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Zwischenruf: Der deutsche Sündenfall

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte lebt die Nation ohne Kurs und Ziel. Die Politik verweigert Sinngebung. Dabei hätte sie den Deutschen eine Erfolgsgeschichte zu erzählen - und wer das täte, könnte Wahlen gewinnen stern Nr. 34/2007

Jedes Projekt, jede Gruppe, jedes Unternehmen braucht eine Story. Eine Geschichte, die Sinn stiftet. Eine Erzählung, die Herkunft und Ziel benennt. Eine Darstellung des Verbindenden, die jedem seinen Platz und seine Chance gibt. Die Story ist das Haus, in dem man wohnt, und wenn sie einprägsam ist, dann finden die Bewohner auch im Dunkeln jede Tür, jede Treppe, jeden Lichtschalter. Ohne Story kein Antrieb, kein Halt, keine Orientierung. Auch ein Volk, eine Nation braucht eine Story. Eine Geschichte, die gemeinsames Bemühen auf den Begriff bringt. Eine Erzählung, die Probleme beschreibt, den Kurs zu ihrer Überwindung und den aktuellen Stand auf diesem Weg. Eine Darstellung des Gefüges, das dem Einzelnen soziale Identität vermittelt und der Nation ihre Rolle in der Welt.

Die Deutschen hatten immer eine Story, seit sie zur Nation wurden. Wohlmeinende, mitreißende, anmaßende, auch verbrecherische und selbstzerstörerische Geschichten. Nach dem Krieg wollten sie Wohlstand für alle oder den Sozialismus aufbauen, mehr Demokratie wagen und Europa vollenden, Ökologie mit Ökonomie versöhnen, Wandel durch Annäherung bewirken und wieder ein Volk sein, zuletzt: alles, alles von Grund auf reformieren. Deutschland hatte stets Politiker und Leitfiguren, die diese wechselnden Geschichten erzählen konnten. Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Willy Brandt, Egon Bahr, Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl zählten zu den herausragenden. Sie hatten eine Geschichte zu erzählen, jeder seine eigene, und gaben dem Land Führung, den Menschen Gewissheit.

Heute ist Deutschland ein Land ohne Story. Niemand mehr erzählt eine Geschichte. Die "Politik der kleinen Schritte" ist jämmerliches Tagwerk, von Sinnstiftung so weit entfernt wie die Laterne vom Mond. Die Menschen aber sehnen sich nach Verbindendem, und weil es ihnen niemand zu benennen vermag, ist das Vertrauen in die Eliten so erodiert wie niemals zuvor in Friedenszeiten. Ihre Führung sei so, wie sie sich das vorstelle, verkündet die Kanzlerin trotzig gegen anhaltende Nachfrage. Ihre Führung ist so, dass sie nichts zu erzählen weiß. Und die SPD hat ihre eigene Story vergessen. Dabei gäbe es eine Geschichte zu erzählen. Nicht die vom Aufschwung, die heute als Surrogat feilgeboten wird. Aufschwung - das klingt nach Zufälligem, Wechselhaftem, Vergänglichem. Von außen angestoßen, von der Weltkonjunktur, von den Chinesen, den Indern. Und vermutlich bald wieder dahin - zyklisch, wie man das kennt.

Zu erzählen wäre den Deutschen die Geschichte von den enormen Leistungen, die sie vollbracht haben in den vergangenen Jahren. Von den Opfern, die ihnen zugemutet wurden und die sie auf sich genommen haben. Vom Verlust der Mark, der Einführung des Euro - und dem Preisschock, den das zur Folge hatte, einer gefühlten Halbierung der Kaufkraft. Vom dramatischen Umbau der Firmen aber vor allem, von stagnierenden oder gar sinkenden Einkommen - und damit auch Renten -, von flexiblerer und längerer und härterer Arbeit. Von plötzlicher Arbeitslosigkeit und ebenso plötzlichem Druck, ganz andere, auch einfachere, schlechter bezahlte Arbeit anzunehmen. Aber auch von frischem Erfindergeist, wiedererweckten Schulen und Universitäten. Kurz: von einer gewaltigen gemeinsamen Anstrengung, dem Druck der Globalisierung nicht nur standzuhalten, sondern sich neu darin einzurichten. Und das ist gelungen, das bleibt, selbst wenn der Aufschwung geht und die Konjunktur knickt.

Das ist eine Erfolgsgeschichte. Das Land geht nicht den Bach runter, es kommt voran, auch gegen den Strom. Zu danken wäre den Deutschen dafür, von den Unternehmern. Zu loben wären sie dafür, von der Politik. Zu belohnen wären sie dafür, durch Teilhabe an Ertrag und Kapital, durch neue soziale Sicherheit, durch ehrgeizige Investitionen in Kinder, Bildung, Forschung - alles, was Zukunft verspricht. Wir haben das Schicksal gewendet, lautet diese Story, wir haben die Globalisierung gepackt - und können noch mehr. Kurt Biedenkopf war der letzte aktive Politiker, der eine solche Geschichte zu erzählen wusste. Er hat die Sachsen gelobt, fortwährend, für die Mühen das Wandels. Das hat seinen Erfolg ausgemacht. Heute feiert Helmut Schmidt neue Triumphe als Welterklärer. Wer den Deutschen 2009 ihre Geschichte vorzutragen vermag, könnte die Wahl gewinnen. Mahatma Gandhi hat, 1925, "sieben soziale Sünden" notiert: Politik ohne Prinzipien, Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Forschung ohne Menschlichkeit, Anbetung ohne Opfer. Eine Gesellschaft ohne Story verfällt diesen Sünden.

Hans-Ulrich Jörges / print