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Dresden: Als Feuer vom Himmel fiel

Lange blieb Dresden vom Krieg verschont, die NS-Strategen glaubten nicht an eine Gefahr. Das war ein Irrtum: Am 13. Febraur 1945 lösten alliierte Luftangriffe in der barocken Residenzstadt ein Inferno aus.

Die NS-Strategen glaubten nicht an eine Gefahr, dass Dresden noch bombardiert werden könnte. Aus ihrer Sicht gab es "lohnendere Ziele" im Bombenkrieg der Alliierten. Doch das war ein Irrtum. Drei Monate vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands starben die Hoffnungen der Dresdner, dem Grauen zu entkommen: Faschingsdienstag 1945 kam der Tod - wie schon zuvor in andere deutsche Städte - tausendfach auch nach "Elbflorenz". Die Bomben, die alliierte Flugzeuge in Tages- und Nachteinsätzen ausklinkten, zerstörten eine der schönsten Städte Europas.

In Erinnerung geblieben ist das Bild der sandsteinernen Rathausfigur, die fassungslos auf erkaltete Ruinen zu blicken scheint. Erich Kästner, ein Kind der Stadt, fand eindrucksvolle Worte für das Drama: "Das, was man früher unter Dresden verstand, existiert nicht mehr. Man geht hindurch, als liefe man im Traum durch Sodom und Gomorrha. Fünfzehn Quadratkilometer Stadt sind abgemäht und fortgeweht. (...) Wie von einem Zyklon an Land geschleuderte Wracks riesenhafter Dampfer liegen zerborstene Kirchen umher. Was sonst ganze geologische Zeitalter braucht, nämlich Gestein zu verwandeln - das hat hier eine einzige Nacht zu Wege gebracht", schrieb der Schriftsteller.

Zehntausende Tote binnen 24 Stunden

In wenigen Stunden wurden aus den meisten Zeugnissen höfischen Glanzes der Barockzeit brennende Ruinen. Semperoper, Zwinger, Schloss und Frauenkirche - das alte Dresden versank in Schutt und Asche. Die einstige Königsresidenz war nach Hamburg, Köln, Würzburg, Nürnberg und Berlin eine der letzten deutschen Großstädte im Fadenkreuz der Anti-Hitler-Koalition. Schätzungen zufolge starben in dem Feuersturm am 13. und 14. Februar 35.000 Menschen. Meterhohe Flammen loderten aus den Häusern, Feuersbrünste rasten durch Straßen und Gassen. Das Feuer war so stark, dass selbst der Asphalt schmolz.

Insgesamt waren 39 deutsche Großstädte im Fadenkreuz der Bomber, die mit Tag- und Nachtangriffen den Widerstand der Zivilbevölkerung brechen und sie zum Aufstand gegen die Nazi-Diktatur bewegen sollten. Allein in den vier letzten Monaten des Kriegs fielen mehr als 100.000 deutsche Zivilisten den Luftangriffen zum Opfer. Allerdings nahm das Zerstörungswerk ebenso wenig Einfluss auf den Kriegsverlauf wie die blindwütigen "Vergeltungsschläge" deutscher Bomber gegen Antwerpen oder London. Im Fall von Dresden kam eine kulturelle Dimension hinzu. "Die Zerstörung Dresdens war nicht nur ein Verlust für Deutschland, sondern für die ganze Menschheit", sagt der britische Historiker Frederick Taylor.

"Sind wir Bestien, gehen wir zu weit", soll der britische Premier Winston Churchill einmal gefragt haben. Hitler hatte sich das nie gefragt, stattdessen verkündete er 1943: "Wenn mein eigenes Volk an einer solchen Prüfung zerbrechen würde, könnte ich darüber keine Träne weinen. Es hätte nichts anderes verdient. Es würde sein eigenes Schicksal sein, das es sich selbst zuzuschreiben hat".

"Die Stadt war damals auf den Angriff nicht vorbereitet. Im Unterschied zu Köln, Hamburg und Berlin fehlte Dresden die tägliche Erfahrung von Bombenangriffen", sagt der Historiker Reiner Pommerin. Die tödliche Effizienz der Bomber und der Blick auf die hohen Opferzahlen haben bei einem Teil der Betroffenen aber auch den Blick auf Ursachen getrübt. Historiker wie Pommerin oder Taylor werden nicht müde, die Luftangriffe in einen größeren Kontext zu stellen und damit ein Begreifen des scheinbar Unbegreiflichen zu ermöglichen. "Die Briten wollten das Vordringen der russischen Front erleichtern", sagt Pommerin.

Dresden habe als Eisenbahnknotenpunkt für Truppentransporte gen Osten in Zielplanungen der Militärs eine Rolle gespielt. Die Ausweitung der Flächenbombardements betraf in Sachsen auch Chemnitz, Leipzig, Plauen und Zwickau. Schließlich hatte Hitler-Deutschland bereits britische Städte wie London, Birmingham und Coventry aus der Luft angegriffen. Obwohl beide Seiten militärische Ziele anführten, gab es im gnadenlosen Bombenkrieg keine Schonung für Zivilisten und kulturhistorisch einmalige Bauten.

Keine Belege für Einsatz von Tieffliegern

Für den Einsatz von Tieffliegern und Phosphor gibt es in Archiven keine Belege. Allerdings liegen zahlreiche Augenzeugenberichte vor. Heinz-Helmut Regensburger, Überlebender des Angriffs und damals elf Jahre alt, kann sich gut vorstellen, dass im allgemeinen Bombenhagel und Feuersturm keine Unterscheidung zwischen Bombensplittern und Geschossen aus Bordwaffen mehr möglich war. Dennoch hält sich die Legende von den Tieffliegern über Dresden eisern. "Manche wollen sogar Gesichter der Piloten gesehen haben, was bei dieser hohen Geschwindigkeit gar nicht möglich ist", sagt Pommerin.

Sein Kollege Arnulf Baring bezeichnet den Angriff als "militärisch unnötig", weil die Industriezentren nicht getroffen wurden und "das Dritte Reich Anfang 1945 ohnehin am Ende" gewesen sei. Pommerin hält dagegen. Die Alliierten hätten angesichts der Parole des NS-Regimes vom "Kampf bis zum letzten Mann" auch im Februar 1945 noch mit einem längeren und verlustreichen Kampf gerechnet. Andere stützen diese These mit den hohen Opferzahlen in den letzten Kriegstagen: Wäre Deutschland wirklich am Ende gewesen, ließe sich kaum erklären, warum allein beim Kampf um die Seelower Höhen im Oderbruch im April 1945 noch mehr als 100.000 Soldaten starben.

In der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges erlebten nicht nur deutsche Städte, sondern auch besetzte Orte außerhalb des Deutschen Reiches alliierte Luftangriffe. In Prag starben am 14. Februar etwa 700 Menschen bei einem US-Luftangriff, Dutzende Wohnhäuser, ein Krankenhaus und das historische Emmaus-Kloster wurden zerstört oder schwer beschädigt. Warum reine Wohnviertel bombardiert wurden, ist bis heute nicht völlig geklärt. Sicher ist, dass die 62 amerikanischen Flugzeuge eigentlich zur Bombardierung von Dresden in der Luft waren. In Vermutungen heißt es, dass die Piloten die beiden Städte schlicht verwechselten ("Ziel: Großstadt an Flussbiegung") oder dass Wind- und Wetterbedingungen zu einer kurzfristigen Änderung der ursprünglichen Absicht geführt haben sollen.

In Dresden hat der Schmerz über den Verlust wie in kaum einer anderen deutschen Stadt als "Erinnerungskultur" überlebt, auch wenn viele der damals zerstörten Bauwerke wiedererstanden. "Die Erinnerung an Dresden wird nicht zu den Akten gelegt", sagt der Sprecher der Interessengemeinschaft 13. Februar 1945, Matthias Neutzner. "Bei unterschiedlicher Beurteilung über Ursachen und Umstände der Zerstörung ähneln sich die Betroffenen in einer Konsequenz: Das darf es nie wieder geben", sagt Neutzner. Die Friedenssehnsucht sei etwas Einendes. Dafür steht beispielhaft ein Bauwerk, das 60 Jahre nach seiner Zerstörung nun vollendet wird: die Frauenkirche.

Symbol für Krieg und Zerstörung

Das 1726-1743 nach Plänen von George Bähr errichtete Gotteshaus schien die Luftangriffe überstanden zu haben. Doch am 15. Februar 1945 hielten die massigen Innenpfeiler die Last der Sandsteinkuppel nicht mehr aus, die Kirche stürzte in sich zusammen. Fast 50 Jahre lang war seine Ruine Symbol für Krieg und Zerstörung. Seit 1995 ist die "Steinerne Glocke" mit Hilfe von Spenden aus aller Welt gewachsen, im Herbst wird die Frauenkirche geweiht. Viel Geld kam aus Großbritannien und den USA - jenen beiden Ländern, deren Flugzeuge im Februar 1945 die tödliche Fracht über Dresden abluden. Auch das bleibt in Dresden unvergessen.

Dusko Vukovic mit Material von DPA