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Diplomatie: Durch Trinkfestigkeit zum Triumph

Im Tausch gegen diplomatische Beziehungen hatte Konrad Adenauer 1955 die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen in der UdSSR erreicht. Trinkfestigkeit in den Verhandlungen schien oberstes Gebot zu sein.

Ein Löffel Olivenöl machte Geschichte. Den hatte Kanzleramtschef Hans Globke jedem deutschem Delegationsmitglied in der Sowjetunion eingeflößt, um in den Verhandlungen mit den Russen trinkfester zu sein. Ob es nun wirklich an Globkes Hausrezept oder am diplomatischen Geschick lag: Am 14. September 1955 kehrte Bundeskanzler Konrad Adenauer im Triumph aus Moskau zurück. Im Tausch gegen diplomatische Beziehungen hatte der CDU-Politiker die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen erreicht.

Ehrenformation und Nationalhymne

Als sechs Tage zuvor die beiden "Super Constellation" der Lufthansa in Moskau gelandet waren, war Adenauer bereits mit Ehrenformation und Nationalhymne begrüßt worden. Das Protokoll wirkte trotz fehlender diplomatischer Beziehungen wie für einen Staats-, nicht einen Arbeitsbesuch. Entsprechend freundlich gestalteten sich auch die Gespräche in der Spiridonowka-Villa: Parteichef Nikita Chruschtschow und Ministerpräsident Nikolai Bulganin wollten eine "Normalisierung" der Beziehungen, den Deutschen ging es vor allem um die mehr als 15.000 Kriegsgefangenen und verschleppten Zivilisten. Zudem wollten die Russen ihre DDR in der diplomatischen Welt etablieren - was Adenauer unbedingt zu verhindern suchte.

So wich die Freundlichkeit bald handfesten Diskussionen. Die gefangenen Deutschen seien allesamt Kriegsverbrecher, behauptete Bulganin, "Mörder von Frauen und Kindern". Adenauer hingegen kritisierte die Massenvergewaltigungen und Morde der Sowjets in Deutschland als "entsetzliche Dinge". Chruschtschow und Außenminister Molotow tobten, bis Adenauer, angeblich, in Anspielung auf den von Molotow ausgehandelten Hitler-Stalin-Pakt fragte: "Wer hat denn eigentlich das Abkommen mit Hitler unterzeichnet, Sie oder ich?"

Beide Seiten drängten intern auf den Abbruch der Gespräche. Doch Adenauer blieb hart. Stundenlang kniete der Bundeskanzler im Gebet versunken in der einzigen katholischen Kirche Moskaus und wollte nicht abfliegen. Am 12. September brachten er und der SPD-Abgeordnete Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, erneut die Bitte nach Freilassung der Gefangenen vor. Stundenlang erinnerten die Deutschen die heimatverbundenen Russen an das Los von Verschleppten, zehn Jahre nach Kriegsende. Der Intellektuelle Schmid beeindruckte mit seiner Kenntnis der russischen Literatur, die Atmosphäre wurde wieder wärmer.

"Alle! Alle!"

Schließlich schlug Bulganin bei einem Empfang im Kreml einen Briefwechsel vor. Darin sollte Bonn die Aufnahme diplomatischer Beziehungen festschreiben, Moskau sich im Gegenzug zur Freilassung der Deutschen verpflichten. Nur die Kriegsgefangenen oder auch andere Deutsche, "die an der Ausreise verhindert sind", fragten die Deutschen in Hinblick auf die Verschleppten. "Wsjo! Wsjo!" ("Alle! Alle!"), antwortete Bulganin leutselig. Bis heute ist umstritten, ob er in der gelockerten Atmosphäre mehr versprach als er wollte.

Auch wenn der Verbleib Tausender Deutscher in der Sowjetunion bis heute nicht geklärt ist, gilt die Moskaureise als einer der größten Triumphe Adenauers in seinen 14 Jahren als Bundeskanzler. Schon auf dem Flughafen Köln-Bonn erwartete eine jubelnde Menschenmenge sein Flugzeug, eine Soldatenmutter küsste Adenauers Hand. Nach der Wiedervereinigung aufgetauchte DDR-Dokumente zeigen allerdings, dass die Russen ohnehin die gefangenen Deutschen als Tauschobjekt sahen und Adenauer deshalb vielleicht doch nicht das gänzlich Unmögliche möglich gemacht hatte.

Bilder der Freude

Zudem erklärte Moskau wenige Tage später die, wenn auch nur formelle, Souveränität der DDR. In Erinnerung bleiben jedoch die Bilder vom Oktober 1955, als die ersten der letzten Deutschen im Durchgangslager Friedland ankamen. Bilder der Freude, Tränen der Erleichterung - und der Trauer, wenn für viele Mütter und Frauen die letzte Hoffnung starb.

Chris Melzer/DPA / DPA