Thilo Sarrazin Schafft die Pendlerpauschale ab!


Ein Mann, ein Wort - so präsentiert sich Berlins streitbarer Finanzsenator Thilo Sarrazin auch im Gespräch mit stern.de. Pendlerpauschale? Quatsch. Begrenzung von Managergehältern? Sinnlos. Bahnreform? Na gut. Begegnung mit einem ruppigen Sozialdemokraten.
Von Lutz Kinkel

Thilo Sarrazin guckt geradeaus. Und er redet geradeaus. Es ist schwer, ihm eine emotionale Reaktion zu entlocken. Es gelingt nur bei einem Thema, das wir kurz vor dem Beginn der "Café Einstein"-Aufzeichnung diskutieren: Tempelhof. Mehr als 500.000 Berliner haben sich für die Offenhaltung ausgesprochen. Die SPD bekam bei Wahl zum Berliner Senat deutlich weniger Stimmen. Tempelhof wird geschlossen, die SPD regiert. Kann es sein, dass die Modalitäten für Volksentscheide geändert werden müssten? "Dafür müssen Sie die Verfassung ändern", sagt Sarrazin. Sollten die Sozialdemokraten nicht genau das tun, um die direkte Demokratie zu stärken? "Sie wollen mich am frühen Morgen provozieren."

Mit Provokationen kennt sich der Berliner Finanzsenator aus - die SPD, seine Partei, hat das leidvoll erfahren müssen. Auch im Interview mit stern.de zersägt Sarrazin lustvoll ein Lieblingsprojekt seiner Genossen: die Begrenzung von Managergehältern. Er hält die vorgelegten Vorschläge für sinnlos. " Es wird sich eh nichts ändern", sagt Sarrazin. "In den USA, wo wir die höchsten Gehälter überhaupt haben, haben wir seit vielen Jahren eine ähnliche Begrenzung, die aber nicht wirkt." Im Übrigen bewegten sich die für die Vorstandsgehälter im Verhältnis zu den Gesamtlohnkosten eines Unternehmens im Promillebereich. Für Sarrazin ist das Herumdoktern an den Managerbezügen reine Symbolpolitik. Und Symbole reichen ihm nicht.

Fahrt zur Arbeit? "Privatsache"

So geht es munter weiter. Die Wiedereinführung der Pendlerpauschale, von der CSU vehement gefordert, hält Sarrazin ebenfalls für baren Unsinn. "Die Pendlerpauschale hat im Steuersystem nichts zu suchen", sagt er. "Wie der Bürger zur Arbeit kommt, ist seine Privatsache." Seit dreißig Jahren plädiere er dafür, die Pendlerpauschale ersatzlos zu streichen. Was für einen Finanzsenator, der über Dienstwagen und Fahrer verfügt, persönlich kein Problem wäre. Genau darüber empört sich die Öffentlichkeit immer wieder: Dass Sarrazin Empfehlungen herausgibt, die ihn selbst nie zwacken würden.

Kürzlich rechnete er Hartz-IV-Empfängern vor, wie sie von knapp vier Euro am Tag wunderbar speisen können. Sarrazin verstieg sich sogar zu Menüvorschlägen, vom morgendlichen Brötchen bis zur mittäglichen Boulette. Diese Belehrung empfanden viele Arme als blanken Zynismus; es hagelte negative Schlagzeilen. Gleichwohl bleibt der Finanzsenator auch im Interview mit stern.de bei seiner Meinung. "Wir können anhand der Einkommens- und Verbrauchsstichproben zeigen: Durchschnittsbürger geben fürs Essen nicht mehr aus, als einem Hartz IV-Empfänger zusteht. Da weder Sie noch ich verhungert aussehen oder mangelernährt, folgt daraus, dass der Ansatz für Ernährung ausreichend ist." Vier oder fünf Autoren hätten sich bereits bei ihm gemeldet, um mit ihm zusammen ein Hartz-IV-Kochbuch zu schreiben. Er habe aber alle Anfragen abgelehnt, sagt Sarrazin.

Bloß keine Gleise privatisieren

Nur beim Thema Bahnreform bleibt Sarrazin, selbst ehemaliger Bahn-Vorstand und Erzfeind des jetzigen Bahnchefs Harmut Mehdorn, erstaunlich leise. Sarrazin hatte das Volksaktien-Modell mitentwickelt, das Parteichef Kurt Beck zugunsten der Viertel-Privatisierung aufgab. Verärgert? Aber nicht doch. Sarrazin glaubt, dass sein Volksaktien-Modell, das auf dem Hamburger SPD-Parteitag 2007 mit Mehrheit angenommen wurde, seinen Zweck erfüllt habe: Aufgrund des Hamburger Votums sei es unmöglich geworden, die Infrastruktur, sprich: die Gleise, zu privatisieren. Dass Kurt Beck nicht, wie versprochen, einen Sonderparteitag zur Bahn einberufen hat, kommentiert Sarrazin nicht.

Vielleicht hat er Beck für heute schon genug geärgert.


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