Opernjahr 2004 Die Entdeckung des Stadttheaters


Die Kultur steckt in der Krise: Die großen Opernhäuser mussten auch dieses Jahr gegen Finanzstreichungen ankämpfen. Opernfreunde entdeckten gerade kleinere Stadttheater mit ihren mutigen Inszenierungen für sich.

Das Opernhaus des Jahres steht in - Halberstadt. Halberstadt? An die kleine Stadt in Sachsen-Anhalt dürfte kaum jemand denken bei einem Blick auf die deutsche Opernszene. Und doch wurde Halberstadt bei einer Kritikerumfrage kürzlich genannt - "stellvertretend für all die anderen Kleinen". Denn angesichts eines drohenden "Streichkonzerts" beim Geld für Kunst und Kultur gewinnen die oft belächelten deutschen Stadttheater in der öffentlichen Wahrnehmung wieder an Bedeutung.

Es war daher kein Zufall, dass das Fachblatt "Opernwelt" bei seiner alljährlichen Wahl zum Opernhaus des Jahres nicht eine der teuren Staatsopern kürte, sondern das deutsche Stadttheater in seiner Gesamtheit. "Gerade in Zeiten der Globalisierung muss die künstlerische Produktion in den Regionen nicht nur erhalten, sondern gefördert werden", mahnte der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, in einem Interview.

Oft sind es die "Kleinen", die mit mutigen Produktionen Neuem den Weg ebnen. So brachte das Bremer Theater in diesem Jahr die Uraufführung von Giorgio Battistellis "Herbst des Patriarchen" heraus. Bielefeld nahm sich der in den 1960er Jahren durchgefallenen und dann vergessenen Kafka-Oper "Amerika" von Roman Haubenstock- Ramati an. Auch in der Pflege des traditionellen Repertoires wird Erstaunliches geleistet: So hat das älteste kommunale Theater Deutschlands, das soeben 225 Jahre alt gewordene Nationaltheater Mannheim, neun Wagner-Opern im aktuellen Spielplan, darunter den kompletten "Ring" - das ist mehr, als selbst die Bayreuther Festspiele zu bieten vermögen.

Dort erregten Richard Wagners Erben mit dem "Opern-Event des Jahres", dem "Parsifal" von Christoph Schlingensief, gewaltiges öffentliches Aufsehen. Der erwartete Skandal blieb freilich aus. Mit der Berufung des Opern-unerfahrenen Theaterprovokateurs lag Festspielchef Wolfgang Wagner gleichwohl voll im Trend: Zunehmend drängen branchenfremde Neulinge an die Opernbühnen. Filmregisseur Percy Adlon brachte in Nürnberg die Uraufführung der Oper "Wolkenstein" heraus, die Autorin und Filmemacherin Doris Dörrie wird sich mit Verdis "Rigoletto" an der Bayerischen Staatsoper in München versuchen, und Filmproduzent Bernd Eichinger will mit "Parsifal" an der Berliner Staatsoper sein Debüt als Opernregisseur geben. "Avanti dilettanti!" spottete die Fachzeitschrift "Die Deutsche Bühne".

Schlagzeilen kamen aber auch aus dem Orchestergraben. An der Deutschen Oper in Berlin verlor Stardirigent Christian Thielemann den Kampf um eine Erhöhung des Opernetats und erklärte im Mai seinen Rücktritt als Generalmusikdirektor. In Leipzig drohte der designierte Gewandhauskapellmeister und GMD der Oper, Riccardo Chailly, sogar schon vor seiner Pult-Premiere mit Rücktritt - Auslöser war auch hier der Streit ums Geld.

Verteilungskämpfe prägen vielerorts das Bild. Besonders gut sind sie in der deutschen Hauptstadt zu besichtigen, wo Kultursenator Thomas Flierl (PDS) händeringend einen Generaldirektor für die neue Opernstiftung sucht, die die drei Berliner Opernhäuser unter einem Dach zusammenfasst. Als kreativstes Musiktheater etablierte sich die Komische Oper mit Peter Konwitschnys "Don Giovanni" und vor allem mit der skandalträchtigen Version der "Entführung aus dem Serail" des Spaniers Calixto Bieito.

Mit einer neuen Rechtsform sucht unterdessen Frankfurt Wege aus der Finanzkrise. Die Städtischen Bühnen wurden in eine Theaterbetriebs-GmbH umgewandelt. Einer Kürzung öffentlicher Zuschüsse versuche man mit höheren Sponsoring-Einnahmen zu begegnen, sagt Geschäftsführer Bernd Fülle. "Substanzverlust" bei weiteren Einsparungen fürchtet die Semperoper Dresden. "Wir können die jährlichen Tarifsteigerungen bei stagnierenden Zuschüssen nicht länger ausgleichen", warnt Intendant Gerd Uecker. Auch in Stuttgart sieht man die Lage "angespannt", so Opernsprecher Thomas Koch. "Es wird aber verhältnismäßig vorsichtig mit uns umgegangen." Und selbst die renommierte Bayerische Staatsoper in der Musikstadt München spürt Sparzwänge. Statt einer geplanten aufwendigen Neuinszenierung der "Zauberflöte" durch Dieter Dorn wurde die schon Jahrzehnte alte Fassung von August Everding aufpoliert.

Stephan Maurer/DPA DPA

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