Very British Der Sohn des Marxisten


Bei den Kommunalwahlen haben die Briten Gordon Browns Labor-Partei abgewatscht, der spröde Premier strauchelt. Ein in London heiß gehandelter, wenn auch bislang klug-zurückhaltend auftretetender Nachfolgekandidat ist Außenminister David Miliband.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich David Miliband gegen zu viele gute Ratschläge wappnen muss. Schon im Vorfeld des Rücktritts von Tony Blair im Sommer vergangenen Jahres war er wochenlang zu einer Kampfkandidatur gegen Gordon Brown gedrängt worden. Er schien zunächst zu zögern, ließ den aufmunternden Schlagzeilen ihren Lauf, um sich schließlich doch hinter den älteren Labour-Haudegen Brown zu stellen.

Das kleine Machtspiel zahlte sich für Miliband aus. Er wurde von Gordon Brown zum Außenminister gekürt und damit inoffiziell zum Vermittler zwischen den Lagern der Brown- und Blair-Anhänger in der Labour-Partei, die sich nach einem Jahrzehnt ermüdender Nickeligkeiten zum großen Teil spinnefeind waren.

Spitzname "Brains"

Miliband wurde zum jungen Gesicht der Brown-Regierung. Und das, obwohl er eigentlich der Ziehsohn Tony Blairs war. 1994 wurde Miliband von ihm zum Kopf der politischen Strategie-Gruppe des Labour-Wahlkampfes gemacht. Damals handelte sich Miliband den Spitznamen "Brains - das Gehirn" ein. Und den Ruf, ein bisschen zu intellektuell, zu theoretisch zu sein. Er dagegen sagte im Privaten schon einmal, dass Blairs theoretischer Unterbau der Idee des neuen Weges der Labour-Partei "wanky" sei, "beschissen".

Miliband fiel lange nicht auf in der Reihe der New-Labour-Politiker. Tony Blairs Charisma brauchte keinen jungen, unverbrauchten Rhetoriker neben sich. Dennoch waren sich politische Beobachter schon früh einig, dass hier ein großes politisches Talent heranwuchs, das Intelligenz mit der richtigen Ausstrahlung und- in Westminster außergewöhnlich - mit einer offenen, netten Persönlichkeit kombinierte. Schon 2002 sagte der Labour-Experte der Sonntagszeitung "The Observer", Andrew Rawnsley, voraus, dass Miliband das Zeug habe zum Premierminister.

Sohn eines Marxisten

Der Sohn des Marxisten Ralph Miliband wuchs auf mit politischen Diskussionen in der Familie. Sein Vater war vor den Nazis aus Belgien geflohen und machte sich in Großbritannien einen Namen als brillanter politischer Denker. Auf seinen Vater angesprochen, der von der Labour-Partei sagte, sie habe noch nie etwas für die Arbeiterklasse getan, verglich David Miliband gerne die verschiedenen Zeitalter, in denen sie beide ihr politisches Denken entwickelten: Ralph Miliband erhielt als jüdischer Flüchtling sein erstes kommunistisches Manifest von einem Freund, der anschließend in Auschwitz ermordet wurde. David Miliband besuchte die Universität, als Margaret Thatcher und Ronald Reagan die Weltpolitik bestimmten. Für ihn war die Idee der neuen Labour-Partei, die gegen die Konservativen antrat, ein Herzenswunsch.

David Miliband gilt als "intellektuell intolerant", seine Geduld mit Leuten, die ihm nicht folgen können, sei limitiert, sagen politische Weggefährten. Er studierte in Oxford und mit einem Stipendium am Massachusetts Institute of Technology in den Vereinigten Staaten. Seine Ehefrau Louise ist Amerikanerin, das Paar hat zwei Jungen aus den USA adoptiert.

Im Gegensatz zu Premierminister Brown wirkt David Miliband bei Debatten stets souverän, schwere Fragen bringen ihn nicht aus dem Konzept - und, vor allem, er kann rhetorisch auch gegen schwierige Gegner bestehen.

Miliband empfohlen

So wirkt es nicht überraschend, dass der neue Londoner Bürgermeister Boris Johnson, auch er ist bekannt für seinen rhetorisch brillanten Redestil, der Labour-Partei nun empfohlen hat, Miliband ins Rennen zu schicken, wenn sie bei kommenden Wahlen überhaupt noch eine Chance haben wollen.

David Miliband hat sich seit den Wahlen zurückgehalten. Nur kurz vorher hatte er einer der großen Sonntagszeitungen ein Interview gegeben und dort vor Uneinigkeit in den eigenen Reihen gewarnt. Labour, so sagte er, sei nun der politische Außenseiter. Bis heute ist Miliband der einzige Minister, der offen über die Probleme der Labour-Partei geredet hat - gepaart mit Tipps, wie Labour seine guten Seiten den Wählern wieder deutlich machen könne. Die Partei müsse zu ihren Fehlern stehen, nicht zu viele Dinge gleichzeitig angehen und die Situation durch die Augen der Wähler sehen, sagte Miliband.

Es war eine nur sanft versteckte Kritik an der bisherigen Strategie Gordon Browns, der erst kürzlich in einem BBC-Interview zugab, dass die Idee einer versteckten Steuer-Erhöhung für Geringverdiener keine gute gewesen sei. Miliband endete sein Interview mit einem Aufruf zum Kampf gegen die erwachten Konservativen. Wie lange er den Streit in den Reihen der Labour-Regierung verhindern kann, wird abzuwarten sein. Aber sollten sich die Umfrage-Ergebnisse nicht bessern, wird sich David Miliband entscheiden müssen, auf welcher Seite er steht - auf der des angeschlagenen Premierministers. Oder auf seiner eigenen.


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