Hamburg Der Tag, als die Elbe brannte


Verkohlte Menschen lagen im Rinnstein, ganze Straßenzüge waren wie weggefegt: Mit ungeheuer Wucht brach im Sommer 1943 der Feuersturm über Hamburg herein. Mehr als 40.000 Menschen fielen dem alliierten Bombenangriff zum Opfer.

Das Inferno brach Ende Juli mit ungeheurer Wucht über Hamburg herein. Als nach vier schweren Bombenangriffen Anfang August den Menschen der geschundenen Stadt eine Atempause vergönnt war, wurde schreckliche Gewissheit, was viele geahnt hatten: Die Angriffe der britischen Bomberflotten hatten Zehntausende in den Tod gerissen. Allein jener "Feuersturm" in der Nacht vom 27. zum 28. Juli 1943 hatte fast zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet. Nach Kriegsende sollte die "Operation Gomorrha" gegen Hamburg in einem Atemzug genannt werden mit den Bomben auf Dresden und den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.

"Feuersturm" als Höhepunkt der "Operation Gomorrha"

Die "Ausgebombten", die auf dem flachen Land in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen Zuflucht gefunden hatten, erzählten in den Nachkriegsjahren, im Hochsommer 1943 habe in Hamburg "die Elbe gebrannt". Der "Feuersturm" ist der Höhepunkt der "Operation Gomorrha".

Im Buch Genesis heißt es, Gott ließ auf Sodom und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen, um die Menschen für ihre Sünden zu bestrafen. Der Oberbefehlshaber der Britischen Luftflotte, Marschall Arthur Harris, hatte befohlen, die Hansestadt völlig zu zerstören. In ihrem zehntägigen Angriff zwischen dem 24. Juli und dem 3. August zerstörten die Briten fast die Hälfte des Hamburger Wohnraums. Allein in der brütend heißen Nacht vom 27. auf 28. Juli 1943 hageln fast 100 000 Brandbomben auf die Stadt.

Der 27. Juli 1943 war ungewöhnlich heiß: Die Temperaturen lagen seit Tagen über 30 Grad und auch nachts sank das Quecksilber nur unwesentlich: die Stadt war aufgeheizt. Trotz der Angriffe vom 24. Juli, als britische Bomber Altona, St. Pauli und Eimsbüttel zerstört hatten, genossen die Menschen in Lokale und Cafés den warmen Sommerabend. Kurz vor Mitternacht werden die Flak-Stellungen über die nahende Bomberflotte informiert. Wenig später heulen die Sirenen: "Fliegeralarm". Gut eine Stunde später fällt die erste Bombe.

Brandbomben, Sprengbomben und Zeitzünderbomben

Die nur vier Pfund schwere und 55 Zentimeter lange Brandbombe besteht aus einer brennbaren Zink-Magnesium-Verbindung. Beim Aufprall schießt eine Stichflamme hervor und verlischt nach acht Minuten. In dieser Zeit muss sie etwas Brennbares gefunden haben - Kleidung, Holz oder ein Bett. Außer den Brandbomben trudeln Sprengbomben aus fast 800 Flugzeugen, die in dieser Nacht den Osten der Stadt angreifen und ganze Wohnviertel zerschmettern. Die "Wohnblockknacker" zerstören die Dächer und schaffen Raum für die Brandbomben, die ins Innere der Häuser fallen. Ergänzt wird das Arsenal des Schreckens durch Zeitzünderbomben, die erst nach Stunden detonieren und so Rettungskräfte hindern, Tote zu bergen, Verwundeten zu helfen und Feuer zu löschen.

Schon kurz nach den ersten Einschlägen brennen in Hamm und Hammerbrook, Borgfelde und Wandsbek die ersten Häuser. Das Feuer springt von Haus zu Haus, setzt Straßenzüge in Flammen - bis das ganze Viertel brennt. Das Inferno, das die Stadt heimsucht, entstand durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Über der Hitze am Erdboden lag in großer Höhe kalte Luft. Da warme Luft nach oben steigt, bis sie die gleiche Dichte erreicht wie die Luft in der höheren Sphäre, entsteht eine Sogwirkung, die das Feuer am Erdboden zum rasenden Feuersturm werden lässt.

Tödliche Falle Luftschutzkeller

Menschen, die sich nicht mehr in einen Bunker retten können, verbrennen auf den Straßen. Viele versinken im geschmolzenen Asphalt und werden so ein Opfer der Flammen. Tausende ersticken, weil das Feuer allen Sauerstoff aufsaugt. Luftschutzkeller werden durch die Hitze von 1000 Grad zur tödlichen Falle. Die meisten Menschen sterben dort an Kohlenmonoxidvergiftung, weil die Flammen die dort gelagerten Kohlevorräte in Brand setzen. Der Sturm, der mit über 250 Kilometern pro Stunde durch die engen Straßen rast, schleudert Bäume auf die Straße, reißt den Müttern die Kinder aus den Armen und lässt Menschen vor den Augen ihrer Angehörigen in Sekunden verglühen.

Am Tag nach dem Feuersturm steht eine kilometerhohe Rauchsäule über der Stadt. Es ist so finster, dass die Sonne kaum zu sehen ist. Überall lodern Brände. Wegen der Trümmer und immer wieder explodierender Bomben muss die Feuerwehr sich darauf beschränken, den Überlebenden zu helfen. Eine Chronistin schrieb damals: "Groß und unbeschreiblich war das Elend der Toten. Unbeschreiblicher und mit keinem Maß mehr zu messen das der Lebenden. Sie hätten gern getauscht und das Leben für den Tod gegeben."

Jürgen Grünhagen/DPA DPA

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