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Holocaust: Hass bis in den Tod

Angetrieben von Hitlers Hass und seiner Arier-Ideologie, kulminierte die anfängliche Ausgrenzung der Juden unter dem NS-Regime zum industriell betriebenen Massenmord. Den Alliierten bot sich 1945 überall ein Bild des Grauens.

Mit fanatischem Hass betrieb Adolf Hitler sein Ausrottungsprogramm gegen Juden bis in den Untergang. Noch kurz vor seinem Selbstmord im Führerbunker der verwüsteten Reichshauptstadt zeigte er in seinem politischen Testament keine Reue für ein unvorstellbares Verbrechen und verpflichtete die Führung auf die Einhaltung seines Kurses.

Entrechtung, Pogrome, Deportation, Gettoisierung und schließlich der millionenfache Mord an den Juden in den deutschen Todesfabriken: Den vorrückenden alliierten Truppen bot sich überall ein Bild des Grauens. Leichenberge, Lagerhallen mit menschlichen Überresten und Tonnen von Habseligkeiten Ermordeter säumten ihren Weg bei der Besetzung Deutschlands. Abgemagerte Menschen überlebten nach teils jahrelangem Martyrium den Nazi-Terror und wurden befreit - Zeugen maßloser Unmenschlichkeit.

Ideologie von Herrenrasse und Untermensch

Auschwitz, Treblinka, Buchenwald, Mauthausen oder Dachau: Die Namen der Vernichtungs- und Konzentrationslager, Bilder von Selektionen, ausgemergelten Gestalten, Krematorien oder den katastrophalen Lebensumständen in Gettos haben sich ins Bewusstsein eingebrannt. Angetrieben von Hitlers Hass und seiner Ideologie von Herrenrasse und Untermensch, unterstützt von seinen Paladinen, kulminierte die anfängliche Ausgrenzung der Juden unter dem NS-Regime zum industriell betriebenen Massenmord.

In einer Rede vor dem Reichstag am 30. Januar 1939 sagte Hitler: "Ich will heute wieder einmal Prophet sein: Wenn es dem internationalen Judentum inner- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa." Diese Aussage wenige Monate vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges war keineswegs die einzige, in der er eine physische Vernichtung der Juden andeutete. Schon früh gibt es Zeugnisse, die als Ziel seines Hasses auch Massenmord nicht ausschlossen. In einem Brief schrieb er schon 1919 über den Antisemitismus: "Sein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein."

Die radikalen Aussagen Hitlers - Eckpfeiler seiner Weltanschauung - waren jedoch keineswegs Ausdruck eines konsequenten Weges in den Holocaust. Hunderte Verordnungen und Gesetze gegen Juden in Deutschland, Kennzeichnungspflicht, Reichspogromnacht, Pläne für eine Umsiedlung, mordende Einsatzgruppen hinter der vorrückenden Wehrmacht beim Angriffskrieg gegen die Sowjetunion: Konkurrierende und um Machterhalt und Machtzuwachs ringende Gefolgsleute und Instanzen im Regime radikalisierten die antijüdische Politik. Andeutungen in ausufernden Monologen der des "Führers" ersetzten schriftliche Befehle waren nicht nötig, um das Räderwerk des Terrors in Gang zu setzen.

"Radikalisierungssprünge ohne Mäßigung"

"Von der Dynamik des politischen Systems des Nationalsozialismus angetrieben, sorgte ein wie von einem Sperrrad gesteuerter Entscheidungsprozess dafür, dass Radikalisierungssprünge und taktische Pausen einander abwechselten, ohne jemals eine Mäßigung oder Rücknahme zu gestatten", beschreibt der Historiker Christopher Browning den Weg in die "Endlösung". Wann die Entscheidung für den Schritt zum industriell betriebenen Massenmord gefallen ist, konnte bis heute nicht geklärt werden. Trotz unterschiedlicher Auffassungen über den Zeitpunkt datiert die Umsetzung Wissenschaftlern zufolge aber auf die Wochen und Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941, als Hitler an einen schnellen Sieg über Stalin glaubte.

Ebenso unklar wie die Frage nach der Entscheidung zum millionenfachen Mord ist die Frage, wann sich Hitlers maßloser, dumpfer Judenhass entwickelt hat. Er selbst bezeichnete immer seine Zeit in Wien als die größte Umwälzung, die er jemals durchzumachen hatte, als den Zeitpunkt, der ihn zum fanatischen Antisemiten machte. Erfahrungen aus einer Welt des Scheiterns, des kleinen Mannes im Männerwohnheim, der Lektüre deutschnationaler und antijüdischer Broschüren im Schmelztiegel und Zentrum des Vielvölkerstaates der Habsburger. "Möglicherweise war daher sein Antisemitismus nur die gebündelte Form seines bis dahin ziellos vagabundierenden Hasses, der im Juden endlich Objekt, den Fixpunkt gefunden hatte, vor dem er seiner selbst inne wurde", schreibt der Hitler-Biograf Joachim C. Fest.

Sicher ist, dass sich sein Hass im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg in einer Atmosphäre von nationaler Schmach und Dolchstoßlegende manifestierte und unter anderem in seiner politischen Schrift "Mein Kampf" seinen Ausdruck fand. Im Juden hatte der Weltkriegsgefreite den Schuldigen für das deutsche Desaster ausgemacht. Der Judenhass wurde Bestandteil der Weltanschauung des Parteiführers und Mittel zum politischen Taktieren, der Jude wurde schließlich Opfer des rastlosen Hasses des Reichkanzlers Adolf Hitler.

Hass als Programm

Diesen Hass verkündete Hitler kurz vor seinem Selbstmord noch für die Nachwelt als Programm. In seinem politischen Testament legte er fest: "Vor allem verpflichte ich die Führung und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassengesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum."

Oliver Pietschmann/DPA / DPA