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Zuwanderungsdebatte Das Multikulti-Missverständnis

Kann Multikulti in Deutschland funktionieren? Darüber streiten derzeit Politiker
Kann Multikulti in Deutschland funktionieren? Darüber streiten derzeit Politiker
© Boris Roessler/DPA
Multikulti sei "absolut gescheitert", sagt Kanzlerin Angela Merkel. Was sie unter Multikulti versteht, sagt sie nicht. Eine Annäherung an einen alten Begriff, der wieder frisch umkämpft ist.
Von Carsten Heidböhmer

Nach Jahren des Stillstands kommt in Deutschland wieder Bewegung in die Integrationsdebatte. Auslöser sind Thilo Sarrazins Thesen über muslimische Einwanderer und der Satz von Bundespräsident Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland. Seither wird wieder diskutiert: Ob der Staat Zuwanderung braucht, welche Menschen ins Land kommen sollen - und was sie leisten müssen. In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Begriff Multikulti. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat diesem Konzept eine Absage erteilt: "Natürlich war der Ansatz zu sagen, jetzt machen wir hier mal Multikulti und leben so nebeneinander her und freuen uns übereinander: Dieser Ansatz ist gescheitert, absolut gescheitert", sagte Merkel auf dem Deutschlandtag der Jungen Union. Noch weiter ging Horst Seehofer: "Wir als Union treten für die deutsche Leitkultur und gegen Multikulti ein. Multikulti ist tot", sagte der CSU-Chef auf derselben Veranstaltung.

Guido Westerwelle hingegen hält den Begriff weiter durchaus für aktuell. "Wenn Multikulti heißt, dass Vielfalt und Vernetzung mehr denn je unser aller Leben prägen, daheim und international, dann ist Multikulti Realität", sagte der FDP-Chef und Außenminister. Nur wenn man darunter die Aufgabe von eigenen Wertvorstellungen verstehe, sei dieser Begriff ein Irrweg.

Dass sich die Auseinandersetzung gerade um diesen Punkt dreht, ist kein Wunder: Kaum ein Begriff ist hierzulande ideologisch dermaßen aufgeladen wie der des Multikulturalismus oder Multikulti. Doch was genau bedeutet der Begriff eigentlich?

Das Wort stammt aus dem Englischen ("multiculturalism") und tauchte in den 60er Jahren zunächst in den Einwanderungsländern Kanada und den USA auf. In Deutschland wird seit den 70er Jahren über die "multikulturelle Gesellschaft" diskutiert. Der Begriff bezeichnet das Neben- oder Miteinander verschiedener Kulturen in einer Gesellschaft, die sich in Muttersprache, Tradition und Religion unterscheiden.

Beispiel Kanada

Eine klare Definition gibt es jedoch nicht. "Einfach so von Multikulti zu reden, ohne nähere Erläuterung, schafft überhaupt keine Orientierung", sagt Heiner Bielefeldt, Historiker und Politikwissenschaftler aus Erlangen. Was man damit meint, hängt in Deutschland vom politischen Lager ab: Konservative verlangten von den Migranten, sich einer Leitkultur anzupassen, also sich zu assimilieren. Dagegen begrüßten Sozialdemokraten und Grüne die Idee einer Gesellschaft, die nicht mehr länger rein deutsch ist, sondern sich aus verschiedenen kulturellen Einflüssen speist. Genau das ist in den Augen von Merkel und Seehofer gescheitert. Aber ist das wirklich Multikulti?

Rainer Geißler, Professor für Soziologie an der Universität Siegen, kennt sich mit multikulturellen Gesellschaften aus. Als Gastprofessor an der Universität Vancouver konnte er in den 90er Jahren aus der Nähe beobachten, wie das Einwanderungsland Kanada funktioniert. Über die schrillen Töne in der aktuellen Debatte ist er nicht glücklich. "Was Frau Merkel oder Herr Seehofer mit Multikulturalismus meinen, weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, dass sich ein Land wie Kanada seit 1971 als multikulturelle Gesellschaft versteht - und das funktioniert sehr gut", sagt Geißler im Gespräch mit stern.de. Dieses Konzept werde von der großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, wie regelmäßige Umfragen beweisen. Die multikulturelle Gesellschaft sei inzwischen in der kanadischen Identität fest verwurzelt.

Recht auf kulturelle Differenz

Im Gegensatz zu dem US-amerikanischen Schmelztiegel-Ideal, in dem die verschiedenen Kulturen in einem "melting pot" eingeschmolzen werden, wird die ethno-kulturelle Verschiedenheit in Kanada prinzipiell positiv eingeschätzt. Es besteht ein Recht auf kulturelle Differenz, dabei werden jedoch Gruppen als gleichwertig angesehen - denen auch die gleichen Chancen eingeräumt werden sollen. Damit unter diesen Bedingungen ein Zusammenleben funktionieren kann, gelten für alle gemeinsame Grundwerte und -regeln. Dazu zählen die Verfassung, Gesetze und die gemeinsame Sprache.

Während man die Migranten in Deutschland lange Zeit einfach sich selbst überließ und hoffte, sie würden sich schon einleben, ist Kanada von Anfang an davon ausgegangen, dass sich die multikulturelle Gesellschaft nicht von alleine entwickelt, sondern sie politischer und gesellschaftlicher Anstrengung bedarf. Um das Prinzip der Einheit in der Verschiedenheit zu gewährleisten, hat die Politik den Prozess gezielt gesteuert: Auf der einen Seite unterstützt sie die Entfaltung der Kulturen, auf der anderen Seite definiert sie klar, was Einwanderer zu leisten haben. So müssen Elemente der Kulturen, die mit den kanadischen Grundwerten kollidieren, zu Hause bleiben. Ein Beispiel dafür ist häusliche Gewalt.

Auf diese Weise funktioniert die Integration in Kanada sehr gut. Davon profitieren auch die Menschen: Das Land kann es sich leisten, die Einwanderung nach ökonomischen Interessen zu steuern. Mit einem Punktesystem, das auch von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) befürwortet wird. Für Ausbildung, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse, persönlicher Eignung sowie andere Faktoren erhält der Bewerber jeweils Punkte. Das kanadische System ist farbenblind - es achtet nicht auf Hautfarbe und kulturelle Herkunft.

In Deutschland ist es bis zu einer interessengeleiteten Einwanderungspolitik noch ein weiter Weg. Denn es existiert noch kein gesellschaftliches Idealbild, wie sich Einwanderer zu verhalten haben: Sollen sie sich der "Leitkultur" unterwerfen und ihr eigenes Erbe aufgeben? Oder sollen sie nach kanadischem Vorbild ihre Kultur beibehalten dürfen - und sich an einem aus Sprache und Gesetzen bestehenden Minimalkonsens ausrichten?

Deutschland war lange Zeit monoethnisch

Klar ist: Das kanadische Modell lässt sich nicht eins zu eins auf hiesige Verhältnisse übertragen. Dazu sind die Voraussetzungen zu verschieden. Denn Deutschland war lange Zeit eine monoethnische Gesellschaft, die deutsche Kultur stets vorherrschend. Kanada ist dagegen von Anfang an eine Gesellschaft von Einwanderern. Daneben gibt es ein weiteres Problem: Während die Einwanderer in Kanada in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten sind, gehören Migranten in Deutschland häufig der Unterschicht an.

Mit Jahrzehnten Verzögerung führt nun auch die deutsche Politik die Debatte um eine Einwanderungspolitik. Lange hatte das Land der Selbsttäuschung angehangen, bei den hier lebenden Ausländern handele es sich um "Gastarbeiter", die irgendwann wieder verschwänden. Noch in den 90er Jahren leugneten Regierungspolitiker wie der damalige Innenminister Manfred Kanther (CDU) hartnäckig, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Doch inzwischen lässt sich nicht länger ignorieren, dass in diesem Land mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben. Das 2005 von der rot-grünen Bundesregierung verabschiedete Zuwanderungsgesetz war ein erster kleiner Schritt. Das Wort Einwanderung wird darin zwar konsequent vermieden, immerhin können Ausländer seither zu Integrationskursen verpflichtet werden.

Dass nun weiter über das Thema diskutiert wird, sieht der Soziologe Geißler grundsätzlich positiv. Allerdings nimmt er Töne wahr, die eher hinderlich sind. Es sei sehr problematisch, wenn Themen wie Einwanderung und Integration zum Parteiengezänk gemacht würden oder gar als Wahlkampfthema dienten. Auch der Historiker Bielefeldt sieht den Multikulturalismus in Deutschland noch nicht verloren: "Es geht darum, auf der Grundlage der für alle verbindlichen Verfassungsprinzipien auch zu lernen, Differenz zu gestalten und Vielfalt zuzulassen."


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