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Zweiter Bildungsbericht: Erschreckende Aussichten für Hauptschüler

Haben die Reformen nach dem Pisa-Schock etwas gebracht? "Jein" sagt der nationale Bildungsbericht. Auf der einen Seite haben Hauptschüler nach wie vor sehr schlechte Berufschancen. Andererseits schaffen immer mehr junge Menschen einen Schulabschluss.

Deutschland investiert nach wie vor zu wenig Geld in Bildung. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sank von 6,9 Prozent im Jahr 1995 auf 6,2 Prozent 2006 und liegt damit weiter unter dem OECD-Durchschnitt, wie aus dem am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Bildungsbericht 2008 hervorgeht. Verlierer des deutschen Bildungssystems sind vor allem Schüler mit Migrationshintergrund und Jungen.

Bildungsausgaben steigen unterproportional

Außerdem stellt der Bericht die Effizienz des ausbildungsvorbereitenden Übergangssystems in Frage. In absoluten Zahlen wurden zwar 2006 mit 142,9 Milliarden Euro fast 15 Milliarden Euro mehr für Bildung ausgegeben als 1995. Im Vergleich zur Wirtschaftsentwicklung stiegen die Bildungsausgaben aber unterproportional. Die zweite Ausgabe des Bildungsberichts wurde in Berlin von der Kultusministerkonferenz vorgestellt, die ihn zusammen mit dem Bundesbildungsministerium in Auftrag gegeben hat.

Der Bericht zeige einerseits, dass das Bildungssystem inzwischen intensiver arbeite, mehr Menschen einbeziehe und "insgesamt einen besseren Output hat", sagte Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, das den Bericht federführend erarbeitete. Neben positiven Entwicklungen zeige er aber auch, dass es einige "unerreichte Zielmarken" gebe.

Chancen für Jungen werden schlechter

Außer der Finanzierungsfrage nennt der Bericht hier etwa die unverändert hohe Zahl von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss. Und auch sonst sind die Hauptschulen das Sorgenkind Nummer eins: Nur 43 Prozent der Hauptschüler finden in den ersten sechs Monaten nach Schulende eine weitere qualifizierende Ausbildung. Die anderen drehen "Warteschleifen" oder machen Zusatzkurse. Auch 30 Monate nach Schulende konnten 40 Prozent der Hauptschüler noch nicht in eine Berufsausbildung vermittelt werden.

Die Bildungsforscher kritisieren auch, dass weiter Jahr für Jahr knapp 80.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen. Das sind fast acht Prozent eines Altersjahrgangs. Außerdem nehmen viel zu wenig Schulabgänger ein Studium auf - und zu viele Studenten brechen ihr Studium ab. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) mahnte bei den Ländern Reformen an. Die Schulen müssten durchlässiger werden. "Kein Bildungsgang darf mehr in einer Sackgasse enden", sagte Schavan. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag kritisierte, ein rohstoffarmes Land wie Deutschland könne es sich nicht erlauben, rund 25 Prozent der Schulabgänger ausbildungsunfähig aus dem Schulsystem zu entlassen. Daran habe sich seit dem Pisa-Schock von 2000 nichts geändert.

Pisa-Schock noch ohne Folgen

Weitere alarmierende Befunde: Schüler mit Migrationshintergrund sind in allen Stufen des Sozialsystems benachteiligt. Und parallel zum zunehmenden Bildungserfolg von Mädchen nimmt bei Jungen das Risiko zu scheitern zu. Außerdem stellen die Autoren die Effektivität und Effizienz des ausbildungsvorbereitenden Übergangssystems in Frage, da Schüler mit geringeren Qualifikationen oft zu lange darin verharren. Doch der Bericht zeigt auch positive Entwicklungen auf: So werde die frühkindliche Bildung mehr genutzt, und es gebe mehr Ganztagsangeboten. Das Einschulungsalter ist gesunken, das durchschnittliche Kompetenzniveau der Schüler ist gestiegen, ebenso die Quote der Studienberechtigten, auch wenn sie im internationalen Vergleich weiter zu niedrig ist.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) erklärte zu dem Bericht, die Übergänge zwischen den verschiedenen Stufen des Bildungssystems müssten vereinfacht werden. Dazu werde es bei Kanzlerin Angela Merkel am 22. Oktober einen Bildungsgipfel geben. Ziel sei es, ein Bündel von Maßnahmen zu vereinbaren, um an den Schnittstellen Verbesserungen zu erzielen. KMK-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer begrüßte den Bericht als Grundlage für eine nötige Bestandsaufnahme. Zum geplanten Bildungsgipfel sagte sie, es gebe im Bildungsbereich, bei dem die Kompetenzen klar den Bundesländern zugewiesen seien, vereinbarte Bereiche, an denen man mit dem Bund zusammenarbeiten könne.

AP / AP