Die Bilanz von Heiligendamm Einmal in Putins Bett schlafen


Was immer das Treffen der Großen Acht der Weltwirtschaft gebracht hat, ein Gewinner des G8-Gipfels steht in jedem Fall fest: das noble Tagungshotel der Politstars ist zum Touristenmagneten geworden. Der dritte Teil der stern.de-Serie über die Bilanz von Heiligendamm berichtet von einer Rettung in höchster Not.
Von Manuela Pfohl

"Die Leute sind doch durchgeknallt. Alle völlig durchgeknallt." Das Mädchen vom Room Service hat es geahnt, schon damals vor dem G8, als ein Journalist ihr den doppelten Monatslohn angeboten hatte. Für ein paar private Details aus dem Gipfelalltag der acht Mächtigen der Welt.

Das Mädchen hat nichts erzählt. Auch jetzt wehrt sie lächelnd ab, wenn Hotelgäste sie auf dem Flur beiseite nehmen und fragen, ob sie nicht wenigstens ein paar kleine Geschichten parat habe. Warum Madame Sarkozy Hals über Kopf abreiste, ob Angela Merkel sich selber schminkt und ob es nicht vielleicht gegen einen kleinen Obolus möglich wäre, mal von der Suite des einen oder anderen Staatsgastes ein Foto zu machen. "Als ob wir hier im Irrenhaus sind", sagt das Mädchen kopfschüttelnd und zieht mit ihrem Wäschewagen weiter. Sie hat viel zu tun. Momentan sind alle 225 Zimmer der Luxusherberge vollständig ausgebucht.

Noblesse im schwarzen Frack

Seit dem Gipfel ist das Kempinski Grand Hotel Heiligendamm zum Wallfahrtsort für all jene geworden, die live erleben wollen, was die Fernsehbilder Anfang Juni zeigten: Weißen Klassizismus vor blauem Postkartenhimmel und smaragdgrüner See, Noblesse im schwarzen Frack, Weltgeschichte auf rotem Plüsch. Macht.

Hoteldirektor Martin Kolb, der das Haus erst kurz vor dem Gipfel übernahm, kann sich gelassen zurücklehnen, wenn er die jüngsten Zahlen präsentiert: 50 Prozent mehr Buchungen als im Vorjahreszeitraum gab’s im Juli. 110 Prozent mehr sollen es im September werden und sogar 160 Prozent im Dezember. Einmal in dem Bett schlafen, in dem Putin strategischen Träumen erlag oder wenigstens auf der Terrasse sitzen, auf der die Regierungschefs ihr Bier tranken, während sich draußen vorm Zaun die Revoluzzer mit der Polizei zankten. Gipfel-Mania als Wirtschaftsmotor.

Die lang vermisste Aufbruchstimmung ist da

Kolb: "Wenn das so weiter geht, kann das Hotel am Jahresende erstmals seit seiner Eröffnung im Mai 2003 eine "schwarze Null" unters Betriebsergebnis schreiben." Um den Gästeansturm zu packen, sucht Kolb bundesweit nach zusätzlichen Mitarbeitern. Endlich gibt es die Aufbruchstimmung, die das Mädchen vom Room Service und ihre Kollegen jahrelang vermisst haben. 50 neue Vollzeitangestellte und 23 Azubis werden gebraucht. 15 weitere Beautykabinen für den Wellnessbereich, Physiotherapeuten, Kinderbetreuer, Gärtner und jemand, der das ganze große Glück festhält. Für die Ewigkeit oder wenigstens so lange, bis die Kölner Fundusgruppe als Eigentümer des Grandhotels finanziell wieder auf sicheren Füßen steht.

Walter Müller aus Aachen kann die schlaflosen Nächte nicht mehr zählen, die ihm Heiligendamm schon bereitet hat, seit er sein Geld dort anlegte. "Eine unerfreuliche Geschichte", sagt er. "Erinnern Sie mich bloß nicht dran." 1996 hatte Fundus das insgesamt 500 Hektar umfassende Anwesen rund um das Grand Hotel erworben. Mit dem Geld, das Anleger in den Fond 34 investierten und mit Hilfe von mehr als 50 Millionen Euro Fördergeldern, die der Bund, das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Europäische Kommission zuschossen, lies Fundus-Chef Anno August Jagdfeld das Grand Hotel-Ensemble aufwendig sanieren, um es dann per Managementvertrag an Kempinski zu übergeben.

Bis August 2006 nur eine Hotelauslastung von 50 Prozent

Eigentlich hätten auch die als "Perlenkette" berühmt gewordenen sieben klassizistischen Villen, die direkt am Strand in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hotel stehen, längst wieder im alten Glanz erstrahlen sollen. Als Luxus-Ferienwohnungen für die Schönen und Reichen der Welt. Es hätte das Ayurveda-Zentrum geben müssen, Edelboutiquen und Cafes. Kurzum, es hätte Leben einziehen sollen in die "weiße Stadt am Meer". Doch es wurde nichts daraus. Allein die Renovierungskosten für die Villen, die einst als Bade- und Logierhäuser dienten, werden auf rund 70 Millionen Euro taxiert. Geld, das offenbar keiner hat.

In einem von der Fundus-Tochter ECH in Auftrag gegeben Gutachten konnte Müller lesen, dass bis August 2006 nur in sechs von 36 Monaten eine Hotelauslastung von mindestens 50 bis 60 Prozent erreicht wurde. Die jedoch sei notwendig, um mit dem Hotel überhaupt Geld zu verdienen. Ein gut laufendes Hotel wiederum sei Voraussetzung für die Entwicklung der Infrastruktur in Heiligendamm. Denn auch da seien Investitionen von mehreren hundert Millionen Euro dringend nötig, um den edlen Traum in Erfüllung gehen zu lassen.

Anfang 2007, als sich der Ausnahmezustand fürs Weltwirtschaftstreffen schon ankündigte, hat Müller "ein Stoßgebet in den Himmel geschickt", dass ein Wunder geschieht. "Jetzt", sagt er, "glaube ich manchmal, dass tatsächlich jemand mein Flehen erhört hat. Und es sei ihm in diesem speziellen Fall "völlig egal, ob das nun Gott ist oder die durchgeknallten Hotelgäste mit ihrer Gipfelsehnsucht."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker