Sturmflut "Die Nordsee ist unberechenbar"


Eine schwere Sturmflut brandet an die Küsten Norddeutschlands. In Emden stand das Wasser drei Meter über dem Normalstand. Bei Windstärke sechs bis sieben berichtet stern.de vom Sturmtag an der Nordseeküste.
Von Jan Zier

Der alte Mann auf dem Deich winkt ab. Nein, den Fotoapparat heraus zu holen, "dat lohnt doch gar nicht". Da hat er schon ganz anderes gesehen, auch hier im Emden, wo er herkommt, wo es ihn immer wieder hinzieht, von wo aus er jahrzehntelang zur See gefahren ist. Doch heute bleibt die Sturmflut aus.

Sechs, sieben Windstärken mögen es hier wohl sein. Und alles geht seinen gewohnten Gang. Angekündigt war ein Orkan, jedenfalls in den Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes. Und das Niedersächsische Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) befürchtete sogar eine "schwere Sturmflut".

Von Böen aus Nordwest mit Windstärken bis zu elf, vereinzelt sogar zwölf Beaufort sprachen die Meteorologen entlang der ganzen deutschen Nordseeküste. "Bei Windstärke zehn würden wir hier nicht mehr stehen", sagte der alte Seemann und muss nicht einmal seine blaue Schiebermütze dabei festhalten. Draußen auf der Insel Norderney bläst einem der Sturm noch mit 80 Kilometern in der Stunde entgegen, neun Beaufort, die Wellen schlagen über acht Meter hoch und Nachrichtenagenturen vermelden "Flutwellen", die gegen die deutsche Küste "peitschen".

"Die Nordsee ist unberechenbar"

Auch beim Nordsee-TV hat man noch Hoffnung. Unverdrossen dreht das Team seine Bilder. Nein, passiert sei noch nichts. Aber das könne ja noch kommen. "Die Nordsee ist unberechenbar", sagt der Redakteur, während er dort, wo sonst die Schafe weiden, den Deich hoch stapft. Seine Augen funkeln.

Gute drei Meter stehen diese Fluten in Emden über dem mittleren Hochwasser. Die Hafenanlage an der Fähre von Borkum war überschwemmt. Wachposten schreiten die Küste auf und ab, kontrollieren, wie nach jedem Hochwasser, halten den Wasserstand mit ihrer Handykamera fest.

Auch die Mitarbeiter des NLWKN sind in Alarmbereitschaft, auf den Inseln ebenso wie auf dem Festland. Und bei der Direktion in Norden wurde - auch wegen des leck geschlagenen Bananenfrachters - ein Einsatzstab eingerichtet. Dessen grüne Reste finden sich heute in Norderney wieder und auch auf Baltrum. Und die Behörden weist vorsorglich darauf hin, dass die Früchte nicht mehr genießbar sind.

Vergangenes Jahr war alles schlimmer

"Das ist alles Routine", sagt ein Außenposten vom Hafenamt im Emden, und winkt ab. Keine besonderen Vorkommnisse. "Daran sind wir schon gewöhnt". Und auch die Sprecherin des NLWKN meint, für den November sei dass alles nicht ungewöhnlich, und im vergangenen Jahr war alles viel schlimmer. An den 1. November 2006 können sie sich hier alle noch gut erinnern. Damals stand das Wasser 3,60 über dem mittleren Hochwasser, am Emssperrwerk, etwas unerthalb der Stadt, sogar 3,90 Meter. Auch heute ist es wieder geschlossen. Und auch in Cuxhaven wurden nach Angaben des maritimen Lagezentrums die Sperrtore geschlossen.

Zwei große Schlepper waren bereits am Donnerstag für den Notfall auf Sturmposition gebracht worden. Der Fährverkehr zu den Inseln und Halligen Schleswig-Holsteins ist stark beeinträchtigt: Die Verbindungen zwischen Schlüttsiel in Nordfriesland zu den Halligen Hooge und Langeneß wurden vorübergehend eingestellt. Auch zwischen Sylt und der dänischen Insel Röm fuhren die Fähren nicht mehr. Polizei und Feuerwehr melden keine Sturmschäden.

Ob das so bleibt, ist unklar. Das Sturmtief "Thilo" erreicht Deutschland am Freitagnachmittag, und beim nächsten Hochwasser könnten die Fluten stärker gegen den Deich drücken. Der alte Seemann wird dann auch wieder da sein.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker