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Kommunalwahl 1989: Der Anfang vom Ende der DDR

Als Oppositionelle in der DDR es wagten, den Verlauf der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 zu überwachen, geschah aus Sicht der SED Ungeheuerliches. Aus Sicht des Leipziger Bürgerkomitees war damit der Anfang vom Ende der DDR eingeleitet.

15 Jahre ist es her, da geschah in der damaligen DDR etwas aus Sicht der Staatsführung Ungeheuerliches: Oppositionelle wagten es, den Verlauf der Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 zu überwachen. Peinlich genau schauten sie vor allem den Auszählern auf die Finger und konnten dabei erstmals in der Geschichte der DDR dokumentieren, wie die SED-geführte Staatsmacht die Ergebnisse manipulierte.

Am Abend jenes Tages versammelten sich Mitglieder oppositioneller Gruppen auch in Leipzig, um darauf aufmerksam zu machen, wie sehr sich die wirklich ausgezählten Zahlen von denen unterschieden, die offiziell verkündet wurden. Aus Sicht des Bürgerkomitees Leipzig war spätestens damit der Anfang vom Ende der DDR eingeleitet. "Monatelang ignorierte die Berliner SED-Führung diese Entwicklung", sagte Tobias Hollitzer, Vorsitzender des Bürgerkomitees, am Freitag anlässlich der Enthüllung von Stelen, mit denen die Bürgerrechtler an den mühsamen Weg zur friedlichen Revolution in der DDR erinnern. "Der Herbst 1989 hatte ja eine lange und ereignisreiche Vorgeschichte", unterstrich Hollitzer.

"Ortstermin der Geschichte in der Gegenwart"

Mit seiner Aktion zur Markierung geschichtsträchtiger Brennpunkte im Herzen der Stadt geht das Leipziger Bürgerkomitee nach den Worten von Hermann Rudolph genau den richtigen Weg. "Sie schaffen hier einen dauernden Ortstermin der Geschichte in der Gegenwart", lobte das Vorstandsmitglied der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Leipziger. Zwar könnten auch Dokumente und Bücher, Fotos und Filme Erinnerung transportieren, so Rudolph. Aber nur durch Orte des Gedenken könne Geschichte wirklich festgehalten werden. Und gerade in Leipzig als einer Wiege der friedlichen Revolution gebe es "deutsche Erinnerungsorte von historischem Rang".

In der sächsischen Messestadt an der Pleiße können diese Erinnerungsorte zunächst für sechs Monate leicht identifiziert werden. Gelbe Stelen mit kurzen Texten und historischen Aufnahmen machen deutlich, dass die friedliche Revolution in Leipzig nicht allein von den Friedensgebeten in der berühmt gewordenen Nikolaikirche ausging. Weitaus vielfältiger waren nach Ansicht des Bürgerkomitees die Orte und Ereignisse, die letztlich die Mauer zum Einsturz brachten.

Unverständnis und Entsetzen

So etwa am 15. Januar 1989: Erstmals beteiligten sich Bürger, die nicht in Oppositionsgruppen organisiert waren, an einer nicht genehmigten Demonstration und forderten damit die Staatsmacht heraus. Oder am 10. Juni: Oppositionsgruppen hatten zu einem Straßenmusikfest eingeladen, das von den staatlichen Stellen verboten wurde. Dennoch reisten zahlreiche Musiker nach Leipzig an und wurden - nachdem sie zur Freude der Leipziger musiziert hatten - verhaftet. Der Einsatz der Polizei löste bei vielen Unverständnis und Entsetzen aus. So sei aus unbeteiligten Passanten eine protestierende Menge geworden.

Erst im Herbst dämmerte es auch der SED, dass in Leipzig Probleme der gesamten Gesellschaft deutlicher zu Tage traten als anderswo", sagte Hollitzer. Doch diese Erkenntnis kam für die Machthaber viel zu spät. Die Augen und Ohren der DDR-Bürger und auch die des Auslands hatten sich auf die sächsische Messestadt gerichtet. "Wie ein Flächenbrand breitete sich der Widerstand im gesamten Land aus", so der Bürgerkomitee-Vorsitzende. Die Menschen in der DDR hatten, wie er es formulierte, ihre Sprache wiedergefunden.

Erinnerung geht weiter

Die Stelen-Aktion bildete zugleich den Auftakt für weitere Veranstaltungen, mit denen die Leipziger an den 15. Jahrestag des friedlichen und erfolgreichen Aufstands in der DDR erinnern wollen. So ist für den 9. Oktober eine lange Filmnacht vorgesehen. Dieser Tag war vor 15 Jahren ausschlaggebend für den Erfolg der Revolution: 70.000 Menschen waren in Leipzig über den Innenstadtring gezogen und hatten friedlich gegen das Regime demonstriert. Mehr als 8.000 bewaffnete Kräfte standen damals bereit, kamen aber nicht zum Einsatz. An diesem "Tag der Entscheidung" errang das Volk einen ersten wichtigen Sieg über das Regime. Einen Monat später fiel die Mauer.

Außerdem planen die Leipziger für Anfang Dezember eine Tagung, auf der es um die Auflösung der Dienststellen der Staatssicherheit gehen soll. Anlass dafür ist die Besetzung der Leipziger Stasi-Zentrale am 4. Dezember 1989. Das in jener Nacht gebildete Bürgerkomitee stoppte die seit Wochen laufende Vernichtung von Akten, kümmerte sich um die Auflösung der Stasi und versuchte, die Arbeit des Dienstes transparent zu machen."

Jörg Aberger/AP / AP / DPA
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