Coburg "Reagenzglas der Nazis"


Vor 75 Jahren hatten die Nationalsozialisten in Coburg erstmals in Deutschland die Stimmenmehrheit in einem Parlament erreicht. Danach verwandelten sie die Stadt in ein "Reagenzglas" zur Erprobung der Methoden für ihre "Machtergreifung".

Vor 75 Jahren wurde Coburg die erste Stadt in Deutschland mit einer "braunen" Mehrheit im Stadtrat. Bei der vorgezogenen Stadtverordnetenwahl errang die NSDAP 13 von 25 Sitzen. Für Stadthistoriker Hubert Habel zählt der 23. Juni 1929 "zu den wohl schwärzesten Tagen der Stadtgeschichte". Zwar regierten noch zwei Bürgermeister, die nicht der NSDAP angehörten. Doch die Nazis bestimmten bereits rund dreieinhalb Jahre vor der Machtergreifung Hitlers die Politik in der ehemaligen Herzogsstadt.

"Coburg war das Reagenzglas der Nazis", erzählt Habel. Zur Erinnerung an den Jahrestag stellte er die Ausstellung "Voraus zur Unzeit" zusammen. Die Schau über die Geschichte Coburgs in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist noch bis zum 8. August im Coburger Staatsarchiv zu sehen. "Die ganze Politik, die Hitler später im Reich umsetzte, hat er zunächst in Coburg erprobt", sagt Habel. Die Nazis bemühten sich um die Kontrolle bei der Polizei, der Finanzverwaltung und anderer wichtiger Positionen. Nach und nach erreichten sie ihre Ziele. Auch der Reichsarbeitsdienst wurde in Coburg getestet.

Bürgerlich-konservativ geprägte Handelsstadt

"Die Nationalsozialisten fanden in Coburg einen idealen Nährboden für ihre Ideen vor", sagt Habel. Damals war die Region - im Unterschied zu heute - nur relativ wenig industrialisiert. Coburg sei eine Handelsstadt gewesen, geprägt von einer bürgerlich-konservativen Schicht. Der frühere Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, war laut Habel von Anfang "ein Förderer rechtsextremer und militanter Organisationen."

Während anderswo im Reichsgebiet rechtsextreme Gruppen verboten oder zumindest nicht geduldet waren, wurde in Coburg der "3. Deutsche Tag" organisiert. Am 14. und 15. Oktober 1922 trafen sich dort rund 400 Personen aus dem rechtsradikalen und militanten Spektrum, darunter auch Adolf Hitler und weitere 800 SA-Männer.

"Es war in Coburg das erste Mal, dass die NSDAP auch außerhalb von München richtig wahr genommen wurde", stellt Historiker Habel fest. Nur zehn Tage nach diesem "Kongress" gründete sich in Coburg ein Ortsverband der NSDAP. Obwohl die Partei nach dem Hitlerputsch von 1923 verboten wurde, hatten sich die Nazis auf den Listen anderer Gruppierungen Zugang zum Coburger Stadtrat verschafft. "Die Machtübernahme in der Vestestadt war von langer Hand vorbereitet", ist sich Habel sicher.

"Die städtische Polizei hat oft zugeschaut"

Für die rund 300 jüdischen Bürger begann mit der Machtübernahme am 23. Juni 1929 die Verfolgung. "Spätestens 1930 wurden Juden überfallen, auf der Straße niedergeschlagen und ermordet. Die städtische Polizei hat oft zugeschaut." Die wirkliche Ordnungsmacht war nach Habels Einschätzung bereits die SA.

Die nicht nationalsozialistische Bevölkerung war der "Willkür der Nazis" ausgesetzt. Und auch die jüdische Synagoge wurde von den Nazis bereits Ende 1932 eingezogen: Die Stadt kündigte den Mietvertrag. Es sollte nur einige Wochen dauern, bis Mitglieder anderer Parteien in Schutzhaft genommen und dabei gefoltert wurden.

"Es ist gut zu erinnern und aus historischen Fakten zu lernen", sagt der Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, Heiner Olmer. Die jüdische Gemeinde aus Bamberg ist auch für Coburg zuständig. Es sei wichtig das Gefühl der Leute für ein demokratisches Verständnis in der Welt zu sensibilisieren, meint Olmer, der die Ausstellung allerdings selbst nicht gesehen hat.

Unterschiedliches Echo auf die Schau

Oberbürgermeister Norbert Kastner (SPD) berichtet von einem unterschiedlichen Echo auf die Schau, die bereits seit 16. Mai läuft. Die meisten Reaktionen seien positiv gewesen, doch einige hätten auch gemotzt nach dem Motto, "ob denn dieses dunkle Kapitel der Coburger Geschichte unbedingt mit einer eigenen Ausstellung aufgearbeitet werden muss."

Christoph Gahlau/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker