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DIE DEUTSCHE STUNDE: Wie komme ich jetzt nach Berlin?

Die deutsche Stunde - Die historische Stunde des Mauerfalls konnte der Kanzler der Einheit nur aus der Ferne miterleben. Während eines Staatsbanketts in Warschau erreichte ihn die Nachricht, fortan saß er wie auf glühenden Kohlen

Die deutsche Stunde - Die historische Stunde des Mauerfalls konnte der Kanzler der Einheit nur aus der Ferne miterleben. Während eines Staatsbanketts in Warschau erreichte ihn die Nachricht, fortan saß er wie auf glühenden Kohlen

Meine Grundposition war immer, am Ziel der deutschen Einheit festzuhalten. So wenig wie andere habe ich allerdings gewusst, wann wir dieses Ziel erreichen würden. Wäre ich am 8. November 1989, als ich im Deutschen Bundestag den Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland abgab, gefragt worden, wann wird die deutsche Einheit kommen - ich hätte gesagt, ich weiß nicht, ob ich das noch erleben werde. Ich hätte mit Sicherheit nicht gesagt, ich werde es noch in meiner Amtszeit als Bundeskanzler erleben.

Als wir am 9. November nach Warschau flogen, hatte ich keine Vorahnung, mit welcher Dramatik sich die Ereignisse noch am selben Abend in Berlin entwickeln würden. Die Möglichkeit, dass in absehbarer Zeit enorme Veränderungen in Gang kommen könnten, waren dagegen schon klar. Die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze im September hatte im Prinzip signalisiert, dass die DDR am Ende war. Die Auseinander-setzungen, die die DDR-Führung im Rahmen des Warschauer Paktes mit der ungarischen Regierung führte, ließen eine regelrechte Verzweiflung in der SED-Führung erkennen. Zusammen mit Hans-Dietrich Genscher hatte ich ja vom ungarischen Ministerpräsidenten Miklos Nemeth und Außenminister Gyula Horn unmittelbar gehört, was sich dort abspielte und wie versucht wurde, Ungarn unter Druck zu setzen.

Also hatte ich im Flugzeug nach Warschau schon so ein Gefühl: Ist es klug, zu diesem Zeitpunkt nach Warschau zu fliegen bei allem, was sich in Ost-Berlin möglicherweise ereignen kann? Es gab viele Gerüchte. Aber wie das bei solchen Besuchen ist: Die Reise war seit langem festgelegt. Und der Besuch in Polen war sehr schwierig. Die Erinnerungen an die Nazi-Barbarei sind dort besonders stark. Im deutschen Namen ist gerade auch in Polen viel Schreckliches geschehen. Dann war da auch die Diskussion über die Oder-Neiße-Grenze und vieles andere mehr. Eine Absage des Besuches wäre jedenfalls ein ungeheurer Eklat gewesen.

Am Abend erreichten mich vor und während des Staatsbanketts, zu dem Ministerpräsident Mazowiecki geladen hatte, die ersten Gerüchte. Im Laufe der Stunden bestätigte sich, was sich in Berlin Dramatisches ereignete. Wir wurden laufend aus dem Kanzleramt, allen voran von Dr. Ackermann, informiert. Dann hörten wir auch schon die ersten Nachrichten aus den westlichen Hauptstädten. Es war ohne Zweifel einer der dramatischsten Augenblicke der jüngsten Geschichte. Und wir standen in diesem Moment außerhalb dieser Ereignisse, wir fühlten uns quasi wie auf einem anderen Stern.

Natürlich war unsere wichtigste Überlegung: Wie kommen wir so schnell wie möglich nach Hause, wie komme ich nach Berlin? Aber in dem Umfeld, in dem ich mich in Polen bewegte, war eine große Distanz gegenüber diesem Wunsch zu spüren, jedenfalls keine Sympathie. Ich stieß damit auf Ablehnung bei unseren Gastgebern, weil sie eine Abreise bzw. Unterbrechung des Besuchs als zu dramatisch ansahen. Man glaubte zunächst auch meiner Zusicherung nicht, dass ich sofort wiederkommen würde, sobald ich in Berlin abkömmlich wäre. Es war psychologisch eine sehr ungute Lage, und ich habe unter dieser Situation richtig gelitten.

Wer nur einen Funken Gefühl für die Dimension dieses Augenblicks hatte, musste meinen Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren, dann aber nachvollziehen. Vieles hat eine Rolle gespielt. Natürlich hatte ich den Fehler von Konrad Adenauer, beim Mauerbau 1961 nicht nach Berlin zu gehen, in Erinnerung und die Folgen, die das im anschließenden Wahlkampf hatte. Aber das war für mich kein Hauptargument, ich hatte das nur in der Erinnerung. Mein ganzes Gefühl sagte mir: Das ist die Stunde, in der der Bundeskanzler in Berlin sein muss.

Aus 'Mein 9. November - Der Tag, an dem die Mauer fiel', Kathrin Elsner/Hans-Hermann Hertle, Nicolai-Verlag, Berlin.