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Nazi-Vergangenheit: Wie SS-Müller eine Stadt in Atem hält

Die Geschichte um den "jüdischen SS-Mann" reißt im schwäbischen Waiblingen Gräben auf: Ist ein Nazi, der sich wegen seiner jüdischen Abstammung 1933 erschießt, ein Opfer? Chronologie einer schmerzhaften Annäherung.

Von Ingrid Eißele und Jan Rübel

Das Grab fällt kaum auf. Eine verwitterte Steinplatte, umwachsen von Gänseblümchen und wilden Primeln. Auf dem schlichten Stein ein Dutzend-Name: Dr. Walter Müller, gestorben 28. Juni 1933, daneben der Name seiner Frau, gestorben am 28. Juni 1987. Es ist das Doppelgrab von zwei Ärzten, die einst im Krankenhaus in Waiblingen gearbeitet haben.

Ein paar Jahre lang waren sie das gefeierte "Traumpaar" der schwäbischen Stadt, erfolgreich, tüchtig, jung, elegant. Doch das ist lange her. Ihre Geschichte wäre längst vergessen, hätte sie nicht der Stadthistoriker ausgegraben. Inzwischen schlägt das Drama des "jüdischen SS-Manns" Wellen und wird selbst in Blättern in Holland, Belgien und Polen berichtet.

Aufstieg und Fall des Walter Müller

Denn selten offenbart ein Mensch so tiefe Widersprüche wie Doktor Walter Müller aus Waiblingen. Die zwingen dazu, schnelle Urteile genau so schnell wieder zu korrigieren. Und noch mal nachzudenken. So ging es auch Andreas Hesky. "Ich geriet von einem Extrem ins andere", bekannte der Waiblinger Oberbürgermeister bei der öffentlichen Diskussion im Bürgerzentrum der Stadt in der vergangenen Woche.

Die Vorgeschichte: Walter Müller, ein junger Röntgenarzt aus Stuttgart, bewirbt sich im Jahr 1927 für eine Stelle im Krankenhaus der Nachbarstadt Waiblingen. Er bringt ein Empfehlungsschreiben mit, das seinen Fleiß, sein Wissen und sein "taktvolles Benehmen" den Patienten gegenüber rühmt. Schnell bekommt er die Leitung der Inneren Abteilung übertragen und hat bald den Ruf eines tüchtigen und beliebten Arztes. Er verliebt sich in eine Kollegin, die Ärztin Marianne Huppert, hübsch, klug und aus "guter Familie". Ein halbes Jahr später heiraten sie. Alles passt.

Fotos zeigen das junge Paar in einem Obstgarten am Bodensee, auf einer Reise nach Locarno. Müller posiert im Männerbadeanzug, damals der neueste Schrei. Der Arzt liebt die Musik von Richard Wagner, er schwärmt für Oscar Wilde. Er liest auch Mörike, Goethe, Schopenhauer und Wedekind, aber auch die Schriften von Houston Stewart Chamberlain, "Rasse und Nation", der als Vordenker der nationalsozialistischen Rassenideologie gilt. Müller begeistert sich für den Faschismus, er wird Mitglied des Waiblinger SS-Sturms, der Nazi-Elite für die Oberschicht der Stadt, er zeigt sich in Uniform auf Stadtfesten. Seinem weiteren Aufstieg steht nichts im Weg.

Er nennt sich selbst "Herrenmensch" und "Übermensch". Er soll dafür gesorgt haben, dass sein jüdischer Kollege Mowscha-Aisik Friedmann die Stadt verlassen muss, im Zuge der "Reinhaltung und Ausscheidung aller Fremdkörper", wie es in der zynischen Terminologie der Nazis heißt. Belege für Müllers Verrat gibt es allerdings nicht. Eines Tages, am 27. Juni 1933, wird Walter Müller ins Landratsamt bestellt. Dort erfährt er, dass sein Vater, den er nie kennen gelernt hat, Jude ist. Er ist geschockt.

Am Abend will das Ehepaar in die Oper nach Stuttgart gehen - Müller entschuldigt sich bei seiner Frau mit dringenden Aufgaben in der Klinik und bittet einen SS-Mann seine Frau zu begleiten und nach der Aufführung "unbedingt" in die Wohnung zu bringen. Er selbst schreibt einen Brief, fährt im strömenden Regen auf eine Wiese am Stadtrand, setzt sich unter einen Baum, trinkt aus einer mitgebrachten Cognacflasche, hält sich eine Pistole ans Herz und erschießt sich. "Man hat in meiner Abstammung ein Haar gefunden", steht im Abschiedsbrief an Marianne Müller. Deshalb müsse er seinem Leben ein Ende setzen. "Ich trinke noch ein Pullchen, dann geht es glänzend." Er glaube an die Auferstehung, setzt er noch hinzu und hoffe, dass sich "das nächste Mal meine Atome zu einer glücklicheren Mischung zusammenfinden". In den letzten Sätzen schärft er seiner Frau ein: "Sei in all Deinem Tun und Handeln eine Nationalsozialistin, wie ich trotz allem als SS-Mann sterbe."

Den Familienhintergrund soll keiner erfahren

Müller wird am Tag darauf, am 28. Juni, gefunden und einige Tage später mit großem Pomp beigesetzt. Der aufgebahrte Leichnam verschwindet fast unter einem Berg von Blumen. Hakenkreuze zieren die Kränze, SS-Leute halten die Totenwache. Das Motiv des Arztes bleibt rätselhaft. Müller hatte in einem Brief an den Beamten im Landratsamt um Stillschweigen über seine wahre Herkunft gebeten, da sein Fall ja nun "erledigt" sei. Die SS streut unterdessen das Gerücht, "jüdische Kreise" hätten Müller bezichtigt, im Krankenhaus illegale Abtreibungen durchgeführt zu haben.

Marianne Müller schweigt auch nach dem Krieg. Sie hält den Abschiedsbrief jahrzehntelang unter Verschluss, und auch das Landratsamt rührt die Akte Müller nie wieder an. Keiner soll die Hintergründe des Selbstmords kennenlernen. Vor ihrem Tod vertraut Ehefrau Marianne den Brief einer Freundin an, auch die hält ihn geheim, bis ihr der Waiblinger Stadthistoriker Hans Schultheiß das Dokument entlockt. Schultheiß, aufgewühlt von dieser "unglaublichen Familientragödie", will in Waiblingen einen "Stolperstein" für Müller errichten lassen, einen Gedenkstein, der an die Opfer des Naziterrors erinnert. Doch damit stößt er auf heftigen Protest. Ist dieser Mann wirklich ein Opfer? Oder ist er Täter? Es sei ein "ungeheuerlicher Vorgang, wie der Nazi Dr. Müller den Juden Dr. Müller tötet", meint der Waiblinger Rechtsanwalt Manfred Künzel. Die Diskussion über einen Stolperstein ist schnell vom Tisch. Doch da ist auch noch das Grab des Arztes. Soll man eine Erinnerungsstätte für einen Fanatiker erhalten? Die Liegezeit ist längst abgelaufen. Die Stadt hätte das Grab in aller Stille räumen können, doch nüchterne Beamtenmentalität löst das Problem nicht.

Wie, so fragt Oberbürgermeister Andreas Hesky bei der öffentlichen Diskussion in der Stadthalle, "können wir umgehen mit dem Grab eines Menschen, der 75 Jahre nach seinem Tod diese Stadt schier zu entzweien vermag"? Die Stadtverwaltung will eine breite Meinungsbildung, sie lässt an diesem Abend sogar abstimmen. Es wird Geschichtsunterricht der spannendsten Sorte. "Erhalten oder auflösen?" ist die Frage, die die Zuhörer beantworten sollen. Und zwar gleich zweimal, einmal vor Beginn der Diskussion und einmal danach.

Dazwischen gibt es Vorträge und eine Diskussion. "Das Grab sollte verschwinden", sagt ein Lehrer. Denn es gebe keinen Grund, ausgerechnet diesem Mann mit seiner ideologischen Verblendung eine "außerordentliche Liegedauer" zu gewähren. "Wir sollten keine Plattform für diesen Herrenmenschen erhalten", findet auch eine Zuhörerin. Vor kurzem lagen zwei Rosen auf dem Grab. "Die erschrecken mich", bekennt sie. "Auf den namenlosen Gräbern der geschundenen Zwangsarbeiter habe ich keine Rosen gefunden." Das Grab sollte bleiben, sagt eine andere Waiblingerin, den Jugendlichen zuliebe, die sich mit dem Fall nun im Geschichtsunterricht auseinander setzen. "Junge Leute brauchen einen emotionalen Platz, an dem sie zu Einsichten kommen." Viele schlagen Kompromisse vor: Das Grab sollte bleiben, aber mit einer Informationstafel. Das Grab sollte eingeebnet und die Platten im Museum gezeigt werden, "mit der nötigen Distanz".

Doch die nötige Distanz fällt schwer. Der Fall Müller irritiert, provoziert. Er ist nicht schwarz, nicht weiß, er trägt beides in sich. Er ist von einem verstörenden Grau.

Ein Opfer seiner selbst

Monica Kingreen vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut, das die Geschichte des Holocaust aufarbeitet, sieht in Müller kein Naziopfer, sondern "ein Opfer seiner selbst". In frühen Notizen entpuppt sich der stramme SS-Mann als zerrissener Mensch. Er schreibt von seiner großen Selbstverachtung, nennt sich selbst einen "Outsider". Er könne sich nicht vorstellen, dass ihn "einmal ein Mädchen liebt".

Müller ist ein uneheliches Kind, eine Schande in dieser Zeit. Der Arzt hält diese Tatsache vor seiner Umgebung geheim. Er belügt sogar seine Frau und behauptet, seine Eltern seien tot. Tatsächlich hat ihn seine Mutter, die Verkäuferin Berta Müller, weggegeben, als er zwölf Jahre alt war. Seinen Vater kennt er nicht. Eine Tante in Stuttgart adoptiert ihn. Sein Testament kündet von seinem tiefen Groll der Mutter gegenüber. Er verfügt, dass "Fräulein Berta Müller" kein Erbe bekommen soll, sie solle sich "dahin wenden, wo Unterhaltspflicht für sie vorliegt".

Ängste eines labilen Karrieristen

Müller, so wird an diesem Diskussionsabend klar, erschießt sich nicht, weil er Angst hat vor der Ermordung durch die Nazis. 1933 hat der Massenmord noch nicht begonnen. Er erschießt sich, weil er nicht verkraften kann, dass er nicht mehr zur "Leistungselite", der SS, gehören wird. Er will aber dazu gehören, unbedingt. Da macht sich einer so groß wie der Nazimythos sich selbst sieht - und bleibt doch so klein wie die Vordenker dieses "Übermenschen"-Gehabes.

Es droht Müller das, was er innerlich schon lange ist - ein Ausgestoßener zu sein, ausgerechnet in dieser Stadt, vor aller Augen. Denn auch das zeigt der Fall Müller: Nur wenige Monate nach der "Machtergreifung" der Nazis und Jahre vor dem Holocaust hatte sich der Hass auf Juden bereits organisiert: Boykott, Ausgrenzung und Vertreibung gehörten schon zur Tagesordnung.

Der Umgang mit Walter Müller, ein Kapitel, das noch lang nicht geschlossen ist. Könnte er für manche zum Helden werden? Die Rosen auf seinem Grab, stammten sie von unkritischen Verehrern, Nazis gar? Nein, für die rechte Szene und ihre zynische Logik hat Müller recht getan, sein Leben auszulöschen. Die Rosen, enthüllt der Oberbürgermeister, stammten von einer alten Dame, die er vor kurzem beim Seniorennachmittag kennengelernt habe. Vielleicht, sagt der Oberbürgermeister, "hatte sie ihn einfach noch als Arzt erlebt."