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Zwischenruf: Weinen unter Wölfen

Die Ablösung als SPD-Chef war der einsamste Moment in Gerhard Schröders Karriere. Tränen seiner Frau markierten die bittere Resignation. Aus stern Nr. 14/2004

Er kam aus der Einsamkeit, um seine Partei nach 16 Jahren zum Triumph über Kohl zu führen. Schon damals, im Wahljahr 1998, war Gerhard Schröder ein Einzelgänger, unbehaust im Herzen der Sozialdemokratie, von Rudolf Scharping wegen ketzerischer Umtriebe als Wirtschaftssprecher der Partei geschasst - und dann doch an die Spitze gerufen, weil er und nur er, der mitreißende Wahlkämpfer, Garant war für den Machtwechsel.

Fünfeinhalb Jahre, einen zweiten Sieg und eine nachfolgende Krise später, am vergangenen Sonntag, versank Gerhard Schröder wieder in der Einsamkeit. Ungeliebt, halb verstoßen von seiner Partei, weil er das nicht mehr zu garantieren vermag, weswegen man ihn ertragen, sich so oft von ihm hat erpressen und demütigen lassen: Wahlsiege. Winner können einsam sein, Loser sind es ganz sicher. Das Rudel folgt auf Dauer nur dem Alpha-Wolf. Lahmt der, wird er ausgestoßen.

Er holte einen zweiten Leitwolf

Gerhard Schröder spürte, wie seine Kräfte schwanden, und versuchte der Verstoßung zuvorzukommen. Indem er einen zweiten Leitwolf an seine Seite holte. Einen, der treu ist, den Lahmenden nicht wegbeißt. Aber wenn es um Macht geht, kennt das Rudel keine Gnade. Selbstredend wird der Schwache in der Politik mit einer Standing Ovation getröstet. Denn politische Rudel heulen gern Mitgefühl. Gerhard Schröder bekam Mitgefühl satt.

Und war doch der einsamste Mann auf dem Parteitag. Auf fast rührende Weise in stummem Zwiegespräch nur mit einem einzigen Menschen verbunden, über die quälenden Stunden hinweg - seiner Frau, die in der ersten Reihe emotional die Selbstkontrolle verlor. Der Verzicht auf den Parteivorsitz, in Cold Blood inszeniert? Die Tränen von Doris Schröder-Köpf, die lange und reichlich flossen, als er vorn am Pult, selbst aufgewühlt, Rechenschaft gab, diese Tränen markierten die bittere Resignation eines Mannes, der weiß, dass er den Zenit seiner Macht unwiderruflich überschritten hat. Und dabei ist zu verlieren, zum ersten Mal wirklich.

Der einsamste und persönlichste Moment in seiner Karriere

Er habe es "so gut zu machen versucht, wie ich konnte", sagt er. "Gestützt auf diejenigen, die ich liebe und die mich lieben." Und er begegnet dabei dem Blick der Weinenden, die erkennt, dass in diesem Moment nur sie gemeint ist. In der Politik werden auch Rührstücke gemeinhin kühl ins Werk gesetzt. Dies war keines. Dies war der vermutlich einsamste und persönlichste Moment in Gerhard Schröders wechselvoller Karriere. Für 1804 Tage war er Herr im Dom von Ferdinand Lassalle und Willy Brandt. Er war stolz darauf, er hat die Kirche geachtet, aber die Gläubigen nie erreicht. Erst am Ende, als es zu spät ist, zeigt er Gefühle. Aber die Gläubigen folgen schon der Predigt des Neuen.

Franz Müntefering spricht klar und schonungslos und mitreißend. Er spricht nicht zu "Freundinnen und Freunden", sondern zu "Genossinnen und Genossen". "Wir haben in der Hoffnung auf Konjunktur die Strukturprobleme liegen gelassen", tadelt er Schröder. Sanft. "Wir wissen, dass es auch schief gehen kann." Und er setzt neue Akzente: "Ich will keine ruhige Partei." Er will eine große Debatte beginnen: "Wohin soll die Reise eigentlich gehen?" Jene Debatte, die Schröder mit Macht und Rücktrittsdrohungen erstickt hat. "Politik ist angewandte Liebe zum Leben", wärmt der kalte Sauerländer. Aus Schröders Mund ein undenkbarer Satz.

Als der neue Vorsitzende, überwältigend gewählt, Huldigungen entgegennimmt, ist der alte plötzlich nur noch Randfigur. Zum ersten Mal. Er flüchtet ins Gespräch mit den Treuesten: Otto Schily, Frank-Walter Steinmeier, Ulla Schmidt. Wolfgang Clement, der Enttäuschte, sitzt wortlos abseits. Ausgerechnet Heidi Wieczorek-Zeul, die Schröder stets belächelt hat, heftet ihn historisch ab, als Irak-Krieg-Verweigerer: "Diese Entscheidung wird in der Geschichte auf immer mit dir und deinem Parteivorsitz verbunden sein." Kein Wort zu seinen Reformen.

"Ich habe Angst um unsere Partei. Ich habe Angst, dass alles den Bach runtergeht", ruft eine junge Delegierte, während der Gewesene auf dem Podium fremdelt. Und die Riege der Gewerkschaftsbosse, die seine Abschiedsrede aus der ersten Reihe lauernd und mit müden Händen verfolgt hat, schnürt eilig nach oben, dem Neuen die Reverenz zu erweisen. Klaus Uwe Benneter, Münteferings neuer Generalsekretär, fabuliert schon vom neuen Grundsatzprogramm: "Dieses Programm wird das Rüstzeug für deine dritte Regierungsperiode, lieber Gerhard." Schröder lacht. Wie über einen originellen Witz.

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