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Und jetzt ... Django Asül: Guttenberg verballert die Wehrpflicht

Früher war es einfach: Wer einen Puls hatte, musste zum Bund. Das soll sich ändern, Guttenberg will die Wehrpflicht aussetzen. Plausibel ist das: Jogi Löw hat schließlich auch keine 242.000 Ersatzspieler.

Ein satirische Analyse von Django Asül

Die Bundeswehr hat ungefähr 250.000 Soldaten. Davon können rein logistisch nur 8000 gleichzeitig im Ausland eingesetzt werden. Die restlichen 242.000 dürfen jedoch nicht im Inland zur Tat schreiten. Das hat wohl mit diversen Fehlinterpretationen und -entwicklungen aus den 30er und 40erJahren zu tun. Dabei haben unlängst Ausgrabungen an historischen Volksfestplätzen bewiesen: Damals gab es die Bundeswehr noch gar nicht! Die Bundeswehr ist quasi ein Kind der 50er. Im Nachhinein ist es auch verständlich. Das deutsche Wirtschaftswunder sorgte für fette staatliche Überschüsse. Die Schützenvereine hatten längst Aufnahmestopp. Und die Neider um Deutschland herum wurden auch nicht weniger. Also gönnte sich die junge Republik eine Bundeswehr.

Anfangs lief die Rekrutierung noch wie bei einer Castingshow ab. Nur dass eben RTL sich die Rechte nicht sichern wollte, weil die Luxemburger aus unerfindlichen Gründen ein ungutes Gefühl hatten bei dem Gedanken an deutsche Soldaten. Da sich die damalige Jugend auch schon durch eine ausgeprägte Antriebsschwäche auszeichnete und an Ted Herold und Fritz Walter mehr Gefallen fand als an stundenlangem Herumrobben in Matsch und Staub, bekam Deutschland auf freiwilliger Basis bestenfalls eine bewaffnete Thekenmannschaft zusammen, aber keineswegs eine schlagkräftige Armee. Folglich blieb dem Verteidigungsminister und anthroposophischen Freidenker Franz Josef Strauß nur ein gangbarer Weg: Die Freiwilligkeit musste erzwungen werden. So ward die Wehrpflicht geboren. Und um ausgemustert zu werden, musste schon viel passieren. Wer einen Puls hatte, wurde einberufen. Wer keinen Puls hatte, musste in der Bundeswehrverwaltung dienen.

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Wie das Karwendelgebirge, das Oktoberfest, der FC Bayern und Neuschwanstein ist die Wehrpflicht somit ebenfalls eine Erfindung von Strauß und damit schlussendlich von der CSU. Wie soll nun die Weltgemeinschaft verstehen, dass gerade einer von der CSU nun die Wehrpflicht sturmreif schießen will? Und das auch noch als aktueller Verteidigungsminister? Der Baron von, zu, vor und hinter dem Guttenberg sieht die Sache eher pragmatisch: 8000 Leute im fernen Einsatz und daheim 242.000 Leute auf der Ersatzbank ist schon eine sehr hinterfragbare Relation. Zum Vergleich: Ein Jogi Löw hat elf Mann auf dem Feld und sieben auf der Ersatzbank. Würde er sich so viele Reservisten leisten wie Guttenberg, wäre im Stadion kein Platz mehr für Fans. Gegner des Verteidigungsministers mögen jetzt ins Feld führen, dass es in Afghanistan weder Tribünen noch Dauerkarten gibt. Gar nicht erst zu reden von der fehlenden VIP-Lounge und Sponsorenpaketen. Und generell würden Guerillakriege eher selten in Stadien stattfinden. Aber das ist so spitzfindig wie Lothar de Maizières Definition von Unrechtsstaat.

Vom Juristischen her hat Guttenberg die Situation eigentlich optimal gelöst. Die Wehrpflicht soll zwar beibehalten, aber ausgesetzt werden. Das ist in sich schlüssig. Wie wenn man einen Führerschein hat, aber nicht fahren darf. Damit will der Baron vor allem seinen Boss Seehofer zufrieden stellen. Die Kanzlerin hat natürlich erkannt, welch Zündstoff in dieser Thematik steckt. Drum lässt sie wissen, dass sie den Verteidigungsminister konstruktiv begleiten möchte. Auf gut deutsch: Sie schaut zu, bis es Guttenberg auf die Schnauze haut, um dann zu sagen, den ganzen Ärger hätte es doch nicht gebraucht.

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Fakt ist: Deutschland braucht eine Bundeswehr, falls es wieder Hochwasser gibt. Die darf aber in Zukunft nur aus Freiwilligen bestehen, ohne dass die Wehrpflicht tangiert wird. Also wird der Kamerad nicht mehr zum Wehrdienst verpflichtet, sondern zur Freiwilligkeit. Analog zur Studiengebühr wird der Soldat auch zu einer Verteidigungsgebühr verdonnert werden müssen, wenn er sich schon freiwillig meldet. Denn der Finanzminister denkt sich auch: Wenn schon 242.000 Soldaten hier nur an überflüssigen Bundeswehrstandorten herumsitzen, Platzpatronen verballern und den Hindukusch für eine hebräische Sagengestalt mit indischen Vorfahren halten, sollen sie sich gefälligst beim Abarbeiten des Staatsdefizits beteiligen. Acht Milliarden will Schäuble vom Verteidigungsminister bis 2014. Jetzt ist der Baron aber wirklich ein armer Hund und nennt lediglich eine halbe Milliarde als Guthaben der gesamten Familie. Viel mehr als eine Viertelmilliarde wird er da kaum springen lassen können. Und wollen wahrscheinlich schon zweimal nicht.

Wenn nun der Rekrut einerseits dient und andererseits für die Allgemeinheit zahlt, ist er quasi Soldat und Zivi zugleich. Perfekter kann man Wehrgerechtigkeit nicht gestalten.