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Wahlen in Hamburg: Enttäuschung über "Scheriff" Schill

In seiner einstigen Hochburg Hamburg-Wilhelmsburg zeigen sich die Anhänger enttäuscht von Ronald Schill. Vielen gilt "Richter Gnadenlos" mittlerweile als "Schaumschläger".

Hinter alten Häuserzeilen mit türkischen Gemüseläden, albanischem Café und deutschem Kiosk rattern Züge und S- Bahnen fast im Minutentakt. Hier schlägt das Herz von Hamburg-Wilhelmsburg, einem alten Arbeiterstadtteil. Hier feierte Ronald Schill bei der Bürgerschaftswahl 2001 mit 34,9 Prozent seinen größten Triumph. In wenigen Tagen stellt sich der Ex-Innensenator erneut dem Votum der Wähler - und könnte sogar in seiner Hochburg eine Pleite erleben.

"Schill ist als Schaumschläger geoutet", sagt Mustafa Yasar von der Türkisch-Islamischen Gemeinde. 34 Prozent der Einwohner auf der Elbinsel sind Ausländer. Auch der Arzt Manuel Humburg, der sich in der Initiative "Forum Wilhelmsburg" engagiert, sieht hauptsächlich "Katzenjammer". Bei einigen hinterlasse Schill noch das Image eines Mannes, "der sich nicht verbiegen lässt". Zwar habe der umstrittene Politiker sein Versprechen für mehr Polizei eingelöst, aber gleichzeitig sei die Drogenszene vom Hauptbahnhof in die Randgebiete verdrängt worden, kritisiert er.

"Die Ideen waren nicht schlecht"

Ein Ladeninhaber berichtet von Schutzgelderpressung - und die Polizei helfe ihm nicht. "Schill, nein, den wählen die Leute nicht wieder", sagt er kopfschüttelnd. Cordula Schreck ist anderer Auffassung. Der ehemalige Innensenator habe schon etwas erreicht. Dass kriminelle Ausländer jetzt abgeschoben würden, fänden sogar Ausländer im Stadtteil gut, sagt die Kiosk-Betreiberin. "Die Ideen waren nicht schlecht." Ob Schill wieder ein gutes Ergebnis erreichen kann? "Ich denke schon."

An den Straßenrändern des Stadtteils, der als sozialer Brennpunkt gilt, liegen Wahlplakate mit dem Konterfei von "Richter Gnadenlos" flach oder sind zertreten. Die politische Konkurrenz wirbt dagegen unbehelligt. "Das sind Leute von außerhalb, die kommen nachts und zerstören die Schilder", empört sich Richard Braak von der Pro DM/Schill-Partei. Er dirigiert zwei Arbeiter, die kaputte Werbeschilder auswechseln.

Braak glaubt fest daran, bei der vorgezogenen Wahl am 29. Februar wieder in die Bürgerschaft einzuziehen. Wie zum Beweis kommt ein Rentner vor der Kulisse abgeblätterter Hochhausfassaden um die Ecke: "Guten Tag, Herr Braak, ich drücke die Daumen."

"Schill hat enttäuscht"

Ein paar Straßen weiter bietet der Stadtteil mit seinen rund 46 000 Einwohnern ein anderes Bild. Hier stehen Siedlungshäuser in sauber angelegten Gärten. "Das ist eine alte sozialdemokratische Gegend", sagt Ingrid Zschorsch. "Die Menschen möchte ich kennen lernen, die den noch mal wählen", sagt sie. "Schill hat enttäuscht." Vor allem werde ihm sein rüdes Verhalten gegenüber Bürgermeister Ole von Beust (CDU) übel genommen. Attacken gegen die eigene Koalition mit CDU und FDP hatten zum vorzeitigen Ende des Bündnisses geführt.

Die Politologin Julia von Blumenthal von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr bestätigt, dass die Enttäuschung im Zusammenhang mit Schill überwiegt. Außerdem fehle diesmal das Top- Thema aus dem Jahr 2001, die innere Sicherheit. "Der Wahlkampf ist zwischen CDU und SPD polarisiert und personalisiert." Die Erfahrung mit rechtsextremen Parteien habe aber gezeigt, dass sich Wähler von umstrittenen Parteien oft nicht zu erkennen geben. Daher sei ein Ergebnis oberhalb von fünf Prozent für Schill unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Sönke Möhl / DPA