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Zwischenruf: Dame schlägt Springer

Der Post-Mindestlohn bringt den Springer-Verlag wirtschaftlich in Bedrängnis - und treibt einen Keil zwischen Angela Merkel und das konservative Medienimperium. Die Kanzlerin hat in Mathias Döpfner einen neuen Gegner.

Friendly Fire wird im Krieg eine der verheerendsten Katastrophen genannt - wenn Soldaten von eigenen Truppen unter Feuer genommen werden. Untröstliche Bitterkeit bleibt zurück nach solchen Zwischenfällen, bei den Verwundeten wie den Angehörigen der Toten. Nicht minder große Scham bei den "freundlichen" Angreifern.

Friendly Fire hat dieser Tage auch Mathias Döpfner, den Vorstandschef des Springer-Verlags, schwer verwundet, bildlich gesprochen: lazarettreif geschossen. Denn der Post-Mindestlohn, von Angela Merkel zum Gesetz erhoben, schlug in dem konservativen Verlagshaus ein wie die präzise gesetzte Granate eines eigenen Artilleristen. Sie bereitete dem 44-Jährigen die größte Niederlage seiner atemberaubenden Karriere, vernichtete sein teuerstes Investment außerhalb des medialen Stammgeschäfts - bei dem Post-Konkurrenten Pin - und zertrümmerte Springers strategische Planungen.

Döpfner ist mutig und offen genug, seine Bitterkeit einzugestehen. "Gab es von der Kanzlerin politische Zusagen, denen Sie vertrauten?", fragte ihn der "Spiegel". "Unser Vertrauen in Politikerzusagen war nie sehr hoch", gab er zur Antwort. "Jetzt ist es unter null." Das darf als Bestätigung für gebrochene Versprechen interpretiert werden. Und als Ausdruck eines Zorns, der so dauerhaft sein dürfte wie Döpfners Karriereknick unvergesslich. Ob damit bei Merkel Scham in gleicher Dosierung korrespondiert, darf freilich bezweifelt werden.

Der Fall ist ein Politikum - weit über Springer und die Wirtschaft hinaus. Er wirkt auch politisch im engeren Sinne, parteipolitisch. Denn die SPD erlebt einen doppelten Triumph: Sie hat nicht nur einen komfortablen Post-Mindestlohn bis 9,80 Euro - weit über der geforderten gesetzlichen Marke von 7,50 Euro - durchgesetzt, sondern auch einen Keil getrieben zwischen Kanzlerin und Springer, zwischen die Union und die ihr bislang am engsten verbundene Medienmacht, mit der "Bild"-Zeitung als Schlachtschiff.

Merkel hatte keine Kampfblätter und Feindsender mehr zu fürchten, ganz anders als noch Helmut Kohl. Nun muss sie Springer fürchten, ausgerechnet. Auch wenn sie "Bild" mit der Kampagne gegen Mindestlöhne ins Leere laufen ließ und diese publizistische Waffe stumpf machte, ausgerechnet sie. Kein linker Gegner hat Springer je so beschädigt wie die Kanzlerin der Bürgerlichen, die keine Rechte sein möchte.

Mag sein, dass Springers Pin-Investment von Anfang an verkorkst war, die Kalkulation zu knapp auf Kante genäht. Schon in den ersten neun Monaten dieses Jahres liefen fast 48 Millionen Euro Verlust auf. Der Mindestlohn aber gab dem Projekt den Rest - laut Döpfner werden nun "bis zu 600 Millionen Kapital vernichtet". Der Verlag musste die Notbremse ziehen, auch im ersehnten Fernsehgeschäft: die Beteiligung an Pro Sieben Sat1 verscherbelt, der Kauf des Nachrichtenkanals N24 abgeblasen, ein polnisches TV-Projekt aufgegeben. Springer ist amputiert von Hoffnungen und Chancen.

Es gab Gespräche Döpfners und der Verlegerin Friede Springer mit der Kanzlerin - auch mit deren Entourage. Wie eng die waren, wie verbindlich, möchte vorerst niemand offenbaren. Merkel war gewiss nicht amüsiert über die verhöhnende Anzeigenkampagne in Springer-Blättern, die sie als Opfer einer Erpressung unter Freunden erscheinen ließ. Sie hat geschwankt - und sich dann doch dem Druck, den trickreichen Manövern der SPD gebeugt, wegen der Landtagswahlen im kommenden Jahr. Das Thema sollte vom Tisch. Auf Sicht regieren, das ist Angela Merkel.

Sie hätte auch anders gekonnt, aus programmatischer Perspektive sogar gemusst. Mit der SPD wäre vor Monaten noch ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn von sechs Euro zu machen gewesen. Wie aber können nun radikal differierende Mindestlöhne in verschiedenen Branchen gerechtfertigt werden, wo es doch angeblich nur darum geht, allen Arbeitnehmern ein menschenwürdiges Dasein zu garantieren? Braucht der Briefträger mehr als der Fensterputzer? Der Mindestlohn-Vertrag zwischen dem Monopolisten Post und der Monopolisten-Gewerkschaft Verdi verfolgt erkennbar nur das Ziel, neue Konkurrenten wie Pin kaltzustellen. Dass die Kanzlerin dies in Kauf genommen hat, wird im Gedärm der Union schmerzhafter und länger wühlen als ihre Kapitulation vor dem rot-grünen Antidiskriminierungsgesetz.

Denn die Zahl und die Erbitterung der Merkel-Kritiker wächst, in den eigenen Reihen wie in der Wirtschaft. Nachdem Friedrich Merz abgetaucht ist, haben die nun einen Kopf: Mathias Döpfner. Er ist der erste Gegner, den Merkel nicht ausschalten kann. Sackt die Konjunktur ab, werden die Zeiten härter für die Union, brechen deren Widersprüche auf, könnte er antworten: Friendly Fire auf die Kanzlerin.

Hans-Ulrich Jörges / print