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Stuttgart 21 Schlichtungsübung ohne Geißler


Die offizielle Schlichtung hat heute begonnen. Befürworter und Gegner des Bahnhofneubaus sprachen schon am Vorabend ohne Schlichter Heiner Geißler miteinander – und stießen dabei auf Probleme.
Von David Weyand, Stuttgart

Prominente Politiker, bekannte Widerständler, Live-Übertragungen im Fernsehen und Internet - die heute beginnenden Vermittlungsgespräche zu Stuttgart 21 sind die große Bühne. Aber der geplante Bahnhofneubau sorgt nicht nur im Rathaus für viel Diskussionsstoff. Auch bei den Bürgern der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist er das Top-Thema. Und deshalb haben sich am Vorabend der ersten offiziellen Vermittlungsrunde Befürworter des Projekts getroffen, um mit den Gegnern in einen Dialog zu treten. Bürger-Schlichtung.

Vor dem Nordeingang des Hauptbahnhofs stehen am Donnerstagabend rund 150 Menschen in kleinen Grüppchen. Gesprächsfetzen wabern durch die kalte Luft: Tunnelbau, Flughafenanbindung, Immobilienprojekte, Polizeieinsatz. Gelegentlich werden die Unterhaltungen lauter und emotionaler.

Initiator der Aktion ist der Arzt Matthias Kauffmann. "Gerade wo die Schlichtung anläuft, wollen wir zeigen, dass wir Befürworter auf die Gegner zugehen wollen", begründet er seine Initiative. Kauffmann hat eigens die Facebook-Gruppe "Bauzaun für Stuttgart 21" gegründet. Die Zahl der Mitglieder ist mit etwas über 150 noch überschaubar. Aber bei einer ersten Aktion am Bauzaun vor einer Woche haben immerhin rund 400 Menschen miteinander diskutiert. Die Idee dazu kam ihm, als er vor wenigen Wochen bei Gesprächen mit S-21-Gegnern übel beschimpft wurde. So dürfe man trotz unterschiedlicher Ansichten nicht miteinander umgehen, sagt er.

"Die Gegner haben keinen Alleinvertretungsanspruch"

Nach einer Kundgebung am Stuttgarter Rathaus von 5000 Befürwortern haben sich an diesem Abend etwa 50 Mitstreiter um Kauffmann versammelt. Stolz faltet er ein selbstbemaltes Stoffbanner aus - wie auf den Ansteckern der Umstehenden steht darauf: "Oben ohne". Das wolle er später am Bauzaun befestigen, kündigt er an. Gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen läuft er die anderthalb Kilometer zum Bahnhof. "Ich will für das Projekt Flagge zeigen. Die Gegner haben keinen Alleinvertretungsanspruch", begründet einer der Mitlaufenden seine Teilnahme.

Nicht nur auf der höchsten Ebene sondern auch zwischen den Bürgern müsse es mehr Gespräche geben, fordert Kaufmann. "Für mich ist das gelebte Zivilgesellschaft". Da es um die zukünftige Gestaltung Stuttgarts gehe, müsse sich jeder fragen, wie er sich einbringen könne. "Wir Bürger haben auch eine gewisse Bringschuld", sagt der junge Arzt. Es gehe nicht nur um ein Bahnprojekt, sondern um das grundsätzliche Politikverständnis. Basisdemokratie sei wichtig, wobei sich die Bürger friedlich, allein mit Worten und ohne Polemik austauschen müssten. Er jedenfalls sei grundsätzlich offen für alle Argumente, auch die der Gegner. Das erwarte er aber im Gegenzug auch von ihnen.

Das sieht Fritz Mielert, Sprecher der "Parkschützer", anders. Seine Gruppe, die aus Protest an den offiziellen Schlichtungsgesprächen nicht teilnimmt, ist auch zu den Bauzaun-Treffen nicht erschienen. Am Telefon sagt Mielert, prinzipiell sei auch er immer für Gespräche bereit. Aber die Fronten seien derart verhärtet und alle Argumente ausgetauscht. Er wisse nicht, was solche Bürgertreffen jetzt noch bringen sollen.

Diskussionen driften ins Persönliche

Am Bauzaun, in der Kälte, steht ein großer grauhaariger Mann, er hat keine Jacke an, er friert. "Ich will trotzdem wissen, warum andere noch immer für die Tieferlegung sind. Deshalb bin ich zu dieser Diskussion gekommen", sagt er. Allerdings sei er sehr enttäuscht über das mangelnde Faktenwissen der Befürworter. Am Ende des Abends ist für den Mann klar: Zu den Bauzaun-Gesprächen wird er nicht noch einmal kommen. Eine junge Frau, auch sie ist eine S21-Gegnerin, ist ebenfalls enttäuscht von dem Treffen: "Die Diskussionen driften zu schnell ins Persönliche und es kommt auch zu Beleidigungen", beschwert sie sich. Doch auch umgekehrt hört man Klagen: Wenn die Gegner mit ihren Argumenten nicht mehr weiterkämen, komme immer wieder dieselbe Leier von den "zu hohen Kosten", mosert einer aus der Befürworter-Ecke.

Zwischendurch droht die friedliche Stimmung am Bauzaun zu kippen als Matthias Kauffmann sein Transparent befestigen will. Umherstehende Gegner sind empört, weil er ihre Banner damit verdecken würde. Er lenkt ein und sucht sich einige Meter weiter einen freien Platz. Es gehöre nun mal zur Meinungsvielfalt, sagt er, dass auch Pro-Plakate am Bauzaun hängen dürften. "Die sollen sich eine eigene Spielwiese suchen", brummt ein Gegner.

Auf beiden Seiten trifft man an diesem Abend jedoch Menschen, die zahlreiche und gut begründete Argumente vortragen können, anderen gehen sie schnell aus. Von Gruppe zu Gruppe ist das Diskussionsniveau unterschiedlich. Sowohl Befürworter als auch Gegner von S-21 setzen deshalb große Hoffnungen in die offiziellen Schlichtungsgespräche. Sie erwarten sich mehr Transparenz, wenn alle Fakten auf dem Tisch sind und Fachleute miteinander diskutieren. Eine endgültige Entscheidung erwartet keiner. Das müsse politisch entschieden werden, ist die einhellige Meinung.

Kauffmann ist dennoch zufrieden mit der gesamten Aktion: Er selbst habe fruchtbare Gespräche geführt, alles sei friedlich verlaufen. Außerdem habe auch er etwas gelernt, worüber tatsächlich zu diskutieren sei: Wieso darf eine Stadt ein denkmalgeschütztes Gebäude abreißen, eine Privatperson aber nicht ohne Weiteres? Schon bald hat er Gelegenheit darüber zu reden, denn er will auch kommenden Donnerstag mit Gleichgesinnten zum Bahnhof kommen, um mit den Gegnern von Stuttgart 21 zu sprechen. Der nächste Versuch zur Bürger-Schlichtung.


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