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Zwischenruf: Wenn die Linke eins wird

Von Rivalität über Koalitionen zur Vereinigung von SPD und Linkspartei: In dem spannungsreichen Verhältnis zwischen beiden Parteien steckt historisch weit mehr Dynamik, als nach außen sichtbar wird.

Von Hans-Ulrich Jörges

Es macht für gewisse Zeit Sinn - ich sage nicht: für hundert Jahre -, dass es eine Kraft links von der SPD gibt", sagt Gregor Gysi.

"Ich wollte immer eine starke linke Volkspartei. An diesem Ziel halte ich auch fest", sagt Oskar Lafontaine.

"Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die demokratische Linke irgendwann wieder in der SPD zusammenfinden wird", sagt Kurt Beck.

Heimkehr zur Sozialdemokratie

Drei Männer, eine Idee: Vereinigung von SPD und Linkspartei zu einer einzigen großen linken Volkspartei. Anders gesagt: Heimkehr der Linken ins Haus der alten Mutter Sozialdemokratie, ein rundes Jahrhundert nach der Spaltung der Arbeiterbewegung. Die Bekenntnisse von Gysi und Lafontaine sind drei Jahre alt, fielen in einem stern-Interview, als sie begannen mit ihrem gemeinsamen Projekt "Die Linke". Becks Statement fiel, als letzter Satz, in einem "Bild"-Interview, vor einem Monat. Niemand hat damals aufgehorcht, obgleich zum ersten Mal so etwas wie eine historische Perspektive aufblitzte bei dem rituell geschmähten Pfälzer.

SPD und Linke vereinigt? Nicht morgen, aber vielleicht übermorgen? Das klingt verwegen in diesen Tagen, da sie doch wie Todfeinde miteinander ringen. Da die Linke drittstärkste Kraft in Deutschland ist, komfortabel zweistellig bei Umfragen, stärkste Kraft in Ostdeutschland, vertreten im Bundestag und in 10 von 16 Landesparlamenten, mit mehr Mandaten als FDP und Grüne - und ein Thema nach dem anderen setzt, lustvoll verfolgt, welche Panik, welche opportunistischen Volten sie auslöst bei den anderen, im neuen Fünf-Parteien-System. Die SPD hingegen schmachtet im 20-Prozent- Turm, zutiefst verstört, nach links gescheucht von der Linken, der Vorsitzende schwer, vielleicht unheilbar angeschlagen von dem vergeigten Versuch, in Hessen, erstmals im Westen, mit dieser Linken zu paktieren.

Doch das aktuelle Getümmel darf nicht blind machen für den historischen Prozess, der nun begonnen hat, für das Feuer, das in ihnen glimmt, unter der Asche der Rivalität, und gelegentlich aufleuchtet in Sätzen wie den eingangs zitierten. Die Logik dieses Prozesses entfaltet sich in drei Etappen. In der ersten geht es für die Linke darum zuzulegen - um jeden Preis, um den Lohn der Schwächung, der Linksverschiebung, der Entschröderisierung der Sozialdemokraten.

In der zweiten steht die Bündnisfrage an, im nächsten Jahr speziell in Thüringen und im Saarland, wo die Linke in Koalitionen mit der SPD die führende Rolle übernehmen könnte, an der Saar sogar unter dem Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine. Solche Bündnisse werden Gemeinsames zum Leuchten bringen bis hin zur programmatischen Verschmelzung - und gewaltige Kräfte freisetzen in der Linken, Pragmatiker nach oben spülen und Gestrige absprengen.

Zeit für den historischen Schritt

Dann kann die dritte Etappe folgen, das Nachdenken darüber, was eigentlich noch trennt und ob es nicht an der Zeit ist für den historischen Schnitt, die Fusion.

Das hat der Gegner längst begriffen. Deshalb zog die Hessen-CDU gegen "Kommunisten" zu Felde, deshalb wurden Mauer, Stasi und SED beschworen, deshalb wurden Alt-Sozialdemokraten wie Klaus von Dohnanyi von "Bild" parteipolitisch exhumiert, um ein Berührungsverbot zu formulieren, deshalb auch wurde und wird Kurt Beck publizistisch niedergemacht. Fällt das Tabu nämlich, wird das Fünf- wieder zum Vier-Parteien-System, in dem die vereinigte Linke mindestens so viel wiegt wie die Rechte.

Kommunisten? Welcher Unsinn. Lafontaines Truppe will die alte Rentenformel wieder - die galt in der Bundesrepublik bis in die 90er Jahre. Sie will acht Euro Mindestlohn - die SPD gerade 50 Cent weniger, und die Kanzlerin stimmte einem Post-Mindestlohn von 9,80 Euro zu. Sie wollte Hartz IV abschaffen - der CDU-Mann Jürgen Rüttgers eine "Generalrevision". Sie ruft nach Regulierung der Finanzmärkte - wie der Bundespräsident, um das "Monster" zu zähmen. Sie fordert den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan - das will auch die Mehrheit der Deutschen, und der Grünen-Parteitag hat das beschlossen. Oskars Linke ist nicht kommunistisch, sie ist sozialdemokratisch, links- oder alt-sozialdemokratisch.

Sie schlagen, doch sie duzen sich. Tagtäglich, wenn sie abseits von Kameras und Mikrofonen aufeinandertreffen, die Führer der Sozialdemokraten und Oskar, der einstige Liebling der Partei, der Lieblingsenkel Willy Brandts. Der Schmerz seines Abgangs, seines "Verrats", weicht langsam, doch er weicht. Wie die Berührungsängste. Die Fusion, das Ende der historischen Spaltung der Linken, ist sein Traum - es wäre, nebenbei bemerkt, auch die Vollendung der deutschen Einheit. Damit käme er in die Geschichtsbücher. Beck auch.

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  • Hans-Ulrich Jörges