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Erster Weltkrieg: Marsch in den Abgrund

Vor 90 Jahren taumelte Europa in einen Krieg von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß. Neu entdeckte Farbfotos ermöglichen einen ungewohnten Blick auf die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts".

Ein kleines Mädchen, engelsgleich in hellem Blau, hält seine Puppe im Arm. Daneben lehnen, braun und bedrohlich, zwei Gewehre an der Wand. Es herrscht Krieg. Reims in Frankreich, 1917. Das große Sterben ist nicht weit. Von Belgien bis zur Schweizer Grenze zerschneiden Schützengräben das Land. Allein bei Verdun - Symbol für den Wahnsinn des Stellungskriegs - sind im Jahr zuvor mehr als 700 000 Menschen getötet oder verwundet worden.

Erster Weltkrieg - das bedeutet Grauen, Leid, Tod im Graben. Vor 90 Jahren begann das Gemetzel. Auf den Bildern, die der stern zum Jahrestag präsentiert, leuchtet die Welt in Farbe. Der Himmel ist blau, rote Streifen zieren die Uniformhosen. Man sieht den Schlamm an den Stiefeln des französischen Soldaten, der mit hängenden Schnurrbartspitzen auf dem Pflaster hockt. Unter dem gallischen Hahn und dem amerikanischen Stars-and-Stripes-Banner in Rot und Blau und Weiß stapeln sich erbeutete Geschütze in tristem Grau. Und die vom Geschosshagel zerstörten Wälder zeigen in der Farbaufnahme, dass alles Grün aus ihnen verschwunden ist.

Ungewöhnlicher Blick auf den Krieg

Die lange unbekannten Aufnahmen ermöglichen einen ungewöhnlichen Blick auf den Krieg. Denn unser Bild vom Ersten Weltkrieg wird geprägt von Schwarzweißaufnahmen, die in leicht verblichenen Grautönen Detonationen, Gräben und Gasangriffe zeigen. Jahrzehnte lagen die Farbbilder unbeachtet in Archiven und Sammlungen. Das Interesse am Inferno von 1914 bis 1918 schien, zumindest in Deutschland, gering.

Die Auseinandersetzung mit Hitler und Holocaust ließ wenig Raum für eine Besinnung auf das Grauen, das ihnen vorausging. Vielen fürchteten auch, sich eingestehen zu müssen, dass schon vor dem angeblichen "Betriebsunfall" der Nazi-Herrschaft von Deutschland Krieg und Gewalt ausgingen. Doch im Abstand von 90 Jahren ist, wie die Flut neuer Bücher und Filme zeigt, der Krieg des Kaiserreiches auch hierzulande wieder aktuell. Zu Recht: Er ist die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie der Historiker und Diplomat George F. Kennan schrieb.

Fast 70 Millionen Soldaten werden in diesen Kampf geschickt, nahezu neun Millionen sterben. Und mit ihnen das alte Europa der Kaiser und Zaren und Vielvölkerreiche. Als die Waffen endlich schweigen, ist der deutsche Kaiser im Exil, der Zar tot, sind Lenins Bolschewiken siegreich, die USA eine global agierende Militärmacht. Und Deutschland? Dort entsteht eine Republik, die den Keim des Untergangs bereits in sich trägt. Bald wird der ehemalige Frontkämpfer und Postkartenmaler Adolf Hitler in Bierkellern gegen den Frieden von Versailles wettern.

Nicht nur die politische Ordnung des 19. Jahrhunderts wird durch den Krieg hinweggefegt, ebenso einschneidend sind die Veränderungen durch den Fortschritt der Technik. Auf den Schlachtfeldern wendet er sich mit ungeheurer Wucht gegen die Soldaten. Im Frieden verspricht er ein besseres Leben: Es gibt elektrisches Licht, Autos, immer mehr Eisenbahnen. Neue Industrien entstehen, die Lebenserwartung steigt, es sterben weniger Kinder, die Lebensmittel werden besser.

Aufbruch in ein technisches Zeitalter

Auch die Fotografie ist Teil des Aufbruchs in ein technisches Zeitalter. Schon in den Vorkriegsjahren dringt sie in den Alltag der bürgerlichen Schichten ein. Sogar ein sündhaft teures Verfahren zur Herstellung von Farbbildern verbreitet sich. Gepresste Kartoffelstärke macht es möglich, Bilder in erstaunlich natürlichen Farben herzustellen.

Allerdings sind dazu Belichtungszeiten von mehreren Sekunden nötig. Bewegung lässt sich auf den so genannten Autochromen daher schlecht einfangen. So ist es nicht der ganze Krieg, den die bunten Bilder von den Schlachtfeldern festhalten. Viel von seinem Schrecken fehlt. Oft geben die Aufnahmen gestellte Szenen aus ruhigen Minuten an und hinter der Front wieder.

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Natürlich wird die neue Technik in den Dienst der Propaganda gestellt. Franzosen können für einen Franc pro Blatt heroische Bilder von der Front kaufen und damit schmucke Sammelbändchen füllen. Die Aufnahmen von deutschen Soldaten beim Essenfassen präsentieren nur Männer mit tadelloser Haltung - in der sie für Sekunden verharren mussten. Anders als auf vielen Schwarzweißaufnahmen ist in Farbe ein manipuliertes Bild des Krieges zu sehen. Die Realität auf den Schlachtfeldern und in der Heimat erscheint den Herrschenden als ungeeignet für die öffentliche Darstellung.

Denn Elend und Tod taugen nicht zur Stärkung des Kampfeswillens. Im Winter 1916/17 werden Steckrüben zum wichtigen Nahrungsmittel in Deutschland. Nahezu 700 000 Menschen sterben allein im Reich während des Krieges an Hunger und Mangelernährung - mehr als durch den Bombenkrieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. In den Fabriken schuften die Frauen, um Munition für die Schlachtfelder herzustellen, wo sich ihre Männer zusammenschießen lassen.

An allen Fronten verbreitet der Alarmruf "Gas, Gas" seinen Schrecken, gigantische Geschütze töten auf Entfernungen von mehr als 100 Kilometern, U-Boote versenken Schiffe mit Tausenden Menschen an Bord. Erstmals rollen Panzer über die Kriegsschauplätze. Gekämpft wird aber auch mit dem Spaten im Nahkampf, mit Handgranaten und Bajonetten. Für ein paar Quadratmeter Dreck und Schlamm werden ganze Armeen geopfert.

Traum vom Aufstieg Deutschlands

Dabei hat alles mit großen Hoffnungen begonnen. Im Kaiserreich, dem wirtschaftlichen Aufsteiger der vorangegangenen Jahrzehnte, setzen viele bei Kriegsbeginn auf einen schnellen Sieg. Wilhelm II. und seine Militärs träumen vom Aufstieg Deutschlands zur dominierenden Macht. Ein vergleichsweise kleiner Anlass, das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo, genügt daher, um eine verheerende Kettenreaktion in Gang zu setzen. Die Pläne für den Zweifrontenkrieg Deutschlands gegen Frankreich und Russland sind seit Jahren gemacht. Doch sie gehen nicht auf.

Im Westen beginnt ein jahrelanger Stellungskrieg, der Millionen Opfer fordert und erst durch den Kriegseintritt der Amerikaner zugunsten der Alliierten entschieden wird. Im Osten endet der grausame Feldzug gegen das zaristische Russland nach der Oktoberrevolution im Herbst 1917. Die Revolutionäre versprechen Brot und Frieden - und willigen in einen Waffenstillstand nach dem Geschmack der Mittelmächte ein. Doch den Deutschen nutzt dieser Sieg nichts: Nach dem Zusammenbruch im November 1918 diktieren die Siegermächte im Frieden von Versailles dem geschlagenen Reich ihre Bedingungen.

In seinem Weltbestseller "Im Westen nichts Neues" schreibt Erich Maria Remarque über den Horror des Stellungskrieges: "Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt: wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht fast einen Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandsstelle; und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme; wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht; wir finden jemand, der mit den Zähnen die Schlagader seines Armes klemmt, um nicht zu verbluten, die Sonne geht auf, die Nacht kommt, die Granaten pfeifen, das Leben ist zu Ende."

Krieg als Alltag

Das Grauen ist bei Remarque nackt. So wie auf vielen Schwarzweißbildern von der Front. Die Farbaufnahmen halten subtilere Botschaften bereit. Einige zeigen Kinder in bunten Uniformen beim Nachspielen einer Exekution. Sie präsentieren den Krieg als Alltag, das Töten als Teil der Kindererziehung. Das Flugzeug, auf das die Kinder im Paris des Jahres 1915 ihre Geschützattrappe richten, trägt das Eiserne Kreuz der Deutschen. Jede Pose ist sorgfältig arrangiert - und gerade deshalb verräterisch. Die Inszenierung zeigt den verhängnisvollen Glauben der Epoche: dass nur der Stärkste überlebe, die eigene Nation überlegen sei und der Krieg ein heroisches Ringen.

Stefan Schmitz / print