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GALILEO GALILEI: Die Neugier siegt

Galileo Galilei verbannte den Menschen aus dem Zentrum der Welt auf eine Felskugel weit draußen an ihren Rand. Durch sein Fernrohr spähte er in den Himmel hinaus - und was er dort sah, war nicht das Antlitz des Schöpfers.

Galileo Galilei verbannte den Menschen aus dem Zentrum der Welt auf eine Felskugel weit draußen an ihren Rand. Durch sein Fernrohr spähte er in den Himmel hinaus - und was er dort sah, war nicht das Antlitz des Schöpfers - es waren die Monde des Jupiter, die Ringe des Saturn, die Phasen der Venus. Galileo Galilei suchte die Wahrheit nicht in alten Büchern, nicht in der Lehre, die von Kanzeln herabkam. Er forschte in der Welt der Dinge, die sich messen, beobachten, berechnen und begreifen lassen. Und das war ein Verbrechen. Mitihm begann der Kampf der Vernunft gegen das Dogma

Dies ist der Bericht eines holländischen Kaufmanns und Gelehrten, der über ausgezeichnete Verbindungen zu den Wissenschaftlern seiner Zeit verfügte.

Der Brief erreichte mich an einem trüben Vormittag, spät im September 1693. Eben war ich auf die Herengracht hinausgetreten, um meinen Spaziergang zur Börse zu machen, wo Gerüchte aus aller Welt zu erfahren sind. Van den Hoek, mein Secretaris, begleitete mich (nicht, dass ich mit meinen 75 Jahren nicht mehr allein hätte gehen können). Er nahm das Schreiben von einem Maat eines unserer Schiffe entgegen. Ich hieß ihn lesen.

»London. Sir. Ich bitte um Vergebung, dass meine Antwort lange auf sich hat warten lassen. Vieles hat meine Aufmerksamkeit erfordert. Ich hoffe sehr, mein verehrter Herr, Sie wollen noch immer meine Hilfe für Ihre 'Universelle Geschicht = Kunnd aller Wissenschaft und Kunst seit dem Jahre 1600 AD' in Anspruch nehmen. Sie haben sich nach dem Wohlergehen unseres Isaac erkundigt. Zu meinem Schmerz muss ich Ihnen betrübliche Nachricht geben. Mister Newton befindet sich nicht wohl. Eine Geistesverwirrung scheint ihn zu plagen. Er hat an einige Gentlemen - auch an mich - sonderbare Briefe gesandt, die uns sehr beunruhigen. Unser Freund Samuel Pepys zählt ebenso zu den Adressaten, und kürzlich hatten wir eine Unterredung, wie Herrn Newton wohl zu helfen sei. Ich bin allzeit Ihr ergebenster John Locke.«

Newton, der Meister der Rechenkunst und der Naturkunde, sollte eine Beute des Wahnsinns geworden sein? Und wenn es meine letzte Tat werden mochte: Ich entschloss mich, ohne jeden Verzug nach England zu segeln. Die Fortführung der Welt-Umwälzung, die ein nicht minder großer Geist - den persönlich kennen zu lernen mir selbst das Vergnügen vergönnt war - begonnen hatte, stand auf dem Spiel. Im Reisewagen nach Rotterdam bewegten mich die Erinnerungen an vergangene Tage.

Galileo Galilei lebte, als ich ihn traf, seit fünf Jahren unter Arrest in seinem Haus nahe Florenz. Das Verbrechen, dessen ihn die Inquisition 1633 endgültig für schuldig befunden hatte, war vorgeblich sein Beharren darauf, daß sich die Erde um die ruhende Sonne drehe. Zwar hatte Galileo dieser ketzerischen Lehre, dem Weltmodell des Kopernikus, offiziell abgeschworen. Doch das Vertrauen der Dominikaner, Franziskaner und Prälaten in ihn war gering. So schloss man ihn weg, verbot ihm, neue Schriften zu verbreiten.

1638 reiste ich, 20-jährig, als Begleiter meines Vaters, nach Italien. Galileo, so glaubte man in Amsterdam, hütete ein Geheimnis von unschätzbarem Wert: Er wisse, wie man präzise den Längengrad berechnen könne, auf dem man sich befand.

Die Reise zu Schiff über offene See ist noch immer ein Wagnis - lässt sich doch allein der genaue Breitengrad aus den Gestirnen lesen. Wie weit man aber gen Osten oder Westen gesegelt ist, kann man nur schätzen. Wenn man nicht Galilei hieß, meinten die Generalstaaten, unser Parlament. Sie trachteten seit Jahren, den greisen Gelehrten nach Holland zu holen - ohne Erfolg. Mein Vater sollte sich nun aufmachen, um einen letzten Versuch zu unternehmen, im Gepäck eine schwere Goldkette, die die Niederlande Galilei schenken wollten.

Ich entsinne mich nicht, unter welchem Vorwand wir in Galileos Haus gelangten, durfte er doch Besuch nur mit Billigung der Papisten empfangen. Mag sein, sie ließen uns aus Neugier hinein, um zu lauschen. Der Alte jedenfalls empfing uns freundlich, erhob sich aber nicht von seinem Stuhl, und mich erschreckte, daß er uns kaum zu sehen schien. Das Genie war beinahe blind!

»Nimmt es Euch wunder, junger Freund?«, fragte Galilei, »Jahrelang habe ich durch das Rohr die Sonne studiert, sie Stunde um Stunde betrachtet, um ihr ihre Geheimnisse abzuringen. Meine Augen wurden nicht besser dadurch. Das Licht der Erkenntnis hat mich geblendet«. »Herr Galilei«, rief ich aus, »was habt Ihr gesehen?« »Die Sonnenflecken, wie Ihr Euch denken könnt. Dunkle Flecken auf der Sonne, die auftauchen und vergehen. Ich fand, dass sie zur Sonne selbst gehörig sind, und zeigte, dass jene sich um sich selbst dreht. Doch ist der Kummer, den mir die Flecken gebracht haben, glaube ich, recht typisch für mein Leben.«

Womit Galilei recht hatte. Anno 1613, als er seine Arbeit über die Flecken drucken ließ, gab es sogleich Hader und Zank. Sein Widersacher war ausgerechnet Jesuitenpater - der Deutsche Christoph Scheiner, der die Flecken eben fugenlos in das kirchenamtliche Aristotelische Weltbild eingepasst hatte: Erde im Zentrum der Welt, drum herum kristallene Sphären, darauf die Himmelskörper. Galilei dagegen, das witterte der fromme Konkurrent, hatte einen neuen Baustein zur Begründung der Lehre des Kopernikus verfertigt. Häresie!.

»Ich war damals ein törichter, rechthaberischer Mann«, sagte Galilei. »Ich konnte es nicht lassen, hochmütige Briefe zu schreiben. Ihr findet sie in der Lade. Rechts vom Globus.«

Die Papiere lagen unter einem Stapel von Manuskripten, Zeichnungen und Notizzetteln. »Lest den Absatz, den ich unterstrichen habe, Mijnher«, befahl der Greis. »Für den kundigen Astronomen genügte es, begriffen zu haben, was Kopernikus in 'De Revolutionibus' schreibt, um sich sowohl von der Bewegung der Venus um die Sonne zu überzeugen wie von der Wahrheit der übrigen Teile seines Systems«, las ich. Da war sie also, die Theorie, die den Katholiken 1616 zu vertreten verboten worden war. Galileis wegen.

»Ihr habt die Römer provoziert, Herr Galilei«, sagte ich. Und das glaube ich noch heute. Der Mann hatte einfach zuviel entdeckt! Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Gegenstände zu Boden fallen, Wasserhebemaschinen, einen geheimnisvollen Zirkel, mit dem selbst der größte Tor die kompliziertesten Berechnungen anstellen kann. Schließlich die komplette Umsortierung des gestirnten Firmaments. Durch sein Fernrohr, das er, seien wir ehrlich, einer holländischen Erfindung abgeschaut hatte, blickte Galilei zum Himmel hinauf. Das war ungeheuerlich, seinerzeit. Die harmonisch eingerichtete Welt, in der wir, die durch Christus erlösten Geschöpfe nach Gottes Ebenbild, ganz im Mittelpunkt stehen, wurde zertrümmert. Galilei fand die »Mediceischen Gestirne«, vier Monde, die den Jupiter umkreisen, ohne dass für sie eine passende Sphäre vorgesehen gewesen wäre. Galilei versetzte uns Menschen auf einen Brocken Gestein am Ende der Welt, der sklavisch seine Bahn um das Feuer einer ewig rotierenden Sonne zieht. Kühn ging er weit hinaus über seine Vorgänger, etwa Johannes Kepler, der die elliptischen Planetenbahnen fand. Galilei weigerte sich, dem Kollegen ein Fernrohr zu schicken: Kepler, so sein Argwohn, mochte seine Planetengesetze erraten haben - nicht errechnet. Denn wo bislang Latein gesprochen wurde, streng nach dem Vorbild der Alten disputiert, herrscht seit Galileo die kalte, unbeugsame Sprache der Mathematik. Zeichen und Zahlen machen den Aristoteles zur Makulatur, und unter den jungen Gelehrten erntet er nur noch Spott und scheele Blicke, wie ich, wenn ich heutzutage zahnlos und am Gehstock durch den Börsensaal schlurfe.

Galilei jedenfalls, der abgeschworen hatte und dennoch keinen Zoll von seinen geächteten Erkenntnissen gewichen war, konnte oder wollte Holland damals nicht helfen (heute weiß ich: Er konnte nicht. Das Rätsel der Längengradmessung ist noch immer nicht gelöst. Es wird wohl noch so weit kommen, dass ein Vermögen für den Erfinder ausgelobt wird, der die Nuss zu knacken weiß).

Zum Abschied fragte ich Galileo: »Herr, warum macht Ihr es nicht wie wir Holländer? Für uns sind die Dinge, die zählen, die, die man in Gulden ausdrücken kann. Was hätte ein Mann wie Ihr nicht ersinnen können! Neue Kanonen, die jeder Fürst Euch aus der Hand gerissen hätte! Apparate, die von selbst fahren, ohne daß ein Pferd sie zieht. Fluggeräte, auf deren Schwingen sich ein Mensch in die Lüfte erheben könnte, um Bomben auf die Türkenheere zu werfen, Leuchten, die...« - »Guter Junge, hört auf! Ihr schwärmt wie der selige Leonardo! Sicher, ich habe oft meine Freude gehabt an der Konstruktion des Nützlichen. Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn man sich Geschichtchen über meine Versuche erzählt. Viele glauben zum Beispiel, ich hätte tatsächlich polierte Kugeln von dem Turm herabgeworfen, den die Pisaner nicht einmal gerade haben aufrichten können... Aber eines gilt es zu begreifen: Das Ewige, das Fundament, bilden die Gesetze, denen die Natur folgt. Die Regeln, nach denen die Planeten ihre Bahn ziehen, das große Rätsel, was sie eigentlich darauf festhalten könnte... Gott offenbart sich auf zweierlei Weise: In klaren Worten durch die Schrift, die auch ein Pfaffenverstand durchdringen mag. Und in rätselhafterer, verborgener Weise durch seine Schöpfung. Das Buch der Natur zu lesen, Junge, ist schwer. Es braucht einen scharfen, unbeirrbaren Sinn, ein unbestechliches Auge und Mathematik. Viel Mathematik. Haltet Euch immer an die Mathematik, mein Sohn...«

So sinnierend hatte ich auf meinem Weg zu Newton den Hafen von Rotterdam erreicht. Bald stach ich gen London in See. Das Meer war ruhig, die Nacht tintenschwarz. Ein wenig zwackte mich die Gicht. In den Horizont hinab regnete es Meteoritenschauer, und ich ertappte mich, wie ich bei ihrem Anblick heimliche Wünsche murmelte.

Wahrlich, es ist ein sonderbares Säkulum, in dem wir leben. Während die Naturforscher so viel Neues und Wahres gefunden haben, müssen sie sich mit Horoskopstellen und Goldmachen an den Höfen der Provinzfürsten durchschlagen. Hin und wieder brennt man Hexen, das Gute und Wahre achtet man nicht hoch. Nützlich muß das Wissen sein, mindestens wunderlich - ganz so, wie ich es einst von Galileo verlangte.

1642, der Teutsche Krieg wütete noch, weilte ich in Geschäften am Hofe der Welfen in Braunschweig. Eben war ein Separatfrieden unterzeichnet, den es zu feiern galt. Durch den Festsaal rollte knirschend, knarrend und quietschend der Triumphwagen der Friedensgöttin, inwendig angetrieben, ohne daß es Menschen- oder Pferdekraft brauchte. Auf so etwas verschwendeten die klügsten Köpfe ihre Zeit! Sie konstruierten unter größtem Aufwand Tischfahrzeuge, die, zahnradgetrieben, über fürstliche Tafeln rollten, ausgerüstet mit Uhren und Schlagwerken, pfeifenden Kleinstorgeln oder gar mit Wein gefüllt. Dazu dudelte ohne Unterlaß die neueste französische Prahl- und Pompmusik, gedämpft nur durch die muffigen, ellenlangen Puderperücken. Darunter dörrten die Hirne.

Ein übles Dörrhirn saß im Schädel des Herrn Henning Brand aus Hamburg. Ein abgehalfteter Offizier und falscher Doktor, wollte er sich 1669 durch die alchemistische Herstellung von Gold seiner Schulden entledigen - durch Abkochen von Urin! Gold siedete Brand nicht, genauso wenig, wie er es beim Wünschelrutengehen fand. Doch gewann er einen Stoff, der im Dunkeln leuchtet. Statt daraus Profit zu schlagen, indem er ihn auf die Zeiger der Turmuhren gestrichen hätte, streute der Narr seine Erfindung auf Silber und wunderte sich, daß daraus wiederum kein Gold werden wollte! Jahre später gelang es ihm, eine einträgliche Vereinbarung mit Herrn Gottfried Wilhelm Leibniz zu treffen, um aus Fluten von Soldatenpisse der herzoglich Braunschweig-Lüneburgischen Armee »Phosphor« herzustellen. Leibniz, der Lieblingsfeind meines Freundes Newton, ist leider einem Faible für die Schwarzkunst verfallen und ein speichelleckerischer Fürstenknecht, aber - Ehre, wem Ehre gebührt - ganz ordentlich rechnen kann er wohl.

Manchem Praktiker indes sind recht nützliche Einfälle gekommen. Zum Beispiel hat der Franzose Denis Papin einen ganz neuartigen Kochtopf erfunden. Mit einem festgeschraubten Deckel und einem speziellen Ventil versehen, lädt er sich unter großem Druck mit heißem Dampf auf. Im Handumdrehen wird darin Fleisch gesotten. Monsieur Papin hat auch eine Maschine gebaut, die aus heißem Dampf Kraft erzeugen kann, um Arbeit zu verrichten.

Selbst das nackte Nichts, das nach der Abdankung der Kristallsphären zwischen den Sternen vermutet werden muß, läßt sich auf Erden fabrizieren! Der Magdeburger Astronom, Bürgermeister und Pumpenmacher Otto von Guericke hat das in einer effektvollen Darbietung anno 1654 dem Regensburger Reichstag und Kaiser Ferdinand III. persönlich vorgeführt. Mittels seiner Pumpen saugte er sämtliche Materia aus zwei zusammengefügten, 14 Zoll großen Metall-Halbsphären heraus. Anschließend vermochten auch die stärksten Rösser nicht, die Kugel voller Nichts auseinanderzuziehen, so stark hafteten ihre Hälften aneinander.

Nach ereignisloser Überfahrt erreichten wir London. Dort bereitete man mir einen wahrhaft ehrenvollen Empfang. Mister Pepys und Mister Locke erwarteten mich, und ich speiste abends mit dem Sekretär der Royal Society. Man kann viel gegen die Engländer einwenden - auf See sind sie rabiate Gegner und Konkurrenten, sie trinken warmes Dünnbier, aber eines muß man ihnen lassen: Ihre Royal Society ist eine grandiose Erfindung. Die Gesellschaft unterstützt seit 1660 nach Kräften jeden ernsthaften Naturforscher und wiederholt sorgsam so manchen Versuch, um die Richtigkeit seiner Ergebnisse zu prüfen. Ich erhielt die Erlaubnis, aus den Archiven der Gesellschaft Abschriften für mein Buch anzufertigen.

Am nächsten Morgen besuchte ich John Locke. Der große Denker saß ohne Perücke und im einfachen Leinenrock am Fenster seines Studierzimmers und beantwortete Briefe seiner Verehrer und Feinde. Eben hatte er sein Buch »Einige Gedanken zur Erziehung« veröffentlicht, das offenbar große Beachtung fand. »Newton hat nochmals geschrieben«, sagte Locke und reichte mir einen fleckigen Brief. Ich hieß den Secretaris lesen.

»Im letzten Winter - durch zu häufiges Schlafen am Feuer - entwickelte ich üble Schlafgewohnheiten und missliche Befindlichkeiten, die in diesem Sommer zur Epidemie geworden sind und mich ganz durcheinander gebracht haben. Als ich Ihnen schrieb, hatte ich für 14 Tage nicht eine Stunde per Nacht geschlafen und für fünf Nächte überhaupt nicht.«

Newton war ernsthaft krank. Also: Rasch zur Postkutsche nach Cambridge. Van den Hoek ließ ich zurück, sollte er doch Akten abschreiben. So war ich gezwungen, auf der Fahrt meine Aufzeichnungen zu Newtons Leben und Werk mit meinen eigenen trüben Augen zu lesen, was mich anstrengte. Doch mußte ich sämtliche Großtaten des englischen Genius parat haben - er galt als ungemein eitel. Nicht nur, dass Newton die gesamte Optik neu fundiert, das Licht mit Prismen zu Regenbogen zerbrochen und sein Wesen erklärt hat. Nein, er fand sogar schlimme Mängel an den Teleskopen des Galilei: Seine Linsen können nicht alle Teile des Lichts an gleicher Stelle bündeln, es gebricht dem Bild an Schärfe. Und Newton schuf Abhilfe! Er baute ganz neue, bessere Fernrohre aus gewölbten Spiegeln. Und was kann der Kerl rechnen! Ganz neue Methoden hat er ersonnen. Er berechnete die Fläche unter einer Hyperbel, was wir jetzt Logarithmus nennen. Er führte die Mathematik hinab ins unendlich Kleine, sodass er von bewegten Körpern quasi Momentaufnahmen machen konnte, um alle Eigenschaften ihrer Bewegung präzise zu beschreiben. Und Newton fand schließlich heraus, was die Himmelskörper auf ihren Bahnen hält. Es klingt befremdlich, aber es läßt sich nachrechnen: Alle Gegenstände üben eine unsichtbare Kraft aufeinander aus. Sie ziehen sich an. Newton nennt dies Gravitation oder Schwerkraft. Hätte doch Galilei das noch erleben dürfen.

Um die Mittagsstunde langte ich im Hof von Trinity College an. Der erste Mensch, den ich sah, war - Isaac Newton! Er ging für seine 50 Jahre sehr gebeugt, blickte auf seine Schuhe. Sein abgetragener Rock war fleckig, die Perücke saß schief. Nach 50 Fuß aber blieb er wie angewurzelt stehen. So erstarrte der berühmte Professor für sicher eine Minute. Dann wandte er sich und ging den Weg, den er gekommen war, zurück. Ich sah durch den Türspalt des Arbeitszimmers. Newton stand am Tisch, über einen schäbigen Reisekoffer gebeugt, in dem er herumwühlte. Der Koffer war vollgestopft mit Papieren. Ich klopfte leicht an die Tür. Newton fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen: »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« Ich stellte mich vor, doch Newton blieb erregt: »Spion! Dieb! Ich bin der Entdecker der Rechenkunst, die Euer Herr Leibniz mir rauben will! Ich erfand die Spiegel. Und nun wollt Ihr mir meine Theologie rauben!« - »Ihre Theologie, Mister Newton?« - »Theologie. Ja. Die höchste der Wissenschaften. Ihr müßt es endlich begreifen! Die Mathematik beweist Gott! Die Harmonie der Zahlen, die Mechanik der Himmel. Ich habe es gefunden. Ich habe meine Sünden niedergeschrieben und sie meinem Beichtkoffer anvertraut. Dann wurde ich klaren Geistes. Meine Theologie wird mich überdauern. Noch in Hunderten Jahren wird man den Gottesbeweiser Newton ehren. Wenn es Euch nicht gelingt, mich schon wieder zu bestehlen! Ihr, Ihr...«

Mir blieb nur die Flucht. Nicht, dass ich etwas gegen Gott hätte, solange er die Naturgesetze ein- und sich des Wirkens nicht berechenbarer Wunder enthält, soll er schalten, wie er will. Aber Newton im Gottesfieber? Schwer begreiflich, dennoch wahr. Dabei hätte er noch so viel rechnen können!

Der puren Mathematik bin ich jedenfalls, gemäß Galileis Rat, allzeit treu geblieben. Ich lernte Geometrie von Pierre de Fermat, sonderte mit René Descartes manche krummen Linien nach ihrer Gattung von einander und berechnete die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen nach der Methode des Blaise Pascal. Heimlich hüte ich sogar einen Rechenapparat des Herrn Leibniz, über den mir Newton noch hinterherbrüllte, der sei es nicht einmal wert, dass man auch nur einen Butterkeks nach ihm nenne, wenn ich seinen Lincolnshire-Dialekt recht verstanden habe.

Tatsächlich: Die Formel ist zum Symbol unserer Zeit geworden. Niemals seit den Tagen des Pythagoras und des Euklid hat die mathematische Wissenschaft solche Sprünge gemacht wie heute! »Euklid!«, höre ich Newton spotten, »Euklid! Schon als Student wurde ich ermahnt, weil ich ihn nicht gelesen hatte. Wer ist schon Euklid.« Das einzige Mal, so berichten seine Studenten, habe man Isaac lachen sehen auf die Frage hin, welchen Nutzen die Lektüre des Euklid denn habe. Und Newton ist ja auch der größere Mathematiker. Der größte unserer Zeit. Der größte aller Zeiten. Sofern er nicht endgültig irre geworden ist.

Christoph Koch