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Verbrechen: Das Rätsel der alten Schraube

Im Prozess um den Mord an einer reichen Münchnerin spielt plötzlich ein 25 Jahre alter Entführungsfall eine Rolle: DNA-Spuren sind in beiden Fällen identisch. Wie hängen die Verbrechen zusammen?

Von Rupp Doinet

München, Gärtnerplatz-Viertel, Baaderstraße, ein nicht ganz billiges Wohnquartier, mittendrin ein Parkhaus. Vier Stockwerke, oben die Dauermietplätze, eine Eisentür. Dahinter, man glaubt es kaum, eine 300 Quadratmeter große Luxuswohnung. Im Flur eine Tote. Sie liegt auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht, inmitten einer Blutlache. Mindestens zwanzigmal hat ihr Mörder mit einem "scharfkantigen Gegenstand" zugeschlagen. An der Wand sind noch in etwa 1,80 Meter Höhe Blutspritzer. In der Wohnung liegen Papiere auf dem Boden, offene Schubladen zeugen von einer hastigen Durchsuchung. Es ist der 16. Mai 2006. Drei Tage später ist die Polizei sicher: Der Lieblingsneffe war’s. Angeblich hatte er Angst, enterbt zu werden. Justizgebäude München, Saal 101A, ein Jahr später. Auf dem Terminzettel stehen unter dem Namen des Beklagten nur vier Großbuchstaben. MORD. Benjamin Taber*, 32, kauert auf der Anklagebank. Er ist schmächtig, blass, mit dunklem, strähnigem Haar, fast bis zur Unsichtbarkeit unauffällig und stumm. Nur drei Sätze "zur Sache" hat er bisher gesagt: "Ich habe meine Tante nicht ermordet. Ich habe diese Wahnsinnstat nicht begangen. Ich habe sie auch nicht bestohlen."

Seit drei Wochen wird verhandelt. Längst sollte der alte "Feinkostmogul", wie es in den Münchner Blättern heißt, im Zeugenstand stehen, die "Konsulin", der "Putzi" nebst Gemahlin, die "Gräfin" und die "Society-Lady", allesamt Stützen der Schickeria-Bezirksliga. Denn Charlotte Böhringer, 59, die Tote, war mit Immobilien und Parkhäusern sehr reich geworden und in München ein bisschen in. Aber da werden die vielen meist älteren Herren und Damen Zuschauer im Saal 101A wohl warten müssen. Denn da gibt es noch ein anderes Kapitalverbrechen, das allerdings schon 25 Jahre zurückliegt. Damals wurde die elfjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee entführt und getötet. Auf einem Glas in der Spülmaschine und am Griff einer Kommode der toten Millionärin fanden sich zwei DNS-Spuren, die identisch sind mit denen des bisher unaufgeklärten Falles. Damit hat die Münchner Justiz ein Problem, an das sich nicht einmal der kühnste "Tatort"-Autor gewagt hätte: zwei Tote im Abstand von 25 Jahren, eine gemeinsame DNS und lauter ungelöste Rätsel.

Erstickt in einer Kiste mit dilettantischer Belüftung

Unvorstellbar, dass Benjamin Taber, Spudamals gerade sechs Jahre alt, Ursula getötet haben könnte. Könnte somit ihr Mörder auch Charlotte Böhringer umgebracht haben? Am 15. September 1981 war Ursula Herrmann auf dem Heimweg verschwunden. Drei Tage später fanden ihre Eltern im Briefkasten einen aus Zeitungsbuchstaben zusammengeklebten Erpresserbrief. Darin hieß es, sie sollten zwei Millionen Mark in gebrauchten Hundertern bereithalten, "sechs Stunden später kommt Ursula frei". Aber das Mädchen war zu dieser Stunde längst tot, qualvoll erstickt in einer 136 x 59,5 x 72 Zentimeter großen Holzkiste, in die ihre Entführer sie gezwängt hatten, bevor sie sie im Wald vergruben. Eine dilettantische Belüftungsanlage sollte das Kind mit frischer Luft versorgen, funktionierte aber nicht.

Beamte der Bereitschaftspolizei, die mit Sonden die Wälder absuchten, fanden am 4. Oktober 1981 kurz vor zehn Uhr die Kiste mit dem toten Kind unter einer 20 Zentimeter dicken Lehmschicht, auf die die Entführer zur Tarnung ein paar kleine Bäume gepflanzt hatten. Den jungen Polizisten kamen die Tränen, nachdem sie die Kiste geöffnet hatten. Um noch die letzten Reste Atemluft zu bekommen, hatte das Mädchen sein Gesicht fest gegen den Deckel gepresst, bevor es starb.

35.000 Menschen überprüft

Die Kidnapper hatten ihrem Opfer Schokolade, Kekse, Getränke, Comics und zwei Wolldecken mit ins Verlies gegeben. Sie hatten ein Brett als Sitzgelegenheit eingebaut, einen Eimer für die Notdurft darunter gestellt, eine Beleuchtung installiert, die durch einen Akku mit Strom versorgt werden sollte, aber nicht funktionierte, und ein kleines Radio dazugelegt. Es fand sich ein Ledergürtel, den mal ein "bauchiger Typ" getragen haben muss, weil der obere Rand des Leders nach außen gewölbt war. Sogar einen Fingerabdruck sicherten die Ermittler. Trotz der vielen Spuren konnten bei den wohl aufwendigsten Ermittlungen der bayerischen Kriminalgeschichte die Täter nicht ermittelt werden. Etwa 35.000 Männer und Frauen wurden überprüft.

Die Kiste, in der Ursula Herrmann erstickte, wurde damals im Münchner LKA in ihre Einzelteile zerlegt, von Experten untersucht und "danach nicht mehr als Spurenträger behandelt", wie es in den Akten heißt. Das bedeutet, Bretter und Schrauben wurden nicht länger mit Handschuhen angefasst und sind seitdem "durch eine Unzahl von Händen gegangen", behauptet die Staatsanwaltschaft. Dennoch wurden sie Ende 2005 nach DNS-Spuren untersucht. Tatsächlich fand sich am Gewinde einer Schraube noch genügend Material für eine Analyse. Ein Abgleich mit den in der Wohnung der ermordeten Millionärin gesicherten DNS-Spuren führte nun zu der "sensationellen Wende" ("Abendzeitung").

"Spurensetzer" blieb unbekannt

Jeder Sanitäter, Notarzt, Kriminalbeamte, Polizist, der sich nach dem Mord an Charlotte Böhringer "berechtigt" in ihrer Wohnung aufhielt, musste inzwischen eine Speichelprobe abgeben. Doch der "Spurensetzer" blieb unbekannt. "Wir haben es mit einer Person zu tun, die in Verbindung mit dem Fall Herrmann steht, sich aber auch zeitnah zu ihrem Tod im intimen Lebensbereich von Frau Böhringer bewegen konnte und nicht bekannt werden will", sagt der Münchner Anwalt Peter Witting, der mit seinem Kollegen Stefan Mittelbach den angeklagten Neffen vertritt. Mit "zeitnah" meinen die Anwälte die Spur auf dem Glas in der Spülmaschine, die mehrmals in der Woche benutzt wurde. Dazu kommt noch ein blutiger Abdruck eines Turnschuhs neben der Toten. Auch der konnte bisher keiner "Person zugeordnet werden".

Die Münchner Richter haben inzwischen die Akten zum Fall Herrmann angefordert, ein paar Tausend Blatt Papier, die Anwalt Witting durcharbeiten will. Sein Antrag, den Prozess vorerst auszusetzen, war erfolglos. Das Verfahren geht weiter. "Keine Ahnung, wie viele Personen die Schraube mit der DNS-Spur berührt haben", sagen Kriminalbeamte und Rechtsmediziner jetzt vor Gericht. Das ist weder registriert noch dokumentiert. Aber eine Verwechslung im Labor, die sei mit Sicherheit auszuschließen.

Danach treten die Mitarbeiter der ermordeten Frau auf und berichten, wie es mit Charlotte Böhringer als Chefin so war: Schlimm war es. Schon die Staatsanwaltschaft schreibt in ihrer Anklage, Charlotte Böhringer habe "erheblichen Einfluss auf das Privatleben ihrer Neffen genommen, auch in den Bereichen Partner- und Berufswahl". Die Parkhausangestellten haben das immer wieder aus der Nähe erlebt, inklusive lautstarker Auseinandersetzungen und tätlicher Angriffe auf Benjamin und Markus Taber, die Neffen.

"Mal nicht nett, mal noch weniger nett"

Sie war, so erzählen die Tankwarte und Wagenpfleger, eine misstrauische, cholerische Chefin, "mal nicht nett, mal noch weniger nett", zuweilen schon morgens ziemlich alkoholisiert, dann auch besonders laut. "'Happy hour' haben wir das genannt", sagt einer von der Tankstelle, fügt aber hinzu, dass sich die Chefin auch schnell wieder beruhigen konnte. Die Gesellschaftskolumnistin der Münchner "AZ" tritt in den Zeugenfotos:stand, begleitet von ihrem Anwalt, und raunt etwas von einer Informantin, die zur Tatzeit einen älteren Mann im Parkhaus gesehen habe, "der nicht gesehen werden wollte". Eine zweite Informantin, auch sie eine Bekannte der Toten, habe ihr von einem Liebhaber Charlotte Böhringers erzählt, der Schweizer sei, verheiratet, Vater von zwei Kindern sowie der Bruder eines berühmten Konzernchefs in Deutschland. Und dann gebe es noch den Hinweis, dass Charlotte Böhringer mit dem Rotlichtmilieu in Ungarn zu tun gehabt haben könnte.

Das klingt alles ein bisschen anders als die Erinnerungen der Busenfreundinnen, die gerne von "Charlottchen", einer gebürtigen Ungarin, erzählen, der stets fröhlichen Frau und blendenden Skifahrerin, die mit 47 Jahren "ihren Oskar" fand. Aber die Ehe mit Oskar, dem viel älteren Münchner Immobilienunternehmer, endete nach fünf Jahren mit dem Tod des Mannes. Er hinterließ ihr zahlreiche Immobilien, darunter das Parkhaus an der Baaderstraße mit der Luxuswohnung. Benjamin Taber schreibt hastig jedes einzelne Wort mit, während die Kolumnistin aussagt. Dann kommen weitere Zeugen, und danach steht fest, dass er nicht der nette junge Student ist, sondern ein kleiner Hochstapler, möglicherweise auch ein Dieb. Mindestens dreimal habe er die Kassenautomaten des Parkhauses geplündert. Aber das, so behauptete er, sei im Auftrag der Tante geschehen. Die wollte angeblich den Diebstahl ihrem langjährigen Geschäftsführer in die Schuhe schieben, um ihn loszuwerden. Weil eine normale Kündigung "zu teuer sei".

Er Behauptete nur, vor dem Examen zu stehen

Benjamin war der Lieblingsneffe, da sind sich alle einig. Er sollte einmal "den Betrieb übernehmen", arbeitete für 1000 Euro netto im Parkhaus und an der Tanke, seine Eltern waren froh, dass seine Zukunft feststand. Aber Charlotte Böhringer war in letzter Zeit "generell immer unzufriedener mit dem Bildungsverlauf des Neffen", und die falsche Freundin hatte er auch. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit der Tante, von der er abhängig war. Sie finanzierte sein Leben, das Auto, sein Jurastudium, von dem er behauptete, er stehe unmittelbar vor dem zweiten Staatsexamen. Tatsächlich war er längst wegen Überziehung der Studienzeit exmatrikuliert worden.

Anfang Mai 2006 war wieder mal "Happy hour" in der Tankstelle. Die Schreierei zwischen Tante und Neffe endete diesmal mit einem "Leck mich am Arsch" von ihm und einem Hausverbot von ihr. Benjamin Taber musste seine Schlüssel abgeben, seinen Wagen abstellen und durfte sich in dem Betrieb nicht mehr blicken lassen. "Wenn ihr ihn hier seht, sagt mir sofort Bescheid", befahl Charlotte Böhringer ihren Mitarbeitern und sprach davon, ihr Vermögen einer Stiftung zu vermachen - oder "dem Tierschutzverein". Für die Anklage ist das ein schlüssiges Motiv. "Um seinen finanziellen Ruin abzuwenden und sich seine Erbschaft zu erhalten, fasste der Angeschuldigte den Entschluss, Charlotte Böhringer zu töten." Er habe ihr am 15. Mai 2006 im Parkhaus aufgelauert und sie zwischen 18.15 und 19.10 Uhr, als seine Tante, wie jeden Montag um diese Zeit, zu ihrem Stammtisch gehen wollte, von hinten erschlagen.

"Sie ist kalt, so kalt"

Am Morgen nach der Tat erschien Benjamin Taber völlig überraschend in der Tankstelle. Er habe sich, erzählte er den Mitarbeitern, längst wieder mit der Tante versöhnt. Sie habe ihn, weil heute der Geschäftsführer nicht da und das Büro geschlossen sei, darum gebeten, "ein bisschen nach dem Rechten zu sehen". Die Tante, die jeden Morgen gegen acht Uhr kam, um ihre Befehle zu erteilen, kam an diesem Tag nicht. Sie war unerreichbar. Doch die Zeitungen, die sie sich morgens vor die Türe legen ließ, waren verschwunden - eines der Rätsel dieses Falles. "Wir haben uns schon ein wenig darüber gewundert, dass wir uns mehr Sorgen um Frau Böhringer machten als ihre Verwandten", sagt nun ein Angestellter vor Gericht. Denn Benjamin und sein Bruder, der inzwischen auch gekommen war, unternahmen an diesem Morgen nichts. Erst am späten Nachmittag alarmierten sie den Geschäftsführer, der in Augsburg wohnte. Er sollte mit dem Büroschlüssel kommen, damit man den dort deponierten Ersatzschlüssel für die Wohnung holen könne. Am 16. Mai 2006, um 18.50 Uhr, öffneten Benjamin Taber und der Geschäftsführer die Eisentür zu Charlotte Böhringers Wohnung. "Herr Taber reagierte geschockt, als er die Frau auf dem Boden liegen sah. Er beugte sich zu ihr herab, fühlte ihren Puls und sagte weinend: 'Sie ist kalt, so kalt.'" Ein Kriminalbeamter, der ihn noch am Abend vernahm, berichtet von einem "gemessen an den Umständen" normal reagierenden Hinterbliebenen. Auffallend sei nur gewesen, wie konzentriert Taber das Protokoll seiner Aussagen prüfte, aber das könnte auch an seiner juristischen Ausbildung liegen.

Geldscheine mit Blutspuren

Drei Tage später wird Benjamin Taber unter Mordverdacht verhaftet. In seiner Geldbörse entdeckte die Polizei einen Büroschlüssel, der am Tag zuvor angeblich nicht greifbar war. Gleichzeitig sicherten die Beamten einen 500-Euro-Schein, auf dem später Blutspuren der Toten gefunden wurden. Aber der war offenbar schon trocken, als er in die Börse gesteckt wurde, und Benjamin Taber behauptet, ihn bei der Versöhnung von seiner Tante bekommen zu haben. Vielleicht habe sie sich kurz zuvor geschnitten. Tatsächlich fand sich in ihrem Portemonnaie eine weitere Banknote mit noch nicht identifizierten Verfärbungen, die auch Blut sein könnten. Für die Staatsanwaltschaft sind das alles Ausflüchte, und die ominöse DNS-Spur sei kein Anlass für weitere Verzögerungen. Die Verteidigung sieht das natürlich völlig anders. Sie spricht von Ermittlungen, die sich ausschließlich gegen Benjamin Taber richteten. Noch nicht einmal Telefonate, die Charlotte Böhringer in den Wochen vor ihrem Tod führte, seien abgeglichen worden, so sehr war man "auf unseren Mandanten als Täter fixiert". Das Publikum im Saal 101A hat Grund zur Freude: "Was für ein Indizienprozess. Toller noch als Vera Brühne."

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