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Flensburg: Rattenlinie Nord

Während Nazi-Deutschland noch den totalen Krieg inszeniert, lösen sich Teile des Regimes bereits auf. In den letzten Kriegstagen wird Flensburg zum Fluchtpunkt für die Drahtzieher des "Dritten Reichs".

Letzter Fluchtpunkt für die NS-Größen sollte die Alpenfestung sein - das zumindest vermuteten die Alliierten bei Kriegsende. Doch statt in den Süden zog sich die das letzte Aufgebot des zusammenbrechenden Dritten Reiches in den Norden zurück. Während Berlin vor der Roten Armee kapitulierte, richtete sich die geschäftsführende Reichsregierung in der Marineschule Mürwik bei Flensburg ein.

Zwar sind die letzten Tage der Reichsregierung vom 3. bis zum 23. Mai 1945 nur eine Fußnote in der Geschichte, gleichwohl fielen dort noch eine ganze Reihe Entscheidungen mit bedeutenden Auswirkungen. Vor seinem Selbstmord am 30. April 1945 hatte der Diktator Adolf Hitler in seinem politischen Testament den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, zum Reichspräsidenten ernannt.

Sportschule als Regierungsgebäude

Dönitz übernahm am 1. Mai 1945 die Führung der letzten deutschen Reichsregierung und verlegte zwei Tage später sein Hauptquartier auf das Gelände der Marineschule Mürwik. Als Regierungsgebäude diente die Sportschule. Der letzte unbesetzte Rest des großdeutschen Reiches erstreckte sich rund sieben Kilometer die Fördeküste entlang. Dönitz und einige Minister nahmen Quartier auf dem Dampfer "Patria", der getarnt an der Blücherbrücke lag. Wirtschaftsminister Albert Speer zog in das Schloss Glücksburg.

Von Mürwik aus leitete Dönitz die Kapitulationsverhandlungen ein und organisierte die Rettung von zahlreichen Flüchtlingen und Verwundeten aus dem Osten des verbliebenen Reichsgebietes. Sein Ziel war es, möglichst viele deutsche Soldaten und Zivilisten in das Gebiet der Westmächte zu holen. Dönitz spielte Reichspräsident und Chef des Oberkommandos der Wehrmacht zugleich. Dementsprechend kapitulierte er am 4. Mai gegenüber dem britischen Feldmarschall Bernhard Montgomery für die Truppen in Norddeutschland.

Erst am 7. Mai 1945 flog Generaloberst Alfred Jodl von Flensburg aus nach Reims und unterschrieb dort die Gesamtkapitulation für Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatten die deutschen Teilkräfte in Berlin, Italien, Holland, Norddeutschland und Dänemark bereits kapituliert. Im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin wurde die Kapitulation am 8. Mai wiederholt. Ab Mitternacht schwiegen die Waffen.

Fantastische Pläne

Doch auch nach dem 8. Mai blieb die Regierung in Flensburg zunächst unbehelligt. Die Alliierten waren sich in den ersten Tagen nach Kriegsende noch nicht einig, wie man mit ihr verfahren sollte. In völliger Verkennung ihrer Lage entwarf die Regierung Dönitz fantastische Pläne für die Zukunft Deutschlands und für ihre eigene. Erst am 23. Mai wurde das Treiben der britischen Besatzungsmacht zu bunt: Sie verhaftete die Regierung Dönitz in der Marineschule. Albert Speer, der schon am 5. Mai aus der Regierung ausgestiegen war, wurde auf Schloss Glücksburg festgenommen.

Nach 1945 diente das Gebäude der Marineschule zunächst als Krankenhaus. Ab 1949 wurde der Nordflügel als Zollschule benutzt. Im Sommer 1956 bezog die Marine wieder einen Teil des Gebäudes und begann im November mit der Ausbildung ihres Offiziersnachwuchses, 1959 übernahm die Marine das ganze Gebäude. Seitdem haben alle Offiziersanwärter der Marine in ihrer Ausbildung hier absolviert. In dem frisch renovierten Bau, der noch das gleiche Erscheinungsbild wie in den 40er Jahren hat, erinnert die jungen Soldaten heute nichts mehr an die dramatischen Vorgänge bei Kriegsende.

Erst in der jüngsten Vergangenheit haben Historiker die Rolle Flensburgs als Fluchtpunkt für die Drahtzieher des dritten Reich aufgearbeitet. Nicht nur Dönitz mit seiner Reichsregierung hatte sich nach Norden abgesetzt. Die so genannte Rattenlinie Nord benutzten auch viele andere Nazis, die den Verfolgern entgehen wollten.

Falsche Papiere in großen Mengen

Zum Beispiel SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der sich mit 150 Personen seines Stabes nach Norden absetzte. In großen Mengen wurden in den letzten Kriegstagen im Flensburger Polizeipräsidium und in Mürwik falsche Papiere ausgegeben, die aus Massenmördern einfache Soldaten machten. Viele von denen, die den Alliierten nicht ins Netz gingen, fanden später Anstellung in der Verwaltung, Hochschulen und im Regierungsapparat der Kieler Landesregierung. In kaum einem anderen Bundesland war in den 1950er Jahren der Anteil der Staatsbediensteten, die eine Vergangenheit als Kriegsverbrecher oder Nazi-Größe aufzuweisen hatten, größer als in Schleswig-Holstein. Dönitz wurde in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er komplett absaß. Er starb in seinem Haus in Aumühle bei Hamburg 1980 an Altersschwäche.

Doch nicht nur Nazis suchten Zuflucht in Deutschlands Norden. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich die Bevölkerungszahl Schleswig-Holsteins von 1,5 Millionen (Mai 1939) bis 1946 auf 2,6 Millionen erhöht. Auf vier Einheimische kamen damals drei Flüchtlinge. Kein anderes Land in den westlichen Zonen hatte einen so starken Zustrom von Menschen zu bewältigen - die Folge waren Wohnraummangel, Hunger, Arbeitslosigkeit und Spannungen zwischen den Einheimischen und den Zugezogenen. Bereits 1943 waren rund 200.000 Menschen aus den zerbombten Großstädten in den relativ sicheren Norden Deutschlands gebracht worden. Als das NS-Reich zusammenbrach, kamen weitere 700.000 Vertriebene und Flüchtlinge und suchten Sicherheit in den Städten und Dörfern.

Die britischen Besatzungstruppen internierten in Eiderstedt, Dithmarschen und Ostholstein bis April 1946 über eine Million Wehrmachtssoldaten, heißt es im Historischen Atlas Schleswig-Holstein. Erst danach wurden die Internierungslager aufgelöst. Die Unterbringung der Menschenmassen stellte alle vor gewaltige Probleme. Familien teilten sich ihre Wohnungen und Häuser mit Fremden, Küchen und Toiletten wurden gemeinsam genutzt; der Platz reichte dennoch nicht. Lebensmittel wurden rationiert und nur über Lebensmittelmarken verteilt. Der Schwarzhandel blühte, der gute Kontakt zu einem Bauern konnte überlebenswichtig sein.

Entspannung durch Wohnungsbau

Wer keinen Platz in privaten Unterkünften fand kam in ein Sammellager. Im April 1950 existieren noch 728 Flüchtlingslager, in denen 127.756 Menschen lebten, Dann kam der Wohnungsbau in der jungen Bundesrepublik wieder in Gange, die Lage entspannte sich. Berühmt wurden in dieser Zeit die Nissen-Hütten. Diese Baracken, sie ähnelten überdimensionalen Wellblechrohrstücken, die an den Enden mit einer Wand verschlossen waren, wurden für viele Menschen zur ersten festen Wohnung nach Flucht und Vertreibung. Viele hatten Angst, die Vertriebenen aus Ostpreußen und Pommern, die die stärksten Flüchtlingsgruppen bildeten, könnten die gewachsenen Strukturen verändern. Die Situation entspannte sich, weil bis 1960 rund 400.000 Flüchtlinge und Vertriebene nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg weiterzogen und dort eine neue Heimat fanden.

Vuk mit Material von AP/DPA / DPA