Geschichtswissenschaft Vergangenheit, die nicht vergehen will


Sein Name steht für eine der brisantesten geisteswissenschaftlichen Debatten in der Bundesrepublik: Mit seinen Thesen über die Entstehung des Nationalsozialismus hatte der Historiker Ernst Nolte 1986 den so genannten "Historikerstreit" ausgelöst.

Der Historiker Ernst Nolte löste mit seinen Thesen über die Entstehung des Nationalsozialismus als Reaktion auf eine «existenzielle Bedrohung» Deutschlands durch die kommunistische Sowjetunion eine heftige Kontroverse aus. Seine Behauptungen, mit denen 1986 der «Historikerstreit» begann, gelten inzwischen als widerlegt. Die teils erbittert geführte Auseinandersetzung über die Nolteschen Aussagen festigte aber die «vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens», wie der Historiker Heinrich August Winkler später anmerkte.

Nolte selbst, der am Samstag (11. Januar) 80 Jahre alt wird, sieht sich durch Vorwürfe seiner Kollegen, er habe die Nazis verharmlost und sich in die Nähe der Holocaust-Leugner begeben, heute ungerecht behandelt und an den Rand gedrängt. Der in Witten geborene Sohn eines Volksschuldirektors galt schließlich schon lange vor dem Streit als führender deutscher Historiker. Seine Habilitationsschrift «Der Faschismus in seiner Epoche» (1963) ist ein Standardwerk. Nolte bricht darin mit der im «Kalten Krieg» maßgeblichen Totalitarismustheorie, die Kommunismus und Faschismus als Unterdrückungssysteme gleichsetzt. Er erkennt vielmehr dem Nationalsozialismus eine besondere Qualität als Herrschaftsform zu - als Teil der gesamteuropäischen Geschichte.

Lehraufträge in Köln und Marburg


Die Studie verschaffte Nolte große Anerkennung. Er bekam einen Lehrauftrag für Neue Geschichte an der Universität Köln und später einen Lehrstuhl in Marburg. Innerhalb der Neuen Linken wurden Noltes Theorien mit großem Interesse aufgenommen. Die bürgerliche Gesellschaft, so der Historiker, habe im 20. Jahrhundert mit Faschismus und Bolschewismus zwei «ideologische Vernichtungspostulate» erzeugt. Für Hitler sei der «Antimarxismus» und der Kampf gegen die Russische Revolution eine zentrale Triebfeder gewesen. In diesem Zusammenhang müsse die Auslöschung des europäischen Judentums gesehen werden.

Nolte, der 1973 an die Freie Universität Berlin wechselte und bis 1991 als Ordinarius im Fachbereich Geschichte lehrte, hat seine Thesen immer weiter zugespitzt. In dem 1986 in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» veröffentlichten Artikel «Vergangenheit, die nicht vergehen will» spricht er von einem «kausalen Nexus» zwischen dem «Archipel Gulag» und Auschwitz. Hitler habe vermutlich in der «asiatischen Tat», mit der Lenin und Stalin die Bourgeoisie vernichten wollten, eine Bedrohung gesehen. Zwischen dem «Klassenmord» der Bolschewiki und dem späteren «Rassenmord» der Nazis könnte eine logische und faktische Verknüpfung bestehen.

Der Philosoph Jürgen Habermas bezichtigte Nolte daraufhin in der «Zeit» unter dem Titel «Eine Art Schadensabwicklung» des Revisionismus. Mit der Deutung des Nationalsozialismus als Antwort auf die bolschewistische Bedrohung nehme Nolte dem Nazismus seine Singularität und mache Hitlers Verbrechen «mindestens verständlich». Der «Spiegel»-Herausgeber Rudolf Augstein warf Nolte vor, das Bürgertum, die Generalität und den Massenmörder Hitler zu entlasten. War die Ermordung von Millionen Juden einzigartig in der Geschichte? Um diese Frage kreiste während mehrerer Monate die Debatte, die aus den Hochschulen in die Medien drängte.

"Kontrahenten" Nationalsozialismus und Kommunismus


Nolte hält bis heute an seinen Thesen fest und steht weiter in der Kritik. Nur die «Reizwörter» Gulag und Auschwitz hätte er besser damals vermieden, sagt er. Es gelte für ihn noch immer, dass Nationalsozialismus und Kommunismus die Kontrahenten eines «europäischen Bürgerkrieges» waren, wie er es bereits in seinem 1987 unter diesem Titel erschienen Buch beschrieben habe.

Seit dem Historikerstreit wurde Nolte immer wieder Nähe zu Revisionisten der Nazi-Geschichte vorgeworfen. Eine Laudatio zur Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises der rechtskonservativen Deutschland-Stiftung geriet im Juni 2000 zu einem Skandal. Historiker und Publizisten warfen Horst Möller, dem Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, eine Rehabilitierung Noltes und seiner Thesen vor.

Nolte blieb unbeirrt. In Interviews fragte er, ob die meisten Opfer der Nazis nicht in den Gaskammern, sondern durch Seuchen und Massenerschießungen getötet wurden. Trotz aller Kritik auch aus dem konservativen Lager hält er an seiner Sicht fest: Es müsse Schluss sein mit der negativen, auf Deutschland zentrierten Sicht des Nationalsozialismus und den einseitigen Schuldzuweisungen gegen die Deutschen.

Esteban Engel DPA

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