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Berichte über Abrechnungsbetrug "Nun müssen wir alle das ausbaden": Testzentrum-Betreiber erklärt, wieso die Regeln es Betrügern leicht machen

Baden-Württemberg, Stuttgart: Menschen stehen vor einem Testzentrum
Baden-Württemberg, Stuttgart: Menschen stehen vor einem Testzentrum
© Christoph Schmidt / DPA
Betreiber privater Corona-Testzentren haben möglicherweise Geld kassiert, das ihnen nicht zusteht. Stefan Raabe, Geschäftsführer eines Testzentrums in Hamburg, würde das nicht überraschen. Ein Gespräch.

Stefan Raabe, 49, geht nach draußen. "Dann kann ich auch kurz die Maske absetzen", sagt er am Telefon und nimmt einen tiefen Atemzug. Er ist Geschäftsführer eines privaten Corona-Testzentrums in Hamburg. Und natürlich hat er die Berichte über groß angelegten Abrechnungsbetrug in Testzentren wahrgenommen, die derzeit für Aufregung sorgen. Raabe, der stern hat seinen richtigen Namen für diesen Text geändert, teilt die Aufregung. Er ist verärgert. Auch, weil die mutmaßlichen Betrügereien für ihn absehbar waren. "Die bisherigen Regelungen waren viel zu lasch", sagt er im Gespräch.  

Testzentrum-Betreiber über Betrugsversuche: "Es gibt mehrere Probleme"

Nach Berichten über mutmaßlichen Abrechnungsbetrug in privaten Corona-Testzentren ist die Aufregung groß. In der Politik ist ein Streit entbrannt, wer künftig wie kontrollieren soll. Sie betreiben eines der ersten privaten Schnelltest-Zentren in Hamburg. Wie haben Sie auf die Berichte reagiert, wie erleben Sie die Debatte?

Stefan Raabe: Es war absehbar, wir haben das leider kommen sehen. Die bisherigen Regelungen waren viel zu lasch und haben damit auch Geschäftemacher auf den Plan gerufen, die nur den schnellen Euro wittern und sich dabei um die Qualität der Testungen oder gar die Pandemiebekämpfung wenig scheren. Das ist extrem ärgerlich, denn nun steht eine ganze Branche unter Generalverdacht. 

Wie würden Sie einem Laien die aktuellen Kontrollmechanismen erklären?

Die Testzentren melden für die Kostenerstattung ihre Zahlen, also wie viele Menschen sie getestet haben, an die Kassenärztliche Vereinigung. Dabei wird auch angegeben, wie viel Geld für die Tests ausgegeben wurde. Ein Test darf aktuell bis zu sechs Euro kosten. Es gibt verschiedene Tests zu verschiedenen Preisen – aber eben auch von unterschiedlicher Qualität.

Hatten Sie bisher das Gefühl, nicht streng genug kontrolliert zu werden?

In Bezug auf die Einhaltung der Hygienemaßnahmen nicht. Da wurden wir bereits mehrfach kontrolliert, immer ohne Beanstandungen, da wir unseren Job sehr ernst nehmen. Es wundert mich aber schon, dass bei der Meldung der durchgeführten Tests nicht einmal die Rechnungen für ebendiese eingereicht werden müssen – zumindest noch nicht.

Auslöser der aktuellen Diskussion waren Verdachtsfälle aus Nordrhein-Westfalen und Bayern, wo Betreiber von Testzentren deutlich mehr Tests gemeldet und abgerechnet haben sollen, als sie tatsächlich durchgeführt haben. Ist es wirklich so ein leichtes, Testungen vorzuspiegeln, um Geld zu kassieren?

Es gibt mehrere Probleme. Bisher wollte die Kassenärztliche Vereinigung, zumindest von uns, noch keine Rechnungen für die Tests sehen – diese müssen aber mehrere Jahre vorgehalten werden. Hier besteht für Betrüger also wenigstens das Risiko, später bei einer Kontrolle aufzufliegen, sollten falsche Angaben gemacht worden sein. Für noch problematischer halte ich aber, dass die Daten getesteter Personen bisher für eine Kontrolle nicht verwendet werden dürfen. Gut für den Datenschützer, schlecht für den Steuerzahler. Wie soll so kontrolliert werden, ob gemeldete Testungen auch tatsächlich stattgefunden haben – außer man stellt sich einen ganzen Tag vor ein Zentrum und zählt?! 

Was schlagen Sie vor, wie kann möglicher Betrug weiter erschwert werden?

Es wäre nötig, dass zumindest stichprobenartig die Daten getesteter Personen kontrolliert werden können; noch besser auch die Frage, ob die Person tatsächlich zum Test erschienen ist, denn nicht wenige Menschen buchen nur den kostenlosen Test und stornieren ihn dann wieder oder erscheinen einfach nicht. Außerdem müssen die Ausgaben und Rechnungen für Tests sofort vorgelegt und geprüft werden. Die aktuellen Regelungen geben möglichen Betrügern zu viel Spielraum. Es müsste etwa kontrolliert werden können, wie viele Anmeldungen es an einem Tag gegeben hat und ob diese auch mit gemeldeten Testungen der Zentren übereinstimmen. Klar, das ist ein riesiger Aufwand – aber vermutlich der einzige Weg, um Betrug zu verhindern oder im Nachhinein aufzudecken. 

Stellt sich die Frage: Wer ist verantwortlich? Gesundheitsminister Spahn sieht bei der Kontrolle die lokalen Behörden, also Ordnungs- und Gesundheitsämter, sowie Kassenärztliche Vereinigungen in der Pflicht – er könne "nicht aus Berlin heraus die Testzentren kontrollieren". Der Städte- und Gemeindebund sieht hingegen den Bund als Auftraggeber in der Pflicht und mahnt, dass die Gesundheitsämter der Kommunen schon jetzt völlig überlastet seien. Einigkeit herrscht gerade nur darüber, dass schärfer kontrolliert werden soll

Sicher ist, dass es klare Zuständigkeiten braucht. Die gibt es aktuell ganz offensichtlich nicht: Jeder schiebt die Verantwortung weiter. Wenn das Gesundheitsministerium und der Bund eine Teststrategie auf den Weg bringen, und die Gelder dafür bereitstellen, sollten sie auch dafür Sorge tragen, dass Betrug unterbunden wird. Die Gesundheitsämter und lokalen Behörden können neben Hygienekonzepten nicht auch noch die Finanzen überprüfen.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt kritisierte die bestehende Verordnung als nicht ausreichend, wodurch es "schwarze Schafe" erst geben könne. Sind es ein paar schwarze Schafe oder haben wir es möglicherweise mit einer Schafsherde zutun?

Es ist zu befürchten, dass die nun bekannt gewordenen Verdachtsfälle kein Einzelfall sind. Ob sie nur die Spitze des Eisberges sind, werden die nächsten Wochen bis Jahre zeigen.

Wie konnte es dazu kommen, was wurde versäumt?

Es wurde zu spät Tempo gemacht in Sachen Schnelltest, und ich denke, in der schwierigen Phase Anfang des Jahres auch als Beruhigungspille der Bevölkerung für den verpatzten Start der Impfkampagne. Als wir vor vielen Monaten – lange vor den kostenlosen Bürgertests – unser Testzentrum geplant haben, war es schwierig herauszufinden, wie die Regelungen für private Testzentren überhaupt aussehen. Wir mussten ein umfassendes Konzept vorlegen und in mehreren Runden mit dem Gesundheitsamt abstimmen, bevor das Testzentrum eröffnen konnte. Einige Zeit später kam dann die Testverordnung – und plötzlich war es anders herum, weil Berlin Geschwindigkeit wollte: Erst wurde geöffnet, dann kontrolliert. So sind Hunderte Testzentren allein in Hamburg entstanden, von denen einige später wieder dichtmachen mussten, weil sie Besuch vom Gesundheitsamt oder vom Arbeitsschutz bekommen haben. Nun soll an den Regelungen zur Vergütung der Tests nachgebessert werden, nachdem große Summen sicher schon geflossen sind. 

Es dürfte nicht nur um große Summen gehen, sondern womöglich auch um den Ruf von privaten Testzentren. Haben Sie Sorge, dass Betreiber und Angestellte privater Testzentren nun unter Generalverdacht geraten könnten und sich das auch negativ auf Ihren Testbetrieb auswirken könnte?

Ja, die Sorge haben wir. Die Hürden, mögliche Betrügereien zu verhindern, waren zu niedrig gesetzt – und nun müssen wir alle das ausbaden. Das ärgert mich schon sehr. Und das tut weh, wenn man seinen Job gewissenhaft macht. Die Beträge für Testung und für die Tests, also für die Erstattung, werden als Konsequenz nun vermutlich gekürzt. Das bedeutet einerseits: Die Qualität der Tests wird sinken. Und andererseits: Wir könnten schlimmstenfalls auf einem Teil der Kosten von bereits bezahlten, hochwertigen Tests sitzen bleiben. Ich kann Ihnen aktuell nicht sagen, ob wir dann noch weitermachen können und wollen.

Was fordern Sie?

Ich erwarte, dass nicht alle Betreiber von privaten Testzentren unter Generalverdacht gestellt werden und gleichzeitig alles dafür getan wird, die "schwarzen Schafe" zu finden – sodass nicht nur den ehrlichen und engagierten Zentren, sondern auch der Öffentlichkeit kein weiterer Schaden entsteht. Wichtig ist aber auch, die Qualität der Schnelltests und des Services nicht aus den Augen zu verlieren. Die jetzt angedrohte Kürzung der Testvergütung mutet da wie eine Kollektivstrafe an, um von den eigenen Versäumnissen abzulenken. Statt einer Kürzung der Erstattung für die Tests sollten endlich die noch immer aus 2020 stammenden Mindestanforderungen an die Sensitivität und Spezifität der Tests erhöht werden. Das würde dem Staat viel Geld sparen für die teure PCR-Nachtestung der sehr oft falsch-positiven Schnelltests! Pauschale Kürzungen der Kostenerstattung werden zum Gegenteil führen. Das ist schon jetzt ein Problem: In den vergangenen Wochen waren Dutzende Menschen bei uns, die zuvor an anderer Stelle falsch positiv getestet wurden. Das bedeutet für diese Leute jedes Mal viel Nerven, Angst vor einer Infektion, Quarantäne. Und für den Staat, der in diesem Fall die Laborkosten des vorgeschriebenen PCR-Tests zahlt, eine große Geldverschwendung.


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