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Und jetzt... Django Asül Wir sind doch nicht bei Ergo


Dominique Strauss-Kahn wähnte sich auf einer Versicherungsparty, weshalb die Kanzlerin jetzt eine IWF-Chefin will. Denn die belästigen selten männliche Zimmermädchen.
Ein satirischer Hotelreport von Django Asül

Innenminister Hans-Peter Friedrich, seines Zeichens berüchtigt als größter Freund der türkischen Parallelwelt, hat diese Woche die neue Kriminalitätsstatistik vorgestellt. Und noch bevor der gute Mann seinen Vortrag beendet hatte, gab es harsche Kritik aus Polizeikreisen. Von einem Verbrechensrückgang auf breiter Ebene könne keine Rede sein, weil es immer weniger Polizisten gebe, die aufgrund ihrer Nichtexistenz auch keine Fälle aufdecken und der Justiz übergeben könnten. So weit, so schlecht. Ist das ein Grund zur Beunruhigung?

Natürlich nicht. Die akute Nichtabstimmung zwischen Innenminister und Polizeiapparat beziehungsweise die unterschiedliche Wahrnehmung kongruenter Realitäten ist ein Trend, der sich immer mehr durchsetzt. Es wird immer weniger miteinander geredet. Und am Schluss verstehen alle Beteiligten die Welt nicht mehr.

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Für eines verdienen aber sowohl der Innenminister als auch die zuverlässige deutsche Polizei ein großes Lob. In ihren Ausführungen tauchten all die Begriffe, die der aufgeschlossene Zeitzeuge in einer modernen Kriminalitätsstatistik vermuten würde, nicht auf: Strauss-Kahn, Merkel, Griechenland. So viel Distanz zu populistischen Themen ist wohltuend. Andererseits drängt sich natürlich auch der Verdacht auf, dass die Öffentlichkeit Merkel ohnehin nicht mehr als deutsches Thema auffasst. Derzeit reibt sich die Kanzlerin bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger für Strauss-Kahn als IWF-Chef auf. Hier gilt es schließlich, jemanden mit einer ebenso gestörten Wahrnehmung zu finden. Im Prinzip hat Strauss-Kahn nur einen Fehler gemacht: Er hat seine New Yorker Hotelsuite mit einem Mitarbeiter-Event des Versicherungsriesen Ergo verwechselt. Und das sehr wahrscheinlich unterversicherte Zimmermädchen wusste gar nicht, dass sie den IWF-Chef vor sich hat.

Sonst hätte sie sicher aus Gründen der Währungsstabilität sich nicht so aufgeführt. Immerhin lässt sich mittels Rekonstruktion des Tathergangs feststellen: Wenn Strauss-Kahn nackt im Hotel herumläuft, hat er keine Visitenkarten dabei. Außerdem schafft es der Mann doch tatsächlich, zur Tatzeit sowohl mit seiner Tochter anderweitig zu essen als auch die einvernehmliche Zwangsbeglückung einer uneinvernehmlichen Dame zu vollziehen. Was auf den ersten Blick unvorstellbar scheint im Kontext mit dem westeuropäischen Grundverständnis von Zeit und Raum, gehört aber wohl zum Standardrepertoire in so einem hohen Amt. Und alle Zeugen, die den Mann nicht beim Mittagessen gesehen haben, waren eben zu sehr mit dem Essen beschäftigt und wollen daher keinerlei Angaben machen, ob der Nichtgesehene tatsächlich angezogen oder wie üblich nur anzüglich war.

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Interessant ist übrigens auch die unterschiedliche Auffassung von IWF und Weltbank bei sexuellen Übergriffen. Beim IWF gilt generell die Devise "Schwamm drüber", während die Weltbank es nicht duldet, wenn sich sogenannte Obergebene auf Untergebene stürzen und Umstände vorherrschen, wo sich Menschen mit halbwegs brauchbarem Moralkompass schlichtweg übergeben. Strauss-Kahn hat also strenggenommen nur versucht, IWF-Standards in die Hotelbranche zu transferieren. Die Reaktion des Zimmermädchens lässt darauf schließen, dass Strauss-Kahn vielleicht zuerst eine flächendeckende Diskussion in der Öffentlichkeit hätte suchen müssen. Und wenn er so feige sein sollte wie die deutsche Kanzlerin in der Atompolitik, hätte er eben einen Ethikrat installieren sollen. So aber hat Strauss-Kahn eindeutig den schwarzen Peter, weil die versuchte Vergewaltigung schon irgendwie wie eine versuchte Vergewaltigung aussieht.

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Merkel selber ist sichtlich bestürzt über die Affäre Strauss-Kahn. Dabei hatte sich Deutschland gerade langsam daran gewöhnt, dass es weder aus dem Hause Strauß noch bei Oliver Kahn Skandalträchtiges zu vermelden gibt. Für Merkel ist die Sache umso unverständlicher, weil sich Strauss-Kahn gegenüber Merkel immer relativ bekleidet und unlibidinös gezeigt haben soll. Und deshalb soll der neue Mann beim IWF eine Frau sein. So zumindest wünscht es sich Merkel. Statistisch gesehen fallen Frauen selten über männliche Zimmermädchen her, wenn sie gerade drei Blocks weiter mit der Tochter beim Mittagessen sitzen. Dabei verfolgt die Kanzlerin eine einleuchtende Logik: Weil die EU absolut unfähig ist, die Krise des Euro zu lösen, sollte jemand aus dem EU-Raum die Geschicke aller Weltwährungen lenken. Konsequent zu Ende gedacht, wäre der einzige natürliche Kandidat der griechische Finanzminister.

stern.de-Kolumnist Django Asül - am 23./30. Mai live in München (Lustspielhaus).


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