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Wahl des Bundespräsidenten: Die Sehnsucht nach Margot Käßmann

Die Bürger wissen offenbar genau, wer Bundespräsident werden soll: Margot Käßmann. Warum das so ist, und warum die Ex-Bischöfin es nicht wird.

Von Hans Peter Schütz

Die Deutschen wollen Margot Kässmann. Ein Streifzug durchs Internet genügt. Die Sehnsucht nach ihr ist laut und eindeutig. Weit vorne, auch bei stern.de, rangiert die evangelische Theologin in allen Umfragen, die da wissen wollen: Wen wünscht ihr, deutsche Bürger, als nächsten Bundespräsidenten?

Wollt Ihr allen Ernstes eine Theologin, eine Frau, die schon einmal ganz oben stand und dann gestürzt ist? Eine Frau, die an keiner politischen Leine geht. Eine Frau schließlich, deren Persönlichkeit sich nicht mehr hübsch aufpudern lässt, seitdem sie sich mit Alkohol im Blut ans Steuer gesetzt hat und unverzüglich zurücktrat, als sie erwischt wurde.

Die Deutschen wollen sie. Die Frau, die mit ihrer Kompromisslosigkeit sich selbst gegenüber Charakter bewiesen hat. Fast schon Charisma sich erwarb durch kraftvolle Konsequenz bei der Antwort auf die Frage, welche Verantwortung wir tragen fürs eigene Handeln.

Afghanistan, zum Beispiel

Die Deutschen werden sie nicht bekommen. Denn gesucht wird derzeit auf keinen Fall eine Person fürs höchste Staatsamt, zu der die Deutschen so erkennbar Vertrauen, Respekt und Zuneigung signalisieren. Gesucht wird nie und nimmer eine Persönlichkeit, mit deren Hilfe es der Politik insgesamt gelingen könnte, ihre verloren gegangene Glaubwürdigkeit wieder zurück zu gewinnen. Denn dadurch würde die Politik schließlich das eigene Versagen vorführen.

Also: Nicht noch mal eine Seiteneinsteigerin nach Horst Köhler, für dessen abrupten Ausstieg seine schwarz-gelben Entdecker ein gerüttelt Maß Mitverantwortung tragen. Der nicht länger Prügelknabe sein wollte, ab und an riskante oder taktisch weniger gut durchdachte Worte wagte. Man stelle sich doch nur mal vor: Eine Bundespräsidentin Kässmann würde sagen, was sich die EKD-Vorsitzende Kässmann zu fordern traute: Raus mit den deutschen Soldaten aus Afghanistan. Als Scharlatan wurde Köhler beschimpft, als er sich einen ungleich weniger rigorosen Gedanken zur Frage deutscher Kriegseinsätze erlaubt hatte.

Lübke, Rau, Scheel, Carstens

Nein, eine Kässmann werden die Strategen in den Parteizentralen nicht ein Sekunde andenken. Man müsse jetzt sofort zurück zur bisherigen Praxis, nur bewährten Berufspolitikern das Präsidentenamt anzubieten, tönen sie staatstragend. Damit sei die Republik schließlich immer gut gefahren.

Na ja. Mit einem Heinrich Lübke? Oder einem Walter Scheel, der die einmalige Chance blitzschnell nutzte, aus dem Stressjob des Außenministers auf den gelben Wagen umzusteigen? Johannes Rau durfte Präsident werden, damit die SPD den Posten des Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen neu besetzen konnte. Man kann auch daran erinnern, dass ein Karl Carstens bis zum Kriegsende Mitglied der NSDAP gewesen war.

Gewünscht: Fügsamkeit

Die Bundespräsidenten sind stets unter extremen parteipolitischen Einflüssen gewählt worden. Meist entschieden allein die taktischen Überlegungen in den jeweils regierenden Parteizentralen. Nicht vergessen: Ein Mann wie Richard von Weizsäcker schaffte es nur deshalb ins Schloss Bellevue, weil er sich der Quertreiberei eines Helmut Kohl massiv widersetzte.

Wer jetzt herumjammert, ein Horst Köhler habe die Republik in eine Staatskrise gestürzt, verdrängt, dass auch hinter seiner Wahl nicht vor allem die Frage nach seinem Charakter und seiner Qualifikation stand. Die Machtstrategen Merkel, Westerwelle und Stoiber haben ihn ohne jede Rücksicht darauf gekürt. Sie wollten einen Mann, der voll auf ihrer Linie marschierte. Sie hätten ja Wolfgang Schäuble haben können - nur schien er ihnen politisch nicht fügsam genug zu sein.

Das Grundgesetz

So wird die Sehnsucht der Bürger nach einem/einer Kässmann erneut scheitern. Es geht den Akteuren nicht um den eindeutig besten Bundespräsidenten. Es geht um den gehorsamsten Parteigänger. Bringt die Person noch Charme und Sachkunde mit - umso besser. Sie muss irgendwie die Begriffsleere der Kanzlerin und die Blindflüge ihrer schwarz-gelben Koalition durch schwierige Krisenzeiten bemänteln.

Eine denkwürdige Auslegung unseres Grundgesetzes: Dass die Person des jeweiligen Präsidenten vor allem dazu dienen muss, eine zerbröselnde regierende parteipolitische Koalition zu festigen. Mit einer Kässmann ginge das nicht. Die stünde doch tatsächlich dort, wo der Präsident stehen soll: über den Parteien.