Luftangriff in Afghanistan London und Paris üben harsche Kritik


Trotz Warnungen von Kanzlerin Angela Merkel vor Vorverurteilungen nimmt die internationale Kritik an einem folgenschweren Luftschlag in Afghanistan zu. Die Außenminister von Großbritannien und Frankreich erklärten, der von der Bundeswehr befohlene Angriff habe "der Zivilbevölkerung großen Schaden" zugefügt.

Die Außenminister aus Frankreich und Großbritannien haben sich besorgt über den von der Bundeswehr angeordneten Nato-Luftangriff in Afghanistan geäußert, bei dem wahrscheinlich auch Zivilisten getötet wurden. Der britische Außenminister David Miliband und sein französischer Kollege Bernard Kouchner sprachen sich bei einem Treffen in Paris für umfassende Ermittlungen aus.

Miliband sagte, es sei lebenswichtig, dass alles getan werde, um die Opfer unter der Zivilbevölkerung möglichst gering zu halten. Tote Zivilisten seien das Gegenteil von dem, "weshalb wir dort sind". Kouchner sagte: "Wir brauchen eine Ermittlung." Der Angriff habe "der Zivilbevölkerung großen Schaden" zugefügt. Vier Tage nach der umstrittenen Militäraktion hatte die von der Nato geführte internationale Afghanistan-Schutztruppe Isaf am Dienstag erstmals eingeräumt, dass es dabei zivile Opfer gab.

"Unsere Soldaten sind keine aggressiven Krieger"

Auch im Inland geht die Diskussion um den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan weiter. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sprach sich klar gegen ein festes Abzugsdatum ausgesprochen. Wer dies fordere, "der spielt den Taliban in die Hände", sagte der CSU-Vorsitzende der "Passauer Neuen Presse". Zugleich betonte Seehofer: "Wir brauchen eine Strategie für den mittelfristigen Abzug der Truppen."

Auch der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering bekannte sich klar zum Afghanistan-Einsatz. Nach dem von Deutschland befohlenen Luftangriff betonte er bei einer Wahlkampfveranstaltung in Marburg: "Wir halten am Regierungsprogramm fest." Er habe zwar großen Respekt vor Pazifisten, "aber wir müssen im Rahmen der Völkergemeinschaft denen helfen, die drangsaliert werden." Die deutschen Soldaten nahm er in Schutz: "Unsere Soldaten sind keine aggressiven Krieger. Die stehen dazwischen, um zu helfen."

Deutschland soll mehr Polizei-Ausbilder schicken

Der FDP-Sicherheitsexperte Max Stadler sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Ziel muss ein rascher Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan sein, möglichst innerhalb der nächsten Jahre." Eine wichtige Voraussetzung dafür sei, dass erheblich mehr Polizisten als bisher ausgebildet würden. Stadler forderte, die "Zahl der deutschen Polizei-Ausbilder am Hindukusch kurzfristig zu verdreifachen".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Dienstag im Bundestag eine "lückenlose Aufklärung" des von Deutschland befohlenen Luftangriffs in Afghanistan zugesichert und mögliche zivile Opfer bedauert. Wie auch Bundespräsident Horst Köhler wies Merkel Vorverurteilungen der Verantwortlichen für den Militärschlag jedoch scharf zurück. Zuvor hatte Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) zivile Opfer nicht mehr ausgeschlossen.

Verteidigungspolitiker berichtet von Aufklärungslücke

Unterdessen wurden Informationen über eine mögliche Aufklärungslücke vor dem Abwurf der zwei Bomben bekannt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums kamen bei dem Angriff auf zwei Tanklastwagen am vergangenen Freitag 56 Menschen ums Leben. Andere, unbestätigte Quellen berichteten von weit mehr als 100 Toten. Einem Zwischenbericht der Nato zufolge soll es bis zu 78 Todesopfer gegeben haben.

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, sagte dazu, aus den Protokollen des Angriffs werde deutlich, dass es eine Aufklärungslücke von 20 Minuten vor dem Luftschlag gegeben habe. Als Quelle nannte er Angaben des Verteidigungsministeriums. Er fügte unter Berufung auf die Erklärungsversuche des Ministeriums hinzu, es habe Hinweise auf namentlich bekannte Terroristen gegeben, die sich an den Fahrzeugen aufgehalten haben sollen. Weil nicht ausreichend Bodentruppen verfügbar waren, sei der Luftangriff gewählt worden.

DPA/AP/AFP AP DPA

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