stern.de-Umfrage Ist Deutschland sozial gerecht?


Die Managergehälter steigen, die Hartz-IV-Sätze bleiben - vom Aufschwung profitieren längst nicht alle. Umso intensiver wird über die soziale Gerechtigkeit in Deutschland diskutiert. Was kann die Politik tun? Was können wir tun? Beteiligen Sie sich an der stern.de-Debatte.

Hartmut Mehdorn ahnte nicht, dass er gleich wie ein begossener Pudel dastehen würde. Genüßlich verfolgte der Bahnchef in der ARD-Talkshow "Anne Will" am vergangenen Sonntag, wie eine Vertreterin der Gewerkschaft Transnet dem Vertreter der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) an den Kragen ging. Die GDL-Forderung nach 31 Prozent mehr Lohn sei "unnormal", "absolut unrealistisch", plärrte die Transnet-Vertreterin. Der GDL-Vertreter konterte, eine solche Lohnsteigerung würde ein Plus von 250 Euro netto bringen. Das sei angemessen nach jahrelangen Nullrunden. Mehdorn lächelte. Wann gelingt es einem Unternehmenschef schon, die Gewerkschaften gegeneinander aufzuhetzen? Dann drehte sich die Debatte plötzlich.

Der Schauspieler und Bahnprivatisierungs-Kritiker Rolf Becker meldete sich zu Wort - und nahm Mehdorn persönlich ins Visier. "Wie viel Prozent haben Sie sich seit der Bahnreform genehmigt, seit 1994? Wollen Sie es sagen, oder soll ich?", fauchte Becker. "Es sind 300 Prozent. Ich bin fast fassungslos, dass Sie sich mit einem jährlichen Gehalt um die drei Millionen Euro so profilieren gegenüber den Kollegen." Mehdorns Gesicht erstarrte. Im Vergleich zu Unternehmen ähnlicher Größe bewegten sich die Vorstandsgehälter der Bahn im unteren Drittel, versuchte er sich zu verteidigen. Außerdem seien die Gehälter zum Teil erfolgsabhängig. Doch diese Argumente drangen nicht durch. Der Eindruck, der stehen blieb: Der Bahnchef sahnt ab. Seine Angestellten hält er kurz.

Gut- und Geringverdiener

Nach den Erhebungen des Instituts für empirische Sozialforschung der Berliner Humboldt-Uni, das sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, was die Deutschen als sozial gerecht empfinden, sorgt nichts für soviel Ärger und Verdruss wie die Managergehälter. In einer Umfrage, die das Institut für die Zeitschrift "Geo" gemacht hat, fragten die Forscher, welchen Managerlohn die Menschen für gerecht halten. Das Ergebnis: knapp 600.000 Euro pro Jahr. Tatsächlich kassierten die Chefs der Dax-Unternehmen im Jahr 2006 durchschnittlich knapp 4,3 Millionen Euro pro Jahr - mehr als sieben Mal soviel. "Das verbreitete Gefühl ist: Es gibt eine Kaste von Managern, die sich die Taschen vollstopft", sagt der Forscher Markus Schrenker, der an der Umfrage mitgearbeitet hat, zu stern.de. Auch für die unteren Einkommen hat Schrenker Daten erhoben. Demnach fänden es die Menschen gerecht, wenn ein ungelernter Arbeiter 1431 Euro pro Monat verdienen würde. Tatsächlich jedoch verdienen Ungelernte durchschnittlich 1130 Euro pro Monat.

Die krasse Spanne zwischen Gut- und Geringverdienern fördert eine Entwicklung, die Ende der 90er Jahre, unter dem sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder, begann: Die Armen werden immer ärmer und die Reichen werden immer reicher. Das wissenschaftliche Instrument, um die Verteilung von Einkommen und Vermögen zu messen, ist der sogenannte Gini-Index. Er sieht einen Wert von 0 für völlig Gleichverteilung und einen Wert von 1 für völlige Ungleichverteilung vor. Im Index aus dem Jahr 2004 liegen Japan, Schweden und Dänemark bei 0,25, sind also Länder, in denen der Wohlstand relativ gut verteilt ist. Deutschland kommt auf 0,3, die USA auf 0,41 und ein Land wie Chile auf 0,57. "Deutschland hat einen negativen Aufholprozess hinter sich", sagt Markus Grabka, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, mit Blick auf die älteren Indices. Will heißen: Während vor den 90er Jahren die Verteilung von Vermögen und Einkommen auffallend gleichmäßig war, bewegt sie sich jetzt auf dem normalen europäischen Niveau. Vermutlich wird es dabei jedoch nicht bleiben. Laut Grabka ist der Trend zu mehr Ungleichheit ungebrochen. Armut grassiert. Der Reichtum auch.

Wer soll's richten?

Heftig schlägt das Empfinden der Deutschen auch in Sachen Generationengerechtigkeit aus: Die Rentner von heute sind gut abgesichert, ihren Nachkommen wird im Alter vermutlich nur ein Taschengeld ausgezahlt. Deswegen halten 77 Prozent der Menschen zwischen 17 und 34 Jahren das Rentensystem für ungerecht. Selbst in der Altersgruppe von 60 bis 88 Jahren ist eine Mehrheit dieser Meinung. Die derzeitigen Rentner und Pensionäre wissen, dass sie von einem Sozialstaatsmodell profitieren, das in den "fetten Jahren" entworfen wurde - und inzwischen seine Gültigkeit verloren hat. Ein weiterer Punkt: die Chancengleichheit. Dass Einwanderer und sozial Schwache im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten haben, hat sich dank der Pisa-Studien rumgesprochen. Eine große Mehrheit ist der Ansicht, dies sei ungerecht.

Wer soll's richten? Der Staat natürlich. Vor allem in Ostdeutschland sind die Erwartungen an die Politik hoch. Weil das so ist, überbieten sich die Parteien in der Sozialpolitik derzeit gegenseitig. Die SPD will die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes erhöhen, in der Union gibt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den Arbeiterführer, die Grünen wollen den Hartz-IV-Regelsatz anheben, die Linkspartei die Agenda 2010 gleich ganz abschaffen. Aber: Reicht das aus? Sind das die richtigen Schwerpunkte? Was muss getan werden, damit sich in Deutschland wieder das Gefühl einstellt, dass es sozial gerecht zu geht? Ihre Meinung ist gefragt.

Lutz Kinkel

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