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Und jetzt ... Django Asül Endlich wieder Einstiegskurse!


Europäische Regierungschefs versuchen am Telefon, die Börsen-Talfahrt abzuwenden - dabei handelt es sich um den ganz normalen Sommerschlussverkauf. Wir sollten Barroso dankbar sein!
Eine satirische Bankberatung von Django Asül

Die Erkenntnis der Woche: Schulden machen keine Ferien und brauchen keine Auszeit! Gut, das ist zwar allgemein keine Neuigkeit. Für europäische Regierungschefs aber scheinbar schon. Und deshalb muss jetzt mitten in den Ferien zum Telefon gegriffen werden. Völlig perplex erzählten sich Merkel, Sarkozy und Zapatero in einer Telefonkonferenz, dass sich die Schulden nach dem kürzlich abgehaltenen Gipfel nun doch nicht in Nichts aufgelöst hätten.

Und weil persönliche Treffen scheinbar relativ wenig gebracht haben außer ein paar lustigen Presseerklärungen, sollen Telefonate mehr Erfolg versprechen. Hier werden kulturelle Unterschiede zwischen Wirtschaftsteilnehmern und politischen Repräsentanten sichtbar. Märkte und Politiker definieren Erfolg unterschiedlich. Märkte wollen Ergebnisse und für Politiker sind Gipfel der Gipfel der Kooperation. Daher wurde die Welt in den letzten Tagen Zeuge davon, dass die alte physikalische Formel actio gleich reactio nach wie vor Bestand hat.

Keine Panik: Es ist Sommerschlussverkauf

Erst bekamen nämlich die sogenannten Märkte Panik vor den Regierungen, die nach wie vor nichts gebacken kriegen. Jetzt kriegen die Regierungen Panik vor den Märkten, weil nicht nur bei Staatsanleihen, sondern auch bei Aktien der Ausverkauf beginnt. Sollen jetzt normale Menschen (das sind diejenigen, die weder in den Märkten noch in Regierungen aktiv beziehungsweise im Falle der EU-Regierungen passiv sind) auch panisch werden? Natürlich nicht.

Bodenständige Leute wissen: Es ist Anfang August. Und es ist Sommerschlussverkauf. Brach denn in den Einkaufszeilen dieser Welt jemals Panik aus, nur weil in jedem Schaufenster gigantische Plakate mit Rabattangeboten von 40 bis 120 Prozent hingen? Nein. Soll nun das, was auf breiter Front für Rentnerdessous oder Damenwanderartikel gilt, für Wertpapiere nicht gelten? Allein schon der Gleichstellungsgedanke spricht dafür, dass es auch einen Sommerschlussverkauf für Aktien und ähnliches geben muss. Und dieser Fall ist nun eingetreten.

Der Wunschzettel war clever getimt

Öffentlich aufgerufen zu dieser Schlussverkaufsaktion hat EU-Kommissionpräsident Barroso. Darüber sind viele aus dem politischen Lager not very amused. Doch die Kritik an Barroso ist unredlich. Niemand regt sich darüber auf, dass Frau Merkel sich gen Südtirol aufgemacht hat, weil sie gerne in Österreich Urlaub macht und für ihren Geschmack in Nordtirol zu viele Deutsche sind. Wenn ein Barroso statt Urlaub zu machen lieber Wunschzettel schreibt und in die weite Welt hinausschickt, breitet sich gangränartig Wut und Frust aus.

Dabei hat Barroso ein ausgezeichnetes Gespür für Timing entwickelt und den exakten Zeitpunkt abgewartet für das Absondern seiner EU-monetären Gedanken: Merkel purzelt gerade in den grünen Bergen rum. Spaniens Zapatero hockt schon auf den gepackten Umzugskisten und sitzt nur noch seine Restlaufzeit ab. Berlusconi ist ohnehin um jeden Tag froh, den er nicht im Gefängnis verbringt. Und Sarkozy ist mental irgendwo zwischen Schwangerschaftsgymnastik und Wiederwahl unterwegs.

Gemeinsam haben die Staatenlenker zudem nur eines: Sie nehmen Barroso vormittags nicht für voll und nachmittags nicht ernst. Und mittags ignorieren sie ihn. Und bei persönlichen Treffen machen sie ihm klar, dass er weder EU-Kommissionschef noch Portugiese hätte werden dürfen, wenn er Ruhm und Ehre anstrebt. Wenn Barroso nun immer mehr Geld und Gewicht für die EU-Kommission fordert, entspringt das nicht irgendwelchen paneuropäischen Allmachtsphantasien, sondern schlicht und ergreifend seinem putzigen Minderwertigkeitskomplex. Was ihn auch schon wieder sympathisch macht und damit von vorherein mindestens eine Stufe über Sarkozy und Berlusconi stellt.

Danke Barroso!

Die Ausverkaufsaktion war jedenfalls ein voller Erfolg und Beleg dafür, dass das Wort eines EU-Kommissionschefs schon zählt. Wer die EU stets für einen Papiertiger hielt, wurde eines Besseren belehrt. Immerhin wurden vier Billionen Dollar an Unternehmenswerten vernichtet an den Börsen. Mit anderen Worten: Endlich wieder Einstiegskurse! Jetzt können wenigstens wieder Leute aus der Mittelschicht an der Börse zuschlagen, weil die Reichen im großen Stil verkauft haben. So in etwa wird sich auch Ludwig Erhard die soziale Marktwirtschaft vorgestellt haben.

Barroso hat also in einer prekären Situation das einzig Richtige gemacht: Völlig neue Schichten als Investoren gewonnen! Das sollte zuversichtliche stimmen für Weltkonjunktur. Schließlich besteht Wirtschaft zu 50 Prozent aus Psychologie. Der Rest ist Kopfsache.


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