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ZDF-"Politbarometer": Die 18-Prozent-Grünen

Die Union schießt aus allen Rohren: Die Grünen seien gegen alles. Die Gescholtenen halten mit Riesenforderungen für ein moderneres Deutschland gegen.

Jürgen Trittin freut sich. Linsen, Schwarzwurzel und Rosenkohl seien seine Lieblingsgemüse. Und genau das hat der Chefkoch des Traditionshotels Elephant in Weimar zum Gala-Abendessen für die Neujahrsklausur der Grünen-Fraktion gerade angekündigt. Für die Grünen ein Beispiel dafür, wie sehr die Gesellschaft auf den Geschmack grüner Lebensart gekommen ist - etwa mit regionaler Kost. Trotz aller Angriffe vor allem der Union, die Ökopartei sei gegen alles, fühlt sie sich als Teil eines breiten Mainstreams.

Die Grünen nehmen die Attacken gelassen. Soll die CSU ihren Wahlkampfspot vom Netz nehmen, der die Oppositionspartei als Dummkopf mit Steinschleuder darstellt? "Das kann ein Hit werden", frohlockt die Co-Vorsitzende Renate Künast. Die Verunglimpfung solle unbedingt zu sehen bleiben. Sie falle auf ihre Urheber zurück.

Mit einer neuen Infrastruktur für Strom, Verkehr und das Internet wollen die Grünen das Land überziehen. "All das sind Dinge, bei denen wir für etwas streiten", doziert Trittin in Weimar. Nur die Union habe leider immer noch etwas gegen die Neuerungen einzuwenden.

Auf einem grünen Sofa beantwortet Trittin zwischendrin vor einer Kamera Fragen aus dem Netz für einen Internet-Chat. Soll es einen grünen Kanzlerkandidaten geben? Die Frage stelle sich erst, wenn die Grünen vielleicht einmal eine Chance hätten, den Regierungschef zu stellen, meint er. In den Ländern sei es ja teilweise so weit. "Wenn's drauf ankommt, haben wir auch die richtigen Leute."

Alles ist ab jetzt Wahlkampf, lautet die Devise vor den Auseinandersetzungen um die Macht in Baden-Württemberg, sechs weiteren Ländern und später im Bund. Vor Zumutungen schrecken die Grünen dabei nicht zurück. 100 Milliarden Euro will die immer noch kleinste Oppositionskraft binnen zehn Jahren per Vermögensabgabe einnehmen. Freilich nur von den Superreichen, die nicht unbedingt zum Kernklientel der Grünen zählen.

Doch soll das Geld allein zur Bewältigung der Finanzkrise ausgegeben werden. Es fehlt also noch ein guter Teil der Rechnung, wie die Grünen weitere Verheißungen bezahlen wollen - höhere Sätze für Langzeitarbeitslose zum Beispiel, 1000 weitere Ganztagsschulen, die Aufmöblung der Netze, und, und, und.

"Wir werden Prioritäten aufstellen", sagt ein Abgeordneter. Doch so weit sind die Grünen noch nicht. Hartes Ringen in Fraktion und Partei ist bis 2013 absehbar.

Bis es so weit ist, geht es für die Grünen jetzt darum, aus den bisher nur leicht bröckelnden Rekordwerten in den Umfragen mehr Regierungsbeteiligungen zu machen. Im Bund stehen sie laut ZDF-"Politbarometer" nun bei 18 Prozent. Nach Jahren der Offenheit gegenüber anderen Koalitionspartnern als der SPD verengen sich die Bündnismöglichkeiten wieder. Die Union von Kanzlerin Angela Merkel fällt nach verbreiteter Meinung der Abgeordneten in Weimar quasi aus, ebenso die zerstrittenen Linken und Liberalen. Die Grünen sind immer deutlicher auch auf Stabilität und Fortune bei den Sozialdemokraten angewiesen.

Basil Wegener, DPA / DPA