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Terrorgefahr in Europa: Hannovers Nacht der Angst

Erst die Absage des Fußballspiels Deutschland gegen die Niederlande wegen Terroralarms, dann ein verdächtiges Paket in einem Zug: Hannover erlebte eine unruhige Nacht. Die Polizei sucht nach Verdächtigen.

Einsatzkräfte der Polizei sperren nach der Absage des Fußball-Länderspiels Deutschland - Niederlande das Gebiet vor dem Teamhotel der deutschen Mannschaft im niedersächsischen Barsinghausen.

Einsatzkräfte der Polizei sperren nach der Absage des Fußball-Länderspiels Deutschland - Niederlande das Gebiet vor dem Teamhotel der deutschen Mannschaft im niedersächsischen Barsinghausen.

Die Angst vor Angriffen wie in Paris hat auch Deutschland erreicht: In Hannover suchte die Polizei in der Nacht nach der kurzfristigen Absage des Fußball-Länderspiels Deutschland gegen die Niederlande wegen eines drohenden Sprengstoffattentats nach Verdächtigen. Festnahmen gab es aber bisher nicht. Auch Sprengstoff wurde bislang nicht gefunden. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) will sich im Laufe des Tages zu den Vorfällen äußern.

Das Fußballspiel war am Dienstagabend kurz nach dem Einlass abgesagt worden. Von einem ausländischen Geheimdienst seien Informationen über ein mögliches Attentat eingegangen, berichtet die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf Sicherheitskreise . Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe sagte der dpa: "Wir haben konkrete Hinweise gehabt, dass jemand im Stadion einen Sprengsatz zünden wollte."

"Wir sind an verschiedenen Orten im Einsatz"

Laut "Spiegel online" soll der französische Geheimdienst die Quelle der Information sein. Dies berichtete auch die "Bild"-Zeitung. Zunächst habe es Hinweise gegeben, dass eine Gruppe um einen namentlich bekannten Nordafrikaner einen Anschlag planen könne. Es sei konkret von Sprengmitteln, Sprengstoffgürteln, automatischen Waffen und Sprengsätzen an den Zufahrtswegen die Rede gewesen. Dann habe der französische Geheimdienst auf einen irakischen Schläfer hingewiesen, der einen Anschlag auf das Freundschaftsspiel geplant haben soll. 

Die Polizei zeigte in der Nacht zu Mittwoch weiterhin Präsenz in Hannover und suchte nach Verdächtigen. "Wir sind an verschiedenen Orten im Einsatz", sagte die Sprecherin der Polizeidirektion Hannover. Details wollte sie nicht nennen. Seit der Absage des Länderspiels am Dienstagabend habe es mehrere Überprüfungen von verdächtigen Gegenständen gegeben, die sich alle nicht bestätigt hätten.

Wer hinterließ Bombenattrappe in ICE?

Nach dem Fund einer Sprengstoffattrappe in einem IC sucht die Polizei auch nach dem Mann, der das Paket dort liegen ließ. "Wir werten alles Material aus, das wir haben, und wenn es Videoaufnahmen gibt, dann auch die", erklärte der Sprecher der Bundespolizei.

Ein Reisender hatte am Abend in dem Zug einen verdächtigen Gegenstand bei der Ankunft in Hannover entdeckt und die Bundespolizei alarmiert. Ein unbekannter Mann soll das Paket auf der Gepäckablage abgelegt haben. Eine Mitreisende habe den Mann darauf aufmerksam gemacht, dass er etwas vergessen habe, als dieser aufstand und ging. Der Unbekannte habe aber nicht darauf reagiert, sondern den Zug verlassen und sei geflüchtet. 

Bundespolizisten untersuchten das Paket. Nachdem auch ein Sprengstoffsuchhund angeschlagen habe, seien Entschärfer hinzugezogen worden. Sie fanden beim Röntgen diverse elektronische Bauteile. Bei dem Fund handelte es sich nach Aussagen von Bundespolizeisprecherin Sandra Perlebach um eine gut gemachte Sprengstoff-Attrappe und nicht um eine scharfe Bombe, wie zunächst befürchtet worden war. Der betroffene Zug war auf dem Weg von Hannover über Bremen nach Oldenburg.

Überall bewaffnete Polizei 

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte am Dienstagabend von einer Gefährdung gesprochen, ohne konkrete Hintergründe zu nennen. Die Empfehlung zur Spielabsage sei ihm nicht leichtgefallen, sagte de Maiziere in Hannover. Die Hinweise hätten sich jedoch immer mehr verdichtet. "In einer solchen Lage hat im Zweifel der Schutz der Menschen Vorrang." Er habe die Absage nach Beratungen mit den Sicherheitsbehörden empfohlen. Der Innenminister wollte keine Angaben zur Quelle oder zum Ausmaß der Gefährdung machen. Antworten darauf, könnten Rückschlüsse auf künftiges Verhalten zulassen und Hinweisgeber möglicherweise dazu bringen, keine Hinweise mehr zu geben.

Nach der Absage des Länderspiels anderthalb Stunden vor dem Anpfiff in der HDI-Arena herrschte Furcht in der niedersächsischen Landeshauptstadt. In der Innenstadt heulten die Sirenen der Einsatzwagen, Blaulicht flackerte auf den Straßen. Alle Zufahrten zum Stadion waren mit Reihen von Polizei-Kleinbussen und Sanitäts-Fahrzeugen zugestellt, Fahrzeuge mit Sonderkommandos sicherten das Gelände, und vermummte und schwerst bewaffnete Polizisten in voller Montur riegeln das Areal weiträumig ab.

In der gesamten Innenstadt von Hannover gab es eine starke Polizeipräsenz, die Stimmung war nervös. Die Menschen wurden angewiesen, nach Hause zu fahren und Menschenansammlungen zu meiden.

Die Fußballfans verließen geordnet und ohne Panik das Stadion. Innerhalb kürzester Zeit sei der Platz vor der Arena so gut wie leer gewesen, berichtete ein Reuters-Fotograf. Die Polizeipräsenz wurde erheblich verstärkt. Aus Lautsprechern ertönte: "Das Fußballspiel heute Abend wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Wir fordern alle Besucher auf, umgehend die Heimreise anzutreten."

DFB-Elf war gerade auf dem Weg zum Stadion

Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und de Maiziere waren auch Vizekanzler Sigmar Gabriel und Justizminister Heiko Maas (beide SPD), die sich als Zuschauer angekündigt hatten, zum Zeitpunkt der Absage des Spiels noch nicht im Stadion. Die Busse der deutschen und holländischen Mannschaft befanden sich laut DFB-Vizepräsident Reinhard Rauball noch etwa fünf Kilometer vom Stadion entfernt und seien dann an einen sicheren Platz gefahren worden. Später machten sich die Spieler auf den Weg nach Hause.

DFB-Pressechef Jens Grittner hatte kurz nach der Absage via Twitter mitgeteilt, dass die Mannschaft an einem sicheren Ort sei. "Mehr können wir derzeit nicht sagen, Bitte u. Verständnis", schrieb Grittner. "Sind auf dem Weg ins Stadion v. d. Polizei umgeleitet worden u. an sicherem Ort." Erst am Sonntag war entschieden worden, dass ungeachtet der Furcht vor Anschlägen in Europa das Spiel stattfinden sollte - vor allem als Zeichen der Solidarität mit Frankreich. 

Am Freitag hatte die deutsche Mannschaft den Terror von Paris hautnah miterlebt. Am Rande des Spiels gegen EM-Gastgeber Frankreich hatten sich drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Die Mannschaft hatte daraufhin die ganze Nacht im Stade de France in Saint-Denis verbracht. Gegen 6.30 Uhr morgens war das Team mit Polizeieskorte zum Flughafen Charles de Gaulle gebracht worden.  

mad/anb/DPA/Reuters