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Berlin³: Ende der Zeitumstellung? Stoppt Juncker!

Das dunkle Zeitalter bricht an. Die EU-Kommission will die Zeitumstellung abschaffen – weil sich ein Prozent der wahlberechtigten EU-Bürger dafür ausgesprochen hat.

Nach einer europaweiten Online-Befragung will Jean-Claude Juncker die Abschaffung der Zeitumstellung empfehlen

Nach einer europaweiten Online-Befragung will Jean-Claude Juncker die Abschaffung der Zeitumstellung empfehlen

DPA

Vorab drei Geständnisse und eine Frage. Erstens: Ich hasse es, wenn im März die Zeit umgestellt wird und ich deshalb ausgerechnet von Samstag auf Sonntag eine Stunde weniger schlafen kann. Zweitens: Ich liebe es, wenn danach schlagartig die Tage zumindest gefühlt länger sind, genieße die ewig hellen Sommerabende und fürchte jetzt schon das Oktoberwochenende, nach dem die ganz dunkle Zeit anbricht. Drittens: Ich bin ein leidlich informierter Mensch. Trotzdem ist die Online-Befragung der EU-Kommission zur Abschaffung der Zeitumstellung komplett an mir vorbei gegangen. Und jetzt die Frage: Wie bescheuert darf man eigentlich sein als Präsident der EU-Kommission?

Die Antwort kann sich jeder selber geben. Jean-Claude Juncker jedenfalls hat jetzt nach der sogenannten "Konsultation" der EU-Bürger für sich und den Rest der Gemeinschaft beschlossen, dass die Zeitumstellung - also der Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit - abgeschafft werden soll. Er folgt damit dem Willen von 80 Prozent derjenigen, die sich an der Befragung beteiligt haben. Man kann das für volksnah und demokratisch halten. Viel näher liegt allerdings ein anderes Urteil, siehe oben.

Dazu reicht es, sich die Zahlen hinter Junckers grandios gescheitertem Versuch, mehr direkte Demokratie zu wagen, mal etwas genauer zu betrachten. Die EU zählt gut 512 Millionen Einwohner, 400 Millionen sind wahlberechtigt. Von diesen 400 Millionen haben 4,6 Millionen bei der Abstimmung über die Zeitumstellung mitgeklickt. Man muss kein Fields-Preisträger sein, um relativ fix auszurechnen, welcher Wahlbeteiligung das entspricht: 1,15 Prozent. Und man braucht nicht mal einen Daumen, um rauszukriegen, dass 80 Prozent davon überschlagsmäßig weniger als ein Prozent sind. 

Ein Prozent! EIN PROZENT!!

Warum durften die Bürger nicht über Griechenland abstimmen?

Deren Willen will Juncker jetzt nachgeben. Das ist, nein, das ist nicht nur bescheuert. Es ist in jeder Hinsicht: verrückt. Man möchte laut schreien: Stoppt Juncker! Vor allem, wenn man die Zahlen noch genauer analysiert. Von den 4,6 Millionen Teilnehmern kamen etwa zwei Drittel aus – Deutschland. Man möchte nicht wissen, was hierzulande los wäre, wenn Juncker das Rauchverbot lockern wollte nach einem ähnlichen Befragungsergebnis, das von  – sagen wir mal – den Italienern dominiert werden würde.

(Es wäre übrigens eine eigene Betrachtung Wert, warum sich ausgerechnet die Deutschen so schwer damit tun, dass sie zwei Mal im Jahr ihre Uhren um eine Stunde und sich ein bisschen umstellen müssen. Eine tief sitzende Veränderungsresistenz einhergehend mit einem mittelschweren Hang zum Dunklen jeder Art? Aber das lassen wir besser.)

Das jedenfalls kommt dabei raus, wenn sich verantwortliche Politiker Liebkind machen wollen bei den Bürgern und ihnen vorgaukeln, sie dürften mitreden, jedenfalls dann, wenn es um weniger wichtige Entscheidungen geht. Aus gutem Grund haben Juncker und die Kommission ja nie die EU-Bürger gefragt, ob sie die klammen Griechen aus der Euro-Zone werfen würden. Und falls doch, hätten sie aus genauso gutem Grund das zu erwartende Ergebnis ignoriert.

Depp oder Depp

Juncker jedenfalls hatte nun nur die Wahl, entweder als Knecht der Deutschen dazustehen, die dem Rest der Union ohnehin auf den Zeiger gehen, oder aber die Befragung Befragung sein zu lassen und damit den viel zu vielen Recht zu geben, die glauben, Brüssel mache ohnehin, was es wolle und entspreche nicht dem Willen der Bürger, wenn die schon mal gefragt werden. Beides würde den Ruf der EU und seiner Institutionen im Zeitalter des populistischen Nationalismus und ein knappes Jahr vor der nächsten Europawahl weiter schädigen. Und das alles wegen einer Lappalie.

Es war also die Wahl, als Depp oder als Depp dazustehen. Juncker hat sie sich redlich verdient.

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