ZAPFENSTREICH Hardthöhe dementiert »Bild«-Bericht


Das Verteidigungsministerium hat Berichte dementiert, denen zufolge Ex-Minister Rudolf Scharping keinen Großen Zapfenstreich zum Abschied erhalten solle.

Der entlassene Verteidigungsminister Rudolf Scharping wird wie seine Vorgänger auch mit dem Großen Zapfenstreich aus dem Amt verabschiedet. Scharpings Nachfolger Peter Struck kündigte am Montag in Berlin an, er werde die Zeremonie am kommenden Montagabend für Scharping abhalten. Damit beendete Struck von der »Bild«-Zeitung aufgebrachte Spekulationen, wonach Scharping als erstem Verteidigungsminister in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland der Zapfenstreich verweigert werden sollte.

- HINTERGRUND: Großer Zapfenstreich

Wechsel in »Würde und gegenseitiger Achtung«

Für die politische Kultur in einem Land sei es wichtig, dass Wechsel an der Spitze des Ministeriums »in Würde und gegenseitiger Achtung stattfinden«, sagte Struck. Der bisherige SPD- Fraktionsvorsitzende drückte Scharping, der in Folge zweifelhafter Geschäftskontakte zu dem PR-Unternehmer Moritz Hunzinger vergangene Woche entlassen worden war, »hohen Respekt für die Amtsführung« aus. »Ich habe überhaupt nichts an der Arbeit meines Amtsvorgängers auszusetzen«, betonte Struck. Er sehe auch keinen Anlass, »hier alles wegzufegen und alles neu zu machen«.

»Bild«-Bericht dementiert

Die »Bild«-Zeitung hatte am Montag unter Berufung auf Regierungskreise berichtet, für Scharping sei nur ein schlichter »Appell« auf dem Antreteplatz des Berliner Bendler-Blocks geplant. Scharpings Wunsch nach einem Zapfenstreich sei abgelehnt worden. Die grüne Wehrexpertin Angelika Beer sagte im Südwestrundfunk, eine Verweigerung des Zapfenstreichs wäre ein »Nachtreten und auch etwas kleingeistig«. FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt sagte, Scharping die Zeremonie zu verweigern wäre schäbig und ein »Stilbruch«.

Struck will Politik Scharpings fortführen

Struck sagte, er fühle sich Scharping »freundschaftlich verbunden« und werde »mit Sicherheit auf seinen Rat zurückgreifen«. Er wolle mit dem Ex-Verteidigungsminister nach dessen Rückkehr aus dem Urlaub intensiv reden. Der neue Verteidigungsminister will in den zwei Monaten seiner Amtszeit bis zur Bundestagswahl die Politik seines Vorgängers fortführen. Struck kündigte an, dass er nicht mehr Geld für die Ausstattung der Bundeswehr fordern werde, als bisher vorgesehen ist. Auch die Wehrdienstzeit von derzeit neun Monaten will Struck nicht weiter verkürzen.

Kein zuätzliches Geld für Verteidigungs-Etat

»Es gilt eindeutig, dass es bei den bisherigen Planungen bleibt«, sagte Struck im Hinblick auf den Haushalt 2003. Er gehe davon aus, »dass die Mittel auch reichen«. Seine Haltung begründete Struck damit, dass er die von der Regierung getroffenen Haushaltsentscheidungen in seiner Eigenschaft als SPD-Fraktionschef mitgetragen habe. Jetzt eine andere Position einzunehmen, »wäre nicht glaubwürdig«.

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Hintergrund: Großer Zapfenstreich

Der Große Zapfenstreich ist ein alter militärischer Brauch. Die Ursprünge dieser feierlichen Form der deutschen Militärmusik gehen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Die Zeremonie wurde bei besonderen Anlässen in der kaiserlichen Armee, der Reichswehr und der Deutschen Wehrmacht gepflegt. Auch die Bundeswehr führt den »Zapfenstreich« zu bedeutenden Anlässen auf:

Alle ausscheidenden Verteidigungsminister und hohe Offiziere werden damit - üblicherweise - zum Abschied geehrt. Einen Anspruch darauf gibt es aber nicht. Das letzte Wort liegt laut Ministerium beim amtierenden Verteidigungsminister. Der Ursprung: Wenn die Landsknechte zur festgesetzten Abendstunde in das Lager zurückkehren sollten, ging ein Offizier, begleitet von einem Pfeifer und einem Trommler, durch die Gaststuben und schlug mit seinem Stock auf den Zapfen des Fasses. Danach durfte der Wirt keine Getränke mehr ausgeben. Die Soldaten mussten in die Zelte. Diesen musikalischen Befehl nannten die Landsknechte »Zapfenstreich«. Wer sich ihm widersetzte, wurde hart bestraft. Während der Freiheitskriege nahm der Brauch zunächst in Preußen zeremonielle Bedeutung an. König Friedrich Wilhelm III. befahl 1813 für die preußischen Truppen die Einführung eines Gebets nach dem »Zapfenstreich«. Der Befehl dazu lautet »Helm ab zum Gebet«. Die heute noch gebräuchliche Form mit Aufmarsch und Musik wurde von Wilhelm Wieprecht, dem Direktor aller Musikkorps des Preußischen Gardekorps, zusammengestellt. Die Zeremonie wurde unter seiner Leitung am 12. Mai 1838 in Berlin zum ersten Mal aufgeführt.


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