Rechtsextremismus
Wo die AfD vielen Wählern noch nicht radikal genug ist

Die AfD ist besiegt, nun soll die CDU folgen: Der rechtsextremistische Oberbürgermeisterkandidat Stefan Hartung
Die AfD ist besiegt, nun soll die CDU folgen: Der rechtsextremistische Oberbürgermeisterkandidat Stefan Hartung
© Jan Woitas / DPA

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Und die AfD schaut missmutig zu: In der sächsischen Kleinstadt Aue-Bad Schlema will an diesem Sonntag ein bekennender Neonazi der CDU das Oberbürgermeisteramt entreißen. 

Den Schock des ersten Wahlgangs hat Marcus Hoffmann überwunden. Inzwischen, sagt der CDU-Kandidat, betrachte er seine Aussichten „wieder etwas positiver“. Der Zuspruch für ihn sei groß, er werde auf der Straße angesprochen, in der Nachbarschaft, auf Facebook, sogar aus vorbeifahrenden Autos. „Nie gab es ein böses Wort“, erzählt Hoffmann am Telefon. „Immer wird mir Erfolg gewünscht.“

An diesem Sonntag, mit der Stichwahl, möchte Hoffmann der neue Oberbürgermeister im sächsischen Aue-Bad Schlema werden. Doch nicht er ist der Favorit, obwohl seine CDU seit vielen Jahren den Bürgermeister von Aue stellt – und nach dem Zusammenschluss mit dem Kurort Bad Schlema im Jahr 2019 auch den Oberbürgermeister. 

Nein, als Favorit gilt Stefan Hartung. Der Mann ist seit Langem in der NPD, die sich jetzt Die Heimat nennt, und amtiert nebenher als Landesvize der rechtsextremistischen Partei Freie Sachsen. 

Nicht nur das macht Hartung zu einem bekennenden Neonazi. 2013 führte er einen Fackelmarsch gegen ein Asylbewerberheim in der Gegend an. Die Bundesrepublik bezeichnete er in der „Zeit“ als „Fassadendemokratie“. Dass er im Stadtrat und im Kreistag sitzt und sich schon mehrfach um ein Bürgermeisteramt bewarb, steht für ihn offenbar nicht im Widerspruch dazu.

Die AfD landete auf Platz 4

Nun also könnte Hartung Oberbürgermeister werden. Das besagt zumindest das Ergebnis des ersten Wahlgangs. Hartung gewann am 10. Mai mit 29,0 Prozent. Dahinter lief Hoffmann für die CDU mit 23,6 Prozent ein – gefolgt von den Kandidaten der Freien Wähler (22,5 Prozent), AfD (18,5 Prozent) und Linke (6,4 Prozent). Die Wahlbeteiligung lag bei gut 60 Prozent. 

Wie konnte das passieren? An die 19.000 Menschen leben in der fusionierten Stadt im sächsischen Erzgebirgskreis, die ein halbes Jahrhundert mit dem Namen „Wismut“ verbunden war. Es ist eine Region mit einer großen Industrie- und Bergbautradition sowie einem Fußballklub, der in der DDR dreimal Meister wurde. 

Zuletzt jedoch ist der FC Erzgebirge Aue in die vierte Liga abgestiegen. Und auch die zugehörige Stadt hat trotz einiger Touristen, vieler Fördermillionen und solidem Mittelstand ihre Probleme. Die Bevölkerung schrumpft rasant, das öffentliche Geld ist knapp. Und ja, auch die Migration sorgt für Streit. Nachdem ab 2024 eine Gruppe von Flüchtlingen den örtlichen Postplatz unsicher gemacht hatte, wurde ein halbes Dutzend junger Männer verhaftet. 

Der aus Altersgründen scheidende CDU-Oberbürgermeister Heinrich Kohl spricht von einer „Übernahme unserer Städte im öffentlichen Raum durch migrantische Clans und Rauschgifthändler“, einschließlich einer „Einwanderung ins Sozialsystem“. Dagegen rege sich „Widerstand bis tief in die politische Mitte“, sagte er dem stern. Auch in seiner Stadt habe es sehr lange gedauert, bis der Rechtsstaat wieder annähernd in die Oberhand gelangt sei.

Der CDU-Kandidat Marcus Hoffmann
Der CDU-Kandidat Marcus Hoffmann
© Jan Woitas / DPA

Was immer auch die Gründe sein mögen: Für eine große Minderheit in der Stadt ist die AfD offenkundig nicht mehr rechts genug. Doch ist es auch die Mehrheit? 

Auf diese Frage, die sogar die „New York Times“ beschäftigt, gibt es am Sonntag die Antwort. Es geht in die zweite und entscheidende Runde. Trotz der sächsischen Besonderheit, dass dabei alle Bewerber nochmals antreten konnten, kommt es in Aue-Bad Schlema zu einer echten Stichwahl. 

Denn nur noch Hoffmann und Hartung hielten ihre Kandidaturen aufrecht. Die Linke und die SPD werben offen für den CDU-Mann, die Freien Wähler unterstützen ihn größtenteils. Bloß die AfD, die auf Platz 4 gelandet war, hält sich komplett aus dem Wahlkampf heraus. Die Menschen seien „mündig, aufmerksam und intelligent genug, sich selbst ein Bild zu machen und eigenständig zu entscheiden“, schrieb ihr Kandidat Lars Bochmann ins Netz. 

Dies war keine Wahlempfehlung für Hartung. Aber es war auch nicht das Gegenteil davon. Allein der Umstand, dass auch Bochmann seine Bewerbung zurückzog, dürfte eher dem Rechtsextremisten nutzen. Der Rest lässt sich leicht ausrechnen: Im ersten Wahlgang kamen Freie Sachsen und AfD  auf knapp 50 Prozent.

Bochmann und die sächsische AfD stecken in einem Dilemma. Einerseits konkurriert die Landespartei mit den Freien Sachsen um teils dieselbe Wählerklientel. Zudem steht die rechtsextremistische Kleinstpartei offiziell auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD.

Andererseits kommt es immer mal wieder zur Zusammenarbeit. Im September 2025 schloss sich gar der Leipziger Stadtrat Günter Butz, der für die Freien Sachsen kandidiert hatte, der AfD-Fraktion an, die den Vorgang so darstellte: „Herr Butz ist parteilos und zog bei der letzten Stadtratswahl über die Liste der Freien Sachsen ins Stadtparlament ein. Er ist Tischlermeister und schärft das wirtschaftspolitische Profil unserer Fraktion.“

Das völkische Lager hält die offizielle Abgrenzung zu den Freien Sachsen schon immer für falsch. Die Unvereinbarkeitsliste dürfe im Fokus nicht „zu sehr verengt“ sein oder „der Gegnermarkierung und politischen Positionierung dienen“, schrieben der Thüringer Landeschef Björn Höcke und sein Co-Chef Stefan Möller bereits 2022, als der Bundesvorstandsbeschluss bekannt wurde.

Diese Gemengelage macht für Jörg Urban, der neben der Sachsen-AfD auch die Landtagsfraktion in Dresden leitet, auch die aktuelle Situation in Aue-Bad Schlema kompliziert. Nach dem ersten Wahlgang berichtete die „Bild“-Zeitung von „heftigen Debatten“ in der Landespartei und im AfD-Kreisverband Erzgebirge darüber, ob Hartung unterstützt werden sollte. Am Ende hätten Urban und sein Generalsekretär Jan Zwerg dafür gesorgt, dass es keine Wahlempfehlung gebe, hieß es.

Die Kommunikation von Friedrich Merz

Auf Nachfrage des stern beim AfD-Landeschef, ob der Bericht zuträfe, teilte ein Sprecher mit: „Was Sie hier suggerieren, entspricht nicht den Tatsachen. In Sachsen leben mündige Bürger, die selbst entscheiden können, wen sie wählen.“

Egal, wie es sich zugetragen hat, richtig ist: An diesem Sonntag sind 15.400 Wahlberechtigte in Aue-Bad Schlema aufgerufen, ihren neuen Oberbürgermeister zu bestimmen. Sie haben die Wahl zwischen dem Stadtverwaltungsmitarbeiter Hoffmann, 41, CDU-Mitglied – und dem selbstständigen IT‑Unternehmer Hartung, 37, Neonazi. 

Hoffmann will sich nicht zu seinem Konkurrenten äußern. „Ich schaue auf mich“, sagt er. Auch nach Berlin und seinen Kanzler blickt der Kandidat lieber nicht. „Die Kommunikation von Friedrich Merz ist nicht immer die beste.“

Und was ist, wenn er Oberbürgermeister ist? Was wird dann mit dem Stadtratsmitglied Hartung? Und was mit der AfD? „Ich halte es grundsätzlich so, dass ich über Parteien hinweg schaue“, antwortet Hoffmann. Es gehe um die Inhalte. „Und ich werde nicht prinzipiell etwas ablehnen, nur weil es aus der AfD kommt.“

Freie Sachsen und AfD stellen im Stadtrat gemeinsam ein gutes Drittel der Mitglieder. 

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