als den Borussia-Park, eine Gastronomie im Inneren des Dortmunder Stadions. Hier dominieren Schwarz-Gelb und Blau-Weiß und nicht das Rot der SPD. Hier gehen die SPD-Buttons zwischen Fußball-Trikots und Schals unter. Dortmund mag die "Herzkammer der Sozialdemokratie" sein, doch das Herzblut, das ist in den andächtigen Gesichtern zu lesen, gehört zumindest in diesen 90 Minuten dem Fußball.

Dabei können sich die Genossen nur deshalb so sehr über Tore freuen, weil es in der großen Politik, wegen der sie heute ja eigentlich zusammengekommen sind, wieder rosiger aussieht. Unerwartet rosig.

"Wir sind die Kümmerer-Partei"

Gerade einmal fünf Stunden ist es her, dass die Delegierten auf dem Landesparteitag in der benachbarten Westfalenhalle ihre Vorsitzende Hannelore Kraft mit beeindruckenden 99 Prozent der Stimmen wiedergewählt haben - soviel hatte selbst Übervater Johannes Rau nur einmal bekommen. Lange hatte die ehemalige Unternehmensberaterin Kraft zuvor geredet, über Bildungspolitik ("Wir wollen kein Kind mehr verlieren"), über verschuldete Kommunen, die sie stützen will ("Wenn Banken systemrelevant sind, sind Städte und Gemeinden es erst recht"), und über ihren Politikstil ("Wir sind die Kümmerer-Partei"). Klassische sozialdemokratische Rhetorik, keine Spur von "Zwängen der Globalisierung" oder "Standortpolitik". Ist das der Weg der SPD zurück zur Basis, zur Parteiseele?

Nimmt man die Stimmung am Abend als Indikator, dann ganz sicher. Im Borussia-Park fließt das Bier schon vor Anpfiff in Strömen, zufriedene Gesichter, wohin man blickt. Die Ex-Ministerin Ulla Schmidt läuft mit breitem Lächeln durch den Saal, und Gesundheits-Experte Karl Lauterbach ist zu späterer Stunde am Kicker zu finden.

Auch Oliver Liebchen ist gut drauf. Keine zehn Minuten ist das Spiel alt, da skandiert er mit seinen Freunden "Heja BVB, Heja BVB!" Was ist ihm denn wichtiger, ein Derbysieg heute oder ein Wahlsieg am 9. Mai? "Schon der Wahlsieg", sagt er schnell - um dann doch noch nachzuschieben: "aber nur knapp!" Der 27-jährige ist Stadtrat in Eschweiler bei Aachen. Er sieht zufrieden aus, zufrieden mit seiner Partei. "Das könnte gut noch was werden mit einer SPD-Regierung", sagt er.

Ihm geht es wie den meisten heute Abend: Er ist fast ein bisschen überrascht angesichts des plötzlichen Aufschwungs seiner Partei. "Die Stimmung ist in letzter Zeit bundesweit viel besser", sinniert er, "aber woran das liegt - ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht."

Zu sehr eine Frau des Sowohl-als-auch

An Hannelore Kraft allein wohl nicht - trotz des fulminanten Wahlergebnisses. Das war wohl eher "ein schönes Zeichen der Geschlossenheit", wie es ein Parteimitglied ausdrückt, als wirklich Begeisterung über die Spitzenkandidatin. Zu verhalten, zu wenig mitreißend und charismatisch ist die 48-Jährige, zu sehr eine Frau des Sowohl-als-auch. "Sie hätte noch etwas kämpferischer sein können", moniert auch Parteimitglied Oliver Liebchen.

Eher sind es wohl die Pleitenserie von CDU und FDP auf Landes- und Bundesebene, der Sponsoring-Skandal um Jürgen Rüttgers und die Ausfälle des Ober-Liberalen Guido Westerwelle, die den Genossen "in die Hände spielen", wie es Nachwuchskraft Liebchen mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht nennt.

"Seit Schwarz-Gelb hat sich die Stimmung für uns schlagartig verbessert", freut sich auch Engelbert Seuren, Parteigeschäftsführer im Rhein-Sieg-Kreis, der kurz vor dem Spiel noch einmal rausgegangen ist, um einen Blick auf das eindrucksvolle, leere Westfalenstadion zu werfen. "Die Leute laufen uns quasi zu!"

Zum ersten Mal seit Jahren haben CDU und FDP ihre Mehrheit in den Umfragen verloren. Auf 46 Prozent kommen die Koalitionspartner, SPD und Grüne erreichen 43 Prozent, und zählt man die Linkspartei noch hinzu, würde es mit 49 Prozent der Stimmen schon jetzt für einen Machtwechsel reichen.

Es gibt deshalb genau zwei Themen, mit denen man den Genossen heute Abend die Laune verderben kann, zumindest für kurze Zeit: Das eine ist das Verhältnis zur Linkspartei. Hannelore Kraft hat eine Zusammenarbeit nie ausgeschlossen, vor allem eine Tolerierung einer rot-grünen Koalition durch die Linken gilt als mögliches Szenario. Doch für viele Genossen sind die Linken ein Schreckgespenst. "Die kann man doch nicht ernst nehmen", meint eine Anhängerin, "das sind doch in der Regel Frustrierte, die in anderen Parteien nicht Fuß gefasst haben, die sind doch nicht politikfähig", ein anderer. Und Oliver Liebchen versteht nicht, warum sein Landesvorstand eine Zusammenarbeit mit den Linken nicht kategorisch ausschließt.

Das andere Thema, bei dem die Mundwinkel nach unten gehen, ist eine mögliche Koalition aus CDU und Grünen. Nach den Umfragen würde es dafür reichen, und beide Seiten scheinen an einem solchen Experiment im größten Bundesland grundsätzlich interessiert. "Sehr sauer" wären viele Genossen, sollte ihnen der Wunschpartner abtrünnig werden, "tief enttäuscht" und "vor den Kopf gestoßen". Oliver Liebchen sagt nur trocken: "Wenn es dafür reicht, werden die das wohl machen." Aber noch ist Zeit und die SPD im Aufwind und hoffnungsfroh. Auf 75 Prozent beziffert eine junge SPD-Anhängerin gar die Wahrscheinlichkeit für die rot-grüne Wunschregierung. "Aber 25 Prozent davon sind wohl noch eher Hoffen", sagt sie. Noch.

Und das Derby? Am Ende gewinnt Schalke das Spiel doch noch mit 2:1. Macht aber nichts, schon Minuten später füllen die gerade noch verfeindeten Lager gemeinsam die Tanzfläche. Heute Abend lassen sie sich von nichts die Laune verderben. Dafür sind sie viel zu glücklich über die eigene Wiederauferstehung.