Wahl in Hamburg Die Grünen sehen schwarz


Und wieder lieferten die Wähler ein politisches Kuriosum: In Hamburg reicht es weder für CDU und FDP noch für SPD und Grüne. Schwarz-Grün hingegen hätte eine Mehrheit - und wäre ein spannendes Experiment. stern.de hat die erste Balz der beiden Parteien beobachtet.

Der Mann mit dem Hufeisen
Die CDU am Wahlabend, von Sebastian Christ

Es ist ein verdammt schlechtes Gefühl. Wenn man nicht weiß, ob man feiern darf oder nicht. Das Bierglas in der Hand, die Arme verschränkt. Die Mundwinkel eher steigend als fallend, die Absätze eher schleifend als tanzend. An diesem Wahlabend ist die Bürgerschaftsfraktion der Hamburger CDU in einem emotionalen Wurmloch gefangen. Eines der besten Ergebnisse aller Zeiten erzielt, doch Stimmen verloren - und nebenbei eine neue Koalitionsoption erstolpert, die vielen noch nicht so ganz geheuer ist.

"Ich habe keine Lust, den ganzen Abend darauf zu warten, ob die FDP nun 4,9 oder 5,1 Prozent erreicht", sagt ein CDU-Bürgerschaftsabgeordneter nach der ersten Prognose um 18 Uhr. Er wirkt ein wenig frustriert. "Aber ob das mit den Grünen klappt? Die haben doch selbst Angst davor, dass ihnen die Wähler weglaufen. Das Schlimmste jedenfalls wäre eine Große Koalition. Das will hier niemand."

Die Liberalen waren bei vielen hier erste Wahl bei der politischen Partnersuche. Mit ihnen hätte es die meisten Übereinstimmungen gegeben, das ist Konsens. Aber weil mit der FDP nichts geht, kommt in der Stunde nach Schließung der Wahllokale nur zweimal gute Stimmung auf. Zuerst, als der Hamburger SV das 1:0 gegen Bayern München erzielt, und einige Minuten später beim ersten Statement von SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann. Der Auftritt des Sozialdemokraten wird auf einem Flachbildschirm im Fraktionsraum gezeigt.

"Loser!", schreien einige Mitglieder der Jungen Union. Doch schon bald verpufft die Aggression in Heiterkeit. "Ole von Beust hat seine Mehrheit verloren", sagt Naumann. "Die SPD ist wieder da!" Prustendes Gelächter für den Mann, der das zweitschlechteste Ergebnis in der Geschichte des Hamburger SPD-Verbandes eingefahren hat.

Einige Minuten später betritt Ole von Beust das Congress Centrum. Das erste Fernsehbild zeigt ihn im Treppenhaus. Im Raum ist es plötzlich still. Der Erste Bürgermeister sagt ein paar Worte ins Reportermikrofon, nichts von Belang, aber die Stimmung unter den CDU-Mitgliedern wird besser. Als er um Viertel nach sieben sein Wahlstatement vor einer orange-blauen CDU-Posterwand abgibt, verfallen seine Parteifreunde in Euphorie. "Ole, Ole", hallt es durch den Flur. Pappschilder werden hochgehalten. Von Beust geht wie ein Staatsmann durch die Menge. Und als er am Redepodest angekommen ist, breitet er seine Arme aus - wie jemand, der Trost und Hoffnung vermitteln will. "Wir haben den klaren Führungsauftrag, schnell eine Regierung zu bilden", sagt er, und strahlt dabei. "Lassen sie uns als Demokraten alles dafür tun, dass Linksradikale keinen Einfluss auf die Regierungsbildung bekommen." Jubel und dankbare Blicke.

Dann reicht ihm jemand ein Hufeisen, das von Beust kurz auf den Absatz seines Lederschuhs anpasst. Die absolute Mehrheit mag er verspielt haben. Doch nachdem er die Hamburger CDU zum zweiten Mal hintereinander über die 40-Prozent-Marke geführt hat, wird er für die Christdemokraten immer mehr zur strahlenden Siegergestalt: Ole im Glück. Auch wenn die Ungewissheit über künftige Koalitionsverhandlungen spürbar bleibt. Ein ungeliebtes Bündis mit der SPD? Oder ein Abenteuer mit den Grünen?

Die kapriziöse Braut
Die Grünen am Wahlabend, von Lutz Kinkel

Gegröle, Pfeifen, Klatschen. Für einen Moment lieben die Hamburger Grünen diese Wahl, für einen Moment sind sie ganz eins mit sich. Es ist der Moment, in dem über die Großbildleinwände im "Herzblut", einer Diskothek auf der Reeperbahn, die jüngste Hochrechnung flimmert. Sie besagt: Die FDP ist nicht drin. 4,9 Prozent, das sind gut 700 Stimmen zu wenig, um in die Bürgerschaft einzuziehen. Der Erzfeind ist geschlagen, Schadenfreude verzückt die Gemüter. "Ich fang erstmal damit an, was toll ist", wird die Spitzenkandidatin Christa Goetsch später in die verschwitzte Menge rufen. Und dann das Versagen der FDP nennen. Sowie die Tatsache, dass Ole von Beust (CDU), die absolute Mehrheit verloren hat.

Nachhaltig sind die Glücksgefühle nicht, auch das wissen alle. Die Grünen haben knapp drei Prozentpunkte verloren, nicht zuletzt an die Linkspartei. Außerdem, und das setzt ihnen noch viel mehr zu, reicht es nicht für eine rot-grüne Koalition. Aber es könnte für eine schwarz-grüne Koalition reichen, der ersten auf Landesebene. Ole von Beust ist nicht abgeneigt. Wer einst mit der Schill-Partei an die Macht gekommen ist, mag die Grünen als durchaus beherrschbar einschätzen.

Die Grünen, vor allem die im fernen Berlin, sind ebenfalls nicht abgeneigt. Krista Sager zum Beispiel, grünes Hamburger Urgestein, jetzt stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Sie lächelt entspannt, nachdem sie die ersten Hochrechnungen gesehen hat. "Das ist ja nicht überraschend", sagt sie zu stern.de. "Und wenn wir unseren Wunschpartner nicht kriegen, dann werden wir uns Gesprächen nicht verweigern." Es ist kein Geheimnis, dass Sager und Beust gut miteinander können. Und dass die Berliner Grünen nach einer Machtoption suchen, sollte die SPD dauerhaft schwächeln. Sager versucht schon mal, die Preise für ihre Partei hochzutreiben. Sie verweist darauf, dass die Hamburger - zählt man die Stimmen für Rot-Rot-Grün zusammen - mehrheitlich eine andere Klimapolitik wollen. Und eine andere Schulpolitik. Und eine andere Sozialpolitik.

Na gut. Aber wer, um Gottes willen, soll diese bizarre Ehe der Basis verklickern? Anja Hajduk, Landesvorsitzende der Hamburger Grünen, will das Gespräch vor der Tür führen, auf den Trottoirs der Reeperbahn. Dort kann sie rauchen. Hajduk eiert bei der Frage nach der Frage, ob sich die Grünen mit der CDU anfreunden könnten, über die Elbe und wieder zurück. "Man kann keine vernünftige Spekulation anstellen", sagt sie. "Die Differenzen zur CDU sind riesig." Und was ist, wenn von Beust bei den Gesprächen Kompromisse anbietet, sagen wir: einen Verzicht auf eine weitere Elbvertiefung? Kaum liegt die Option schwarz-grün in der Luft, keift eine grüne Mitstreiterin dazwischen: "Dann trete ich aus." Hajduk verabschiedet sich schnell, ihre zweite Zigarette brennt noch, aber sie will sich nicht weiter befragen lassen. Auf Treppe zurück ins "Herzblut" stürmt Parteifreund auf sie zu. "Und was machen wir jetzt?", fragt er. Hajduk antwortet: "I don't know."

Niemand knows so recht an diesem Abend. In der Basis liegen die Gedanken über Kreuz, Sunnyboy Ole von Beust präsidiert von den Großbildleinwänden, darunter reichlich Verwirrung. Jedes beliebige Zitat ist abrufbar. "Nein, niemals schwarz-grün!", sagt eine Hamburger Grüne, die ungenannt bleiben will. "Das ist vier Jahre zu früh. Die Basis würde nicht mitgehen." Ein Parteifreund, der direkt neben ihr steht - auch er traut sich noch nicht mit Namen in die Öffentlichkeit - widerspricht. Ein Drittel der Basis würde die CDU für den Belzebub halten, zwei Drittel würden mitmachen. "Wir können nicht nur Opposition", sagt er mit machthungrigem Blick. Benjamin Spatz, 30, bringt die Zerrissenheit seiner Partei auf den Punkt. "Gesellschaftlich wäre schwarz-grün interessant. Dieses Langerdenken entspricht nicht mehr den Realitäten", philosophiert der Jungpolitiker über das Bierglas hinweg. "Aber für unsere Partei wäre das der Tod. Wir sind nicht angetreten, um die bürgerliche Mitte zu stützen."

So geht es hin und her und her und hin, wie Ebbe und Flut, am kommenden Donnerstag ist Mitgliederversammlung des Hamburger Landesverbandes, dort muss eine Marschrichtung beschlossen werden. Gespräche mit der CDU sind okay, das zeichnet sich jetzt schon ab. Aber eine Koalition? Die Grünen winden sich und recken die Hälse. Es graut ihnen davor, ihre eigene Glaubwürdigkeit wegzuregieren. Es graut ihnen aber auch davor, weiter in der Opposition zu bleiben. Einfache Lösungen sind nicht in Sicht. Nur Beweglichkeit. Hessen ist überall dieser Tage, auch in Hamburg.


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