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Zwischenruf: Schweigen, das verurteilt

Michel Friedman hätte sich längst öffentlich zu seiner Affäre äußern müssen - allein mit juristischen Mitteln vermag er nicht zu retten, was er zu retten versucht. Aus stern Nr. 27/2003

Der Silberzüngige schweigt. Sagt kein einziges Wort. Bleizunge. Hat sich für den juristischen Weg entschieden, den rein juristischen. Beschwerde eingelegt gegen die Rechtmäßigkeit von Durchsuchungsbefehl und Haartest; wäre die erfolgreich, würden Kokain-Briefchen und ein positiver Haar-Befund Makulatur. Juristisch. Ansonsten: Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft abwarten, Einblick nehmen in die Akten, dann erst antworten. In der Sprache und mit den Instrumenten der Justiz. Und alles wird gut?

Nichts wird gut. Jedenfalls nicht so. Oder nicht nur so. Es ist Michel Friedmans gutes Recht zu schweigen. Rein juristisch gesehen. Aber es ist auch sein größter Fehler. Politisch-gesellschaftlich betrachtet. Denn diese Perspektive ist die ausschlaggebende. Was hülfe es ihm, was kurierte es an seinem Ansehen und seiner Ehre, wenn Koks im Briefchen und im Haar zwar sichergestellt respektive nachgewiesen wäre, aber juristisch wertlos blieben? Sie wären eben nur juristisch ohne Wert, nicht aber im Urteil der Öffentlichkeit. Ganz zu schweigen von den Kontakten zu osteuropäischen Prostituierten und deren Zuhältern. Die sind nicht strafbar. Rein juristisch. Die Gesellschaft aber bestraft sie wohl. Mit Aberkennung der moralischen Reputation.

Denn der TV-Mann müsste wissen...

Der Anwalt Michel Friedman hat sich gegen den Medienmann Michel Friedman durchgesetzt. Um Michel Friedman, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, zu retten. Das Ergebnis könnte sein, dass gerade der nicht mehr zu halten ist. Hätte der Fernsehmoderator über den Juristen gesiegt, stünde es wohl besser um den Vizepräsidenten. Denn der TV-Mann müsste wissen, dass Affären in der Medienöffentlichkeit nach eigenen Gesetzen abgeurteilt werden; und die sind - meist auch mit gutem Grund - andere als die der Justiz. Die Justiz ahndet strafrechtliche Verstöße. Die Öffentlichkeit Heuchelei und Unglaubwürdigkeit. Helmut Kohl ist rein juristisch sauber aus seiner Spendenaffäre hervorgegangen. Öffentlich ganz und gar nicht. Und das mit gutem Grund.

Michel Friedman hatte nach Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens exakt zwei Tage Zeit, um dem Skandal die Spitze zu brechen und den Schaden zu begrenzen. So er etwas zu gestehen hatte - und heute ist daran kein vernünftiger Zweifel mehr möglich -, hätte er vor die Öffentlichkeit treten und eine Erklärung etwa folgenden Inhalts abgeben müssen: "Ja, ich habe gelegentlich Kokain konsumiert. Ich weiß, dass das ein Fehler war, aber ich habe im Stress Zuflucht dazu gesucht. Ich habe auch andere Fehler begangen, aber mein Privatleben werde ich nicht vor der Öffentlichkeit ausbreiten, das werde ich nur mit meiner Partnerin Bärbel Schäfer besprechen. Ich habe gelernt, ich bedaure aufrichtig, ich werde mich korrigieren."

Er hätte durch ein solches souveränes, aufrichtiges, offensives Management seiner Affäre mindestens Respekt, vermutlich sogar Sympathie und frisches Ansehen gewonnen. Mindestens die Moderatorenrolle im Fernsehen hätte er damit retten können, vielleicht sogar das Amt als Vizepräsident des Zentralrats.

Stilles Eingeständnis

Schweigen und Abtauchen aber wertet das Publikum als stilles Eingeständnis. Denn es weiß oder glaubt zu wissen: Wer zu Unrecht beschuldigt wird, der empört sich und den drängt es geradezu an die Öffentlichkeit. Man kennt das schließlich zur Genüge von Affären-bedrängten Politikern: Zugegeben wird stets nur das, was nicht mehr zu bestreiten ist. So aber wird die vom Hauptdarsteller verlassene Bühne von vermeintlich hilfreichen Statisten bevölkert.

Sie geißeln eine angebliche Verdächtigungskampagne - und führen selbst eine Verdächtigungskampagne gegen die Staatsanwaltschaft. Sie verteidigen Friedmans Ehre - und ramponieren die der Ermittler. Sie bagatellisieren Kokain (Darf man nicht verstohlen eine Nase Koks nehmen?) und rechtfertigen Prostitution (Soll das nicht endlich ein legalisierter Beruf werden?). Friedmans Verteidiger werden damit ungewollt zu seinen Anklägern.

Kammerton der Heuchelei

Mancher im Kammerton der Heuchelei. "Natürlich hat er gekokst und Nutten gevögelt", sagt einer unter vier Augen, der eben noch vor großem Publikum den Anwalt Friedmans gegeben hat. Wer schweigt, wird Gefangener. Am Ende der Bigotten.

Michel Friedman sollte sich jetzt selbst befreien - und andere Sprecher der deutschen Juden von überdehnter Pflicht zur Loyalität. Denn das werden sie ihm nie verzeihen. Er sollte sein Amt im Zentralrat der Juden selbst niederlegen, um Schaden von ihm zu wenden. Er könnte damit Größe beweisen. Immer noch.

Hans-Ulrich Jörges / print
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