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Streit um Clement: Wolfgang im Dschungel-Camp

Ex-Minister Clement macht Wahlkampf gegen seine Partei. Und die unterstützt ihn noch dabei. Die SPD-Führung sollte ihn besser ignorieren statt mit Rauswurf zu drohen. Und Clement sollte von sich aus gehen - um das letzte bisschen Ehre zu retten, das ihm noch geblieben ist. Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers.

Was Wolfgang Clement von seinen Genossen und deren Politik hält, wissen wir seit langem: wenig bis nichts. Seit Sonntag wissen wir allerdings auch endgültig, was wir von Wolfgang Clement zu halten haben: wenig bis nichts. Und das hat eher wenig mit Clements publizistischen Ansichten und politischen Absichten zu tun. Es ist schlicht eine Charakterfrage.

Ypsilantis Bedeutung ist gestiegen

Eigentlich müsste sich Andrea Ypsilanti freuen, wie stark ihre Bedeutung gestiegen ist. Vor ein paar Wochen hätte Clement eine wie sie weder wahr- noch ernstgenommen. Jetzt lässt er sich herab, für einen lumpigen Lohn in Springers "Welt am Sonntag" gegen ihre Wahl anzuschreiben. So weit ist es schon mit ihm gekommen. Man könnte auch sagen: So weit ist er heruntergekommen.

Natürlich ist es Clements gutes Recht, für komplett falsch, sogar für irre zu halten, was seine, ähem, Parteifreundin in Hessen nach einem Wahlsieg durchsetzen will. Man nennt das Meinungsfreiheit. Die gilt auch in Parteien. Es ist auch Clements gutes Recht, laut zu sagen, was ihm durch den Kopf schwurbelt - je lauter, desto heftiger freuen wir Journalisten uns über die krachenden Schlagzeilen, die wir frei Haus geliefert bekommen. Denn nichts ist schöner, als wenn zwei aus derselben Truppe übereinander herfallen. Beck gegen Merkel? Gähn, wie langweilig. Aber Beck gegen Steinmeier, das rockt! Genauso wie Clement gegen Ypsilanti. Der gelernte Journalist Clement weiß das natürlich nur zu genau.

Man hält für ein paar Wochen die Klappe

Der Machtpolitiker Clement dagegen hätte jeden aus der SPD teeren und federn lassen, der ihm im Wahlkampf derartig in den Rücken gefallen wäre (und, goddamn, es gibt viele, die das gerne getan hätten!) Denn im Wahlkampf gilt eine Regel: Right or wrong, it's my party. Da hält man für ein paar Wochen die Klappe. Basta. Davor oder danach kann man dann mit fast allen Mitteln gegen alles kämpfen, was man für falsch oder irre hält oder wofür man von seinen aktuellen Auftraggebern bezahlt wird. Wer das nicht verstehen und beherzigen will, mag für sich hehre moralische Ansprüche geltend machen. In der Politik aber hat er nichts verloren. Er handelt entweder dumm oder perfide. Und Wolfgang Clement mag viele unangenehme Eigenschaften haben, dumm ist er nicht.

Der Mann war immerhin mal Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Superminister in Berlin und stellvertretende Bundesvorsitzender seiner Partei. Aus ureigener Kraft wäre er nichts davon geworden. In NRW hat ihn Johannes Rau groß gezogen, in Berlin hat in Gerhard Schröder gestützt. Ohne deren Hilfe wäre er in keines seiner Ämter gekommen. Denn für viele in der SPD hatte er den Beliebtheitsgrad eines Furunkels am Hintern. Clement hat sich auch alle Mühe gegeben, seine Unbeliebtheit so weit wie möglich zu steigern. Er hat selten einen Hehl daraus gemacht, dass er die große Mehrzahl der Sozialdemokraten entweder für Spinner oder Sozialromantiker, also heillose Deppen hält, und sich für einen der Schlauesten von allen. Irgendwie war die SPD immer nur die Partei, in der er Mitglied war. Seine Partei war es nie. Seine dementsprechend miesen Ergebnisse bei Vorstandswahlen hat er wie Schmisse getragen. Nach außen jedenfalls. Vergessen hat er es den Genossen aber nicht.

Clement führt sich auf wie im Dschungel-Camp

2005 haben sie ihn dann aussortiert. Ausgerechnet bei der Großen Koalition, die er so gerne früher schon gehabt hätte, durfte er nicht mehr mitmachen. Und dann fummelte dieser Beck auch noch an den Hartz-Reformen rum, die er als Minister zu verantworten hatte - samt ihren handwerklichen Fehlern, übrigens. Seither jedenfalls führt Clement sich auf wie im Dschungel-Camp. Ein abgehalfterter Star, der sich auf seine alten Tage für ein paar Kröten zum Larry macht. Im Prinzip bettelt er seit Monaten: Holt mich hier raus! Erlöst mich von diesem Übel!

Die harsche Reaktion von SPD-Fraktionschef Peter Struck auf Clements letzten Streich im Springers "WamS" ist deshalb verständlich. Klug ist sie trotzdem nicht. Clement wartet doch nur darauf, aus der SPD geworfen zu werden und sich so einen Abgang mit Aplomb zu verschaffen. Den Gefallen sollte die SPD-Führung ihm nicht tun. Sie sollte ihm nicht auch noch helfen, ihr zu schaden. Am besten würde sie ihn gar nicht erst ignorieren. Wenn der Alte in seinem Austragshäusl randalieren will, bitteschön, jeder blamiert sich so gut er kann.

Aber das sollte Wolfgang Clement sich und seiner Noch-Partei nicht antun. Er hat ja auch seine Verdienste. Die sollte er nicht verspielen. Nein, wenn Clement noch ein bisschen Ehre im Leib hat, dann geht er von sich aus, möglichst schnell. Besser wäre es allerdings gewesen, er hätte diesen Schritt schon längst getan.