Wissensgesellschaft Wo hat Deutschland Zukunft?

Weltoffenheit, Talent, Technologie - diese drei Kriterien sind der Treibstoff für die regionale Entwicklung
Weltoffenheit, Talent, Technologie - diese drei Kriterien sind der Treibstoff für die regionale Entwicklung
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Wie gut sind die deutschen Regionen für die Zukunft in einer Wissensgesellschaft gewappnet? Eine Studie kommt zu einer ernüchternden Erkenntnis: Ostdeutschland ist in punkto Kreativität, Talent und Weltoffenheit ein hoffnungsloser Fall. Wir zeigen die Karten zum Talent-Index.

Bildung schafft Wohlstand: Auf diese Kurzformel lassen sich neueste Erkenntnisse über die Einkommensquellen zukünftiger Gesellschaften - und Regionen - bringen. Denn die Zukunftsfähigkeit der Regionen lässt sich nicht nur nach gängigen marktwirtschaftlichen Kennziffern wie Bruttoinlandsprodukt oder Pro-Kopf-Einkommen ermitteln. Auch Kreativität, Talent und Toleranz sind wichtige Maßstäbe für die Wissensgesellschaft der Zukunft. Das Berlin-Institut hat dieses Modell in der Studie "Talente, Technolgie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat" erstmals auf die 16 deutschen Bundesländer angewendet.

Demnach gedeihen vor allem "kreative" Gesellschaften, weil sie vorhandenes Wissen am besten und schnellsten zu neuen, lukrativen Produkten und Dienstleistungen kombinieren können. Aber auch der Umgang mit Neuem und Fremdem hat laut dem Berlin-Institut einen Einfluss auf die Zukunftsfähigkeit: In einer globalisierten Welt, in der Wanderbewegungen zunehmen, profitieren jene am meisten, die Migranten gegenüber offen sind und sie mitsamt ihrem Wissen möglichst schnell und nutzbringend in die eigene Gesellschaft integrieren.

Dabei herrschen laut der Studie zwischen den deutschen Bundesländern große Unterschiede. Das liegt - besonders bei der Wirtschaftskraft und dem Beschäftigungsangebot - vor allem an den politischen und sozialen Rahmenbedingungen. Berlin hat, gemessen an den Kriterien von Talent, Technologie und Toleranz (TTT), das größte kreative Potenzial aller deutschen Bundesländer. Bedenklich ist die Situation für die neuen Bundesländer.

Ostdeutschen Länder weit abgeschlagen

Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben nach den TTT-Kriterien des Berlin-Instituts relativ geringes Potenzial. Vor allem mangelt es an Offenheit gegenüber fremden Einflüssen. Dies aber ist die Voraussetzung für eine Zuwanderung von Qualifizierten, die künftig vermehrt aus dem Ausland kommen werden.

Zuwanderung wiederum wäre dringend geboten, weil Deutschlands Osten aufgrund der massiven Abwanderung vor allem junger Frauen und der sehr niedrigen Kinderzahlen aus eigener demografischer Kraft kaum eine langfristige Überlebenschance hat. Das heutige Wachstum in den neuen Bundesländern beruht im Wesentlichen auf Transferleistungen und ist deshalb kaum nachhaltig. Auch das zeigt die vorliegende Untersuchung.

Berlin gewinnt - mit Schwachpunkten

Berlin hat als Großstadt in Sachen TTT ähnliche Voraussetzungen wie die Hansestadt Hamburg. In diesen beiden Metropolen tummeln sich nach Erkenntnissen des Berlin-Instituts deutschlandweit die meisten Kreativen, und kulturell herrscht die größte Offenheit. Doch während es die Hamburger schaffen, aus ihren Fähigkeiten einen überproportionalen Wohlstand zu erwirtschaften, hinkt die Hauptstadt hinterher: Dort liegt die Arbeitslosigkeit nach wie vor auf hohem Niveau, es werden vergleichsweise wenig neue Stellen geschaffen, und auch die Industrie ziert sich mit Neuansiedlungen, so die Studien-Autoren.

Aus der Analyse der Studienergebnisse wird deutlich, wo die Entwicklungsdefizite der Regionen liegen: Während beispielsweise Berlin kaum Nutzen aus seinen hohen Ausgaben im Forschungs- und Entwicklungsbereich zieht und deshalb seine Ansiedlungspolitik für Wirtschaftsunternehmen verbessern sollte, investiert Hamburg trotz einer guten Standortpolitik zu wenig in Forschung und Technologie. Würde die Hansestadt diese einzige Schwäche beheben, würde sie das bundesweite TTT-Ranking anführen.

Bayern ist nicht weltoffen

Aber auch die wirtschaftlich erfolgreichen Regionen im Süden Deutschlands könnten ihre Attraktivität weiter verbessern. Laut der Studie vor allem Bayern entspricht mit einem vergleichsweise hohen Maß an Vorbehalten gegenüber Fremdem nicht dem Bild einer modernen weltoffenen Technologieregion.

Dennoch - auch in Deutschland sind Talente, Technologie und Toleranz, also alle drei T, Voraussetzungen für Wachstum. Wo sie zusammenkommen, so das Ergebnis der Studie, sammelt sich Humanvermögen, Infrastruktur und Lebensqualität. Diese Mischung ist dann kaum zu schlagen: erstens gut ausgebildete Fachkräfte, vor allem in Zukunftsbranchen wie der Informationstechnologie und den Ingenieurwissenschaften; zweitens eine Forschungslandschaft mit qualitativ hochwertigen Ausbildungsstätten; und drittens Offenheit und Toleranz gegenüber Migranten, Minderheiten und künstlerisch Aktiven. Denn wo diese Eliten leben, denken und arbeiten, entstehen Wohlstand, neue Arbeitsplätze - und ein Umfeld, das weitere Kreative anlockt und zum Bleiben bewegt. Dann klappt's auch mit der Zukunft.

spi

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