Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 3 Wir liegen nicht am Boden!


16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel ab. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im dritten Teil beschreibt er seine Fassungslosigkeit nach den brutalen Straßenschlachten von Rostock.
Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

Ein schöner Morgen bricht heran. Kein Lärm, kein Auto, … Ruhe! Blätter rauschen, die Felder wiegen sich im Wind, Vögel erwachen...

" ... über 430 verletzte Beamte, darunter über 130 zum Teil Schwerstverletzte, über 30 Kollegen mussten stationär aufgenommen werden!" Brutal zerreißt die Funkmeldung über die gestrigen Straßenschlachten die trügerische Stille. Schönen guten Morgen! Willkommen in der Realität!

Diese schonungslose Bilanz schockt selbst im Einsatz erfahrene Beamte. Die Gesichter meiner Leute sprechen Bände. Ausschreitungen waren zu befürchten, haben wir erwartet. Dieses ungeahnte Maß an Brutalität und Menschenverachtung stellt jedoch alles weit in den Schatten, was jemals in Deutschland zu erwarten war.

Meine Gruppenführer und ich haben alle Hände voll zu tun, um Antworten auf Fragen zu finden, die wir uns selber nicht geben können. Es fehlen uns einfach zu viele Informationen, um konkret auf mögliche Ursachen, Fehler ... eingehen zu können.

Ausführliche Gespräche mit meinen Gruppenführern über Taktikänderungen, Verhaltensweisen bei dieser Art von Gewaltexessen - das war die Hauptaufgabe heute für mich.

Weitere interne, im Verlauf des Vormittags eintreffende Meldungen, über den Einsatzverlauf und die Art der Verletzungen sorgten dafür, dass bei meinen Beamten aus nachdenklichen Gesichtern finstere Mienen wurden. Wer will es diesen jungen Menschen verdenken.

Aber wenn Rache Einzug hält, hat die Gerechtigkeit verloren. Wir können es uns nicht leisten, wir wollen es uns nicht leisten. Wir sind an Recht und Gesetz gebunden, und dieser Grundsatz steht unverrückbar. Das ist unser Auftrag, und dazu stehen wir.

Wir gehen oft ein großes Risiko bei der Erfüllung polizeilicher Aufgaben ein. Das ist unser Beruf. Das Ergebnis von gestern ist nun bekannt. Ist es das, was unser Land von seinen Polizisten verlangt? Über 430 verletzte Beamte! Ist es das, was Politiker von Bund und Länder brauchen, um endlich zu verstehen, was Polizeivertretungen wie DPolG, GDP und andere seit langer Zeit anmahnen? Über 130 zum Teil schwerstverletzte Beamte!

Ist es das, was Medien brauchen, um scheinheiligen G8-Kritikern und G8-Organisatoren eine Plattform geben zu können, um ihrer Informations- und Mitteilungspflicht nachkommen zu können? Über 30 stationär aufgenommene Beamte!

Wer hat eine Ahnung davon, was uns als Polizisten in solchen Einsatzsituationen durch den Kopf geht, was wir denken, fühlen, ... gar sehen müssen?

Junge Menschen, Väter, Mütter, die von ihren Familien, ihren Eltern, Kindern, Partnern in einen Einsatz verabschiedet wurden, aus dem sie lange Zeit nicht oder nur verletzt nach Hause kommen werden.

Wie will man das Kindern, Eltern, Familien erklären, dass sorgenvolle Anrufe, SMS, Emails nach Sondermeldungen nicht beantwortet werden können, weil wir zu diesem Augenblick geradezu förmlich um unser Leben kämpfen müssen oder bewusstlos oder blutüberströmt am Boden liegen?

Liebe Leserinnen und Leser, finden Sie, dass ich übertreibe?

Können Sie sich vorstellen, mit ihren Kollegen morgens zu Arbeit zu fahren und abends nur noch mit der Hälfte wieder heimzukehren? Gestern war erst die "Auftaktveranstaltung"! Was bringen uns die nächsten Tage, die nächsten Nächte? Was bringt uns der eigentliche "Gipfel"?

Fragen über Fragen für Sie und für mich, und keiner weiß die Antworten. Vor zwei Tagen schrieb ich Ihnen, dass wir gut vorbereitet sind. Wir haben für unsere gestrige Strategie teuer bezahlen müssen. Den sogenannten Autonomen sei aber entgegnet: " Wir liegen nicht am Boden!"

PS:

Dass der Großteil unseres Landes, der Bevölkerung, zu uns hält und zu uns steht, beweisen viele Hunderte Anrufe und Emails, die bereits zu den frühen Morgenstunden die Pressestelle "Kavala" erreicht haben.

Ich möchte an dieser Stelle die Möglichkeit nutzen, mich stellvertretend im Namen meiner Einheit für die Genesungswünsche für die verletzten Kollegen und für die Unterstützung jedweder Art Ihrerseits bedanken. Ich versichere Ihnen, dass uns diese Gesten tausendmal mehr wert sind, als billige Floskeln in irgendwelchen Talkshows oder vorgefertigte Anteilnahmen und Dankesschreiben.

Bilanz des heutigen Tages für Heiligendamm: Keine besondern Vorkommnisse! Der Tag kommt zu Ruh, neigt sich dem Ende. Der Abend bricht an ...


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