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Zentralabitur für Deutschland: Wird das Abi in Zukunft schwieriger?

Abitur als Gütesiegel: Einheitliche Prüfungen sollen eine Vergleichbarkeit in allen deutschen Bundesländern schaffen und so das Leistungsniveau angleichen. stern.de sprach mit Hamburgs Schulsenator Ties Rabe über die Probleme.

Von Catrin Boldebuck

Herr Rabe, ab wann schreiben Schüler in Deutschland Zentralabitur?
Ab dem Schuljahr 2016/17 gibt es für alle Bundesländer einen Aufgabenpool mit gleich schweren Aufgaben für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch. Die Naturwissenschaften sollen im nächsten Schritt dazu kommen. Es ist kein lupenreines Zentralabitur, mit einer einzigen zentralen Aufgabenstellung, dazu müssten die Prüfungen alle an einem Tag geschrieben werden.

Die Franzosen, die Niederländer und die Finnen schreiben alle an einem Tag ihre Prüfungen. Warum kriegen wir das nicht hin?
Weil dann bei uns alle Ferien an einem Tag beginnen müssten. Das kann aber die Kultusministerkonferenz nicht allein entscheiden, weil viele Interessengruppen dagegen sind. Versuche, die Ferientermine anzugleichen sind bisher an den Wirtschafts- und den Tourismusverbänden gescheitert.

Ist es nicht viel mehr so: Weil die Länder nicht von ihrer Bildungshoheit abrücken wollen, ist das der kleinste gemeinsame Nenner?
Nein, wenn wir keine bundeseinheitlichen Termine einführen wollen, ist das der größte gemeinsame Nenner. Der kleinste gemeinsame Nenner wäre, wir machen weiter wie bisher und jeder macht, was er will. Aber das Abitur ist ein Gütesiegel, das sollte nicht wie bisher von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt werden. Bei unserer Lösung bekommen wir die Vergleichbarkeit, ohne dass alle Abitur- und Ferientermine auf einen Tag fallen müssen.

Und was soll daran besser sein?
Wir führen in Deutschland ein einheitliches Leistungsniveau ein. Dazu schaffen wir einen Aufgabenpool für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch aus dem sich alle 16 Bundesländer bedienen. Die Aufgaben werden von Wissenschaftlern erarbeitet. Auch die Schulen können Aufgaben einreichen. Aber die müssen von Wissenschaftlern geprüft werden und das Qualitätssiegel bekommen.

Wie stellen Sie sicher, dass nicht jedes Bundesland die Aufgaben auswählt, die es selbst hineingetan hat?
Wer was reintut und was raus nimmt, ist gar nicht so wichtig – entscheidend ist, dass die Aufgaben gleich schwer sind.

Aber dann gibt es immer noch die Noten. Wie wollen Sie bei der Bewertung für Gerechtigkeit sorgen?
Es soll für jede Aufgabe Bewertungsbögen geben, in denen klar festgelegt wird, was Schüler für welche Note leisten müssen. Da steht dann beispielsweise für das Thema "Die Verwandlung" von Franz Kafka in Deutsch: Ein Schüler erreicht die Note ausreichend und besser, wenn er in der Aufgabe drei Ansätze einer Diskussion erkennen lässt, indem er wenigstens ein Pro- und ein Contra-Argument nennt und erklärt. Wir haben damit in Hamburg gute Erfahrungen gemacht. Weil dieser "Beipackzettel" so präzise ist, kommen in 95 Prozent der Fälle zwei Lehrer auf dieselbe Note.

Das klingt bürokratisch. Warum liest nicht einfach ein zweiter Lehrer Korrektur?
Das muss jedes Bundesland selbst entscheiden.

Da weichen Sie schon wieder die Standards auf.
Nein, zurzeit gibt es doch keine Standards. Deshalb ist unser Verfahren ein deutlicher Fortschritt. Der "Beipackzettel" legt erstmals sehr verbindlich einen Bewertungsmaßstab fest. Ich bin sicher, dass sich in den meisten Bundesländern Zweitkorrektoren mit jeder Arbeit befassen werden.

Nur für drei Fächer gibt es zentrale Standards. Und die Prüfungen am Ende der Oberstufe machen nur einen Bruchteil der Abschlussnote aus. Wie soll dadurch das Abitur vergleichbar werden?
Mathematik, Deutsch und Englisch sind Kernfächer. Mindestens in einem, wenn nicht in zweien, werden Schüler getestet. Auch wenn die Prüfungen formal nur ein Drittel der Abiturnote ausmachen, so hat das gravierende Konsequenzen: Der Unterricht wird bundesweit angeglichen.

Warum dauert es so bis lange bis dieses Kernabitur kommt?
Anfang des Jahres haben die Kultusminister beschlossen: Wir wollen diesen Aufgaben-Pool. Nun werden Wissenschaftler beauftragt, Aufgaben zu sammeln. Das dauert ein bis zwei Jahre. Dann könnte man die Prüfungen zwar sofort einführen – aber das wäre nicht fair gegenüber den Schülern. Die Schulen müssen sich mit ihren Lehrplänen auf die neuen Prüfungen einstellen, die Oberstufe muss angepasst und der Unterricht umgestellt werden.

Wird das Abitur in Zukunft leichter oder schwieriger?
Manche Bildungsforscher sagen, zentrale Prüfungen seien leichter, andere behaupten das Gegenteil. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin erarbeitet gerade die Bildungsstandards für die Oberstufe. Damit definieren wir wie schwierig das Abitur wird. Eines ist klar: In Zukunft brauchen wir mehr Abiturienten.

Wie ist eigentlich Ihr Abi-Schnitt?
Ich hatte Deutsch- und Latein-Leistungskurs, dazu Gemeinschaftskunde und Biologie. Mein Notenschnitt war 1,2.