DDR-Flucht Schwimmend in die Freiheit


Mehr als 5000 DDR-Bürger wagten nach dem Mauerbau einen Fluchtversuch über die Ostsee, für 174 endete er tödlich. Mit seiner Flucht am 2. September 1989 war Mario Wächter wohl der letzte, der die DDR auf dem Meer verließ.

Mario Wächtlers erster Blick auf die lang ersehnte Freiheit war durch Milchglas getrübt. Er lag in einem Krankenwagen in Travemünde bei Lübeck. Ein quälender Weg hatte ihn dorthin geführt. Wächtler war von der DDR durch die Ostsee in den Westen geschwommen. Mit seiner Flucht am 2. September 1989 war er nach heutigem Wissensstand wohl der letzte, der den Eisernen Vorhang auf dem Meer durchbrach. In 19 Stunden legte er 38 Kilometer zurück, bevor ihn eine Fähre kurz vor Travemünde aus dem Wasser fischte.

"Anfang September 1989 war von der bevorstehenden Wende noch nichts zu spüren", sagt Wächtler im Rückblick. Eigentlich ging es ihm ganz gut in der DDR, doch der damals 24 Jahre alte Automechaniker erhoffte sich mehr vom Leben. "Ich hatte zwar genug Geld, aber man hat ja für sein Geld nichts bekommen. Außerdem wollte ich reisen, wohin ich wollte und nicht nur in die sozialistischen Staaten."

Die Ostsee als der leichtere Weg

Also fasst er den Entschluss, aus der DDR zu fliehen. Der damals von vielen eingeschlagene Weg via Ungarn oder die Prager Botschaft der Bundesrepublik ist ihm zu gefährlich, da er Grenzen überqueren müsste. Die Ostsee erscheint ihm da als der leichtere Weg. "Im Urlaub in Mecklenburg habe ich die Häuser am Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein gesehen, die zum Greifen nahe schienen."

Also macht er sich am 2. September von Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, mit seinem Trabant auf den Weg in Richtung Küste. Westlich von Wismar zieht er einen Neoprenanzug an und steigt um 23 Uhr ins Wasser. Als es hell wird, schwimmt er immer noch, er fühlt sich gut. "Die Entfernung hatte ich in etwa richtig eingeschätzt, allerdings hätte ich nicht gedacht, dass ich so lange brauche", sagt Wächtler.

Mit Tagesanbruch wächst die Gefahr, von den DDR-Grenzschützern entdeckt zu werden. Tatsächlich passieren ihn zwei Patrouillenboote, zunächst scheinen sie ihn aber nicht zu bemerken. Gesehen hat ihn dagegen der Kapitän einer westdeutschen Fähre, die vom Trelleborg in Schweden nach Travemünde unterwegs ist. Er ändert den Kurs und lässt ein Rettungsboot zu Wasser. Das sehen auch die DDR-Grenzer - ein regelrechtes Wettrennen Richtung Wächtler beginnt. Das Rettungsboot erreicht den Flüchtling zuerst. "An Bord der "Peter Pan" habe ich noch gehört, wie die Leute geklatscht haben, dann habe ich vor Erschöpfung das Bewusstsein verloren."

Tödliche Flucht

Wächtler hatte Glück. Mehr als 5000 DDR-Bürger wagten nach dem Mauerbau 1961 einen Fluchtversuch über die Ostsee. Nach ausgewerteten DDR-Unterlagen endete für 174 die Flucht tödlich, 4522 Menschen wurden entdeckt und festgenommen. Nur 913 Versuche waren erfolgreich. Etwa zwei Drittel der Flüchtlinge waren 14 bis 21 Jahre alt, etwa die Hälfte waren Arbeiter. Die meisten Festgenommenen wurden schon an Land entdeckt. Die auf der Flucht Gestorbenen kenterten mit ihren Booten oder hatten als Schwimmer ihre Kräfte überschätzt. Tote wurden auch an Dänemarks Strände gespült. Viele wurden auch von Fischern gefunden. 54 Flüchtlinge gelten heute noch als vermisst. Diese Zahlen ermittelte die Autorin Christine Vogt-Müller für ihr Buch "Hinter dem Horizont liegt die Freiheit..." (Delius Klasing, Bielefeld 2003) in Akten der Grenzbrigade Küste der DDR, der Stasi-Unterlagenbehörde und der Ermittlungsstelle für Regierungskriminalität (ZERF).

In den letzten Jahren der DDR sicherten 1000 Grenzer die Küste von Land aus. Dazu gab es 75 Beobachtungsstellen. Auf See waren 34 Boote mit 800 Mann im Einsatz. Die Kapitäne der DDR-Handels- und Fischereiflotte waren verpflichtet, Flüchtlinge auch gegen deren Willen aus dem Wasser zu holen.

Axel Büssem/DPA DPA

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