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Ex-Stasi-Offiziere: Die Gnade des späten Comebacks

Ziemlich ungeniert treten ehemalige Stasi-Offiziere wieder in der Öffentlichkeit auf. Sie schreiben Bücher und klittern nicht nur die eigene Geschichte. Zum Jahresende soll auch noch die Birthler-Behörde geschlossen werden.

Die Stimmung war ziemlich gereizt bei dieser Buchpräsentation neulich in Berlin: Ganz vorne, der Autor, Peter Pfütze, ehemaliger Stasi-Oberst. Ihm gegenüber, im Publikum: Noch mehr Staatsicherheit. Etwa Werner Großmann, Ex-Stellvertreter von DDR-Topagent Markus Wolf. Aber auch frühere Häftlinge und andere Stasi-Opfer wollen hören, was der Ex-Oberst mitzuteilen hat. Es ist eine ziemlich eigene Sicht der Dinge.

In seinem Buch "Besuchszeit - Westdiplomaten in besonderer Mission" schreibt er etwa: Bei den rund 3400 Besuchen der Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei gefangenen Bundesbürgern im Ostberliner Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen habe es nie Beschwerden und Proteste gegeben. Höhnisch lachen die Opfer, der Stasimann erklärt ernst: "Die Gefangenen wurden korrekt behandelt."

"Nennen Sie Ihren Namen, ich will Sie anzeigen"

Einigen Regimehäftlingen vergeht bei solchen Behauptungen die Laune. Einer ist aufgebracht, nennt die DDR-Behörden "rot lackierte Faschisten". Großmann, der Wolf-Vize, fordert ihn daraufhin auf, seinen Namen zu nennen, damit er ihn anzeigen könne.

16 Jahre nach dem Ende der DDR bewegen sich die Stasimitarbeiter wieder ziemlich ungeniert in die Öffentlichkeit. Einige überzeugen sogar die Gerichte davon, dass ihr Name nicht länger im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) genannt werden darf. Zynisch berufen sie sich auf ihre Persönlichkeitsrechte und zwingen so Zeitungen wie die "Süddeutsche" dazu, ganze Artikelpassagen zu schwärzen. In der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen lassen sich die ehemaligen Staatsicherheitler durch die Anlage führen. Sie verschmähen ihre Opfer und verlangen Beweise dafür, dass an diesem Ort Unrecht geschehen sei.

16 Jahre nach dem Ende der DDR setzt sich auch das Kino mit der Staatsicherheit auseinander. "Das Leben der anderen" zeichnet das Psychogramm eines Abhörspezialisten, der geläutert wird, die Seiten wechselt und zur Strafe vom Regime zum Briefe-Aufdampfen abkommandiert wird. Ein zwar eindringlicher Film, der gerade den Deutschen Filmpreis bekommen hat, dessen bitter-glückliches Ende allerdings mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Monatlich 500 Anträge auf Akteneinsicht

Erst 86 Prozent der Aktenbestände des Ministerium für Staatssicherheit sind bei der Außenstelle der Birthler-Behörde in Leipzig erschlossen. Und noch immer gehen Monat für Monat etwa 500 Anträge auf Akteneinsicht bei der Leipziger Behörde ein. Trotz der unvermindert großen Nachfrage wird die Behörde allerdings demnächst geschlossen.

Der künftige Umgang mit der Geschichte der SED- Diktatur und der Zugang zu Stasi-Unterlagen bleibt ein hitziges Streitthema. Entsprechende Vorschläge einer Expertenkommission lösten jetzt ein geteiltes Echo aus. Nach derzeitiger Rechtslage werden die Akten für Stasi-Überprüfungen zum Jahresende geschlossen - worüber sich nun Politik, ehemalige Bürgerrechtler und Experten streiten.

Der Vorschlag einer Kommission etwa sieht vor, das die Birthler-Behörde schnell abgewickelt werden soll, und an dessen Stelle ein dezentraler Geschichtsverbund mit den drei Kernbereichen "Herrschaft-Gesellschaft-Widerstand", "Überwachung und Verfolgung" sowie "Teilung und Grenze" geschaffen werden soll. Die Stasi-Akten sollen langfristig in die Obhut des Bundesarchivs übergehen.

Einige Politiker dagegen, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) wollen die Stasi-Unterlagen für Regelüberprüfungen weiter offen halten. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) regt die Einrichtung eines speziellen Forschungsinstituts zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der SED-Vergangenheit an.

Behörde Ausdruck der friedlichen Revolution von 1989

Gegen eine ersatzlose Streichung der Birthler-Behörde spricht sich auch der Historiker Martin Sabrow aus, auch wenn sich die Aktenauskunft in einigen Jahren erledigt haben werde. Die Behörde sei Ausdruck der friedlichen Revolution von 1989. Bei dem Konzept gehe es darum, späteren Generationen die Widersprüchlichkeit der DDR zu zeigen.

Zu den Befürworten der Auflösung gehört der frühere DDR-Bürgerrechtler und jetzige Unionsfraktions-Vize Arnold Vaatz. Die Akten sollten möglichst schnell ins Bundesarchiv überführt werden. Die Herrin über die Akten, Marianne Birthler, kommentiert diesen Vorschlag mit den Worten: "Herr Vaatz wird das nicht gerne hören, aber den größten Beifall wird er von den alten Stasi-Offizieren bekommen".

nk mit DPA/AP / AP