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PREUSSEN: »Der Mann hätte Maschinenschlosser werden sollen«

Am 18. Januar 1701 begann die 300-jährige Geschichte des mächtigsten Königreichs in Deutschland. Sein Glanz währte acht Herrscher lang. Dann bestieg Wilhelm II. den Thron.

Am 18. Januar 1701 begann die 300-jährige Geschichte des mächtigsten Königreichs in Deutschland. Sein Glanz währte acht Herrscher lang. Dann bestieg Wilhelm II. den Thron.

Er ist hartnäckig. Niemand liebt ihn, aber er wird nicht weichen aus unserem Gedächtnis. Er hat sich damals aus dem Staub gemacht und ist seit 60 Jahren tot, doch er geistert noch immer durch die Gemüter. Er steht für Pickelhaube und Säbelrasseln, für deutsche Hybris und politische Blindheit, aber auch für Glanz und Gloria, für eine nostalgisch verklärte Vergangenheit, als die Welt noch in (preußischer) Ordnung war. Er hat einem Zeitalter den Namen gegeben, und seine klotzigen Bauten - Dome, Justizpaläste, Kasernen und Denkmäler - stehen noch immer mitten unter uns.

Doch er war schon zu Lebzeiten der umstrittenste - und meistkarikierte - Herrscher Europas, eine schillernde Erscheinung zwischen Pathos und Peinlichkeit. Er war kein Staatsmann. Er war ein Staatsschauspieler - von hohen Graden. In wechselnden Kostümen trat er in immer derselben Rolle auf: »ICH - WILHELM II., DEUTSCHER KAISER UND KÖNIG VON PREUSSEN, IMPERATOR REX.« Das Publikum applaudierte - solange aus dem Spiel nicht Ernst wurde. Dann wusste der Kaiserdarsteller nicht weiter. Die Realität gab es in seinem Textbuch nicht.

Er kam mit 29 Jahren an die Macht und regierte 30 Jahre lang. Er war der erste wirkliche Kaiser und zugleich der letzte Hohenzoller auf dem Thron. Er versprach den Deutschen »herrliche Zeiten« und führte sie in den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Er floh bei Nacht und Nebel aus dem Land, das ihn zuletzt nicht mehr haben wollte, und lebte noch 23 Jahre im Exil in Holland, Bäume zersägend und Memoiren schreibend, die mehr verschleiern als enthüllen. Als er 1941 starb, war er bereits zu einer anachronistischen Figur geworden, überrollt von der Nachfolge-Katastrophe, die den Namen Hitler trug. Doch allmählich taucht sein Bild aus dem Schutt des 20. Jahrhunderts wieder auf - als Mythos einer vermeintlich heilen Welt, die 1914 unterging. In den Augen der Zeitgenossen war die wilhelminische Ära »die glücklichste Zeit, die das Deutsche Reich gehabt hat«, schreibt Sebastian Haffner. Zum ersten Mal in ihrer chaotischen Geschichte sahen sich die Deutschen auf der Sonnenseite des Daseins - eine Siegernation, Nummer eins in Europa, Weltspitze. Es ging ständig aufwärts. Die Wirtschaft boomte, der Wohlstand wuchs, dauernd gab es neue Erfindungen, die das Leben leichter und aufregender machten: elektrisches Licht, Telefon, Auto, Flugzeug, Grammofon, Kinematograf - es war ein einziger Fortschrittsrausch. Sie passten gut zusammen, der Zeitgeist und der junge Kaiser. »Das Kraftstrotzende, Expansive, Prahlerische, das von Gefahren nichts Wissende, über dünne Eisdecken Stapfende, als sei der Boden aus Kruppstahl - dieses Element wusste der Kaiser glänzend darzustellen«, schreibt Golo Mann. »Es musste immer Sonntag sein im Deutschen Reich, sensationelle Neuerwerbungen, Kampf gegen irgendwen, Sieg über irgendwas.«

Die euphorische Stimmung der Kaiserzeit hat Peter Schamoni in seinem brillanten Dokumentarfilm »Majestät brauchen Sonne« jetzt wieder lebendig werden lassen. Er zeigt den Kaiser so, wie ihn die Zeitgenossen wahrnahmen (und wie er gesehen werden wollte): als Friedensfürst und obersten Festveranstalter des Reiches, bombastisch und leutselig zugleich, immer in Bestform - einhändig reitend, schießend, segelnd - immer in Aktion, immer in Pose. Permanent auf Reisen mit Sonderzug und Staatsyacht (der eleganten »Hohenzollern«), und wenn nicht auf Reisen, dann daheim Staatsempfänge gebend, Jubiläen feiernd, Denkmäler einweihend oder mit seiner Gemahlin Kindergärten besuchend. Freilich, Kaiserin Auguste Viktoria, genannt Dona, war in dem Stück, das »ICH, IMPERATOR REX« hieß, nur eine Statistin: In seinen Lebenserinnerungen widmet er ihr anderthalb Seiten. Ihr Platz war nach Hohenzollern-Sitte im Haus bei den Kindern, von denen sie sieben hatte: sechs stattliche Söhne und eine hübsche Tochter. So durfte Berlin jedes Jahr ein Fest mit der Herrscherfamilie feiern - wenn nicht Geburt, dann Taufe, wenn nicht Taufe, dann Konfirmation, und dann kamen auch schon die 18. Geburtstage, an denen ein Hohenzoller volljährig wurde, und die Verlobungen und Hochzeiten.

Alljährlicher Höhepunkt der Familiendarstellung aber war der Neujahrsmorgen, wenn S. M. mit seinen sechs strammen Söhnen in Gardeuniform durch ein Spalier Hüte schwenkender Untertanen vom Schloss zum Zeughaus marschierte - eine perfekte Show. Die preußische Tugend der Bescheidenheit (»Mehr sein als scheinen«) war seine Sache nicht. Der alte Kaiser, Wilhelms Großvater, hatte öffentliche Selbstdarstellungen gehasst wie die Pest, Bismarck ebenso. Doch dieser Hohenzoller war anders. Er genoss das Rampenlicht der Weltbühne, und er liebte Inszenierungen, die ihn im Glanz der Macht zeigten. Paraden waren der Gipfel seines Lebensgefühls, eine Art Narkotikum. Er berauschte sich an ihnen, so wie sich ganz Deutschland berauschte: Das Reich war auf der Höhe seiner Weltgeltung, seit hundert Jahren keinen Krieg mehr verloren, die schwarzweißrote Fahne in den fernsten Winkeln der Erde, von Südwestafrika bis Tsingtau, während die neuen Panzerkreuzer, die ER in Rekordzeit bauen ließ, auf den Weltmeeren Flagge zeigten - egal, was die Scheiß-Engländer davon halten mochten. Wilhelm verkörperte den Geist der Zeit und wusste dabei ein breites Gefolge hinter sich: In den Direktionen der Kohle- und Stahl- imperien, in den Kontoren der Reedereien und den Salons des neuen Bürgertums dachte man wie S. M., bei der Armee und der Flotte sowieso. Das Auswärtige Amt kuschte, und die wechselnden Kanzler waren gefügige Diener des Monarchen: Er allein konnte den Reichskanzler ernennen und entlassen, mochte der Reichstag auch toben.

Wilhelms Deutschland fühlte sich zum Bersten stark, und niemand außer ein paar intellektuellen Miesmachern zweifelte, dass es so weitergehen würde. »Die Frage ist dann nur«, so Golo Mann, »warum es mit dieser glücklichen Epoche ein so raues Ende nahm.« Der Kaiser hat sich dieser Frage nie gestellt, denn die Antwort liegt in seiner Person. Nichts hätte so kommen müssen, wie es kam, nichts war »unausweichlich«. Es war diese irrlichternde, von sich selbst berauschte Figur an der Spitze, die den Zug entgleisen ließ. Wilhelm II. war weder ein böser noch ein dämonischer Charakter, aber er war, was im Ergebnis nicht viel besser ist, ein politischer Dilettant, eine hohle Nuss, um es krass zu sagen. Es war die fatale Mischung aus Naivität und Ehrgeiz, die ihn für sein Amt disqualifizierte. Die Urteile ihm nahe stehender Menschen sind vernichtend. Am härtesten ist das seines Erziehers Georg Hinzpeter: »Zum Repräsentanten taugt er, sonst kann er nichts ... Er hätte Maschinenschlosser werden sollen.« Vielleicht wäre er als konstitutioneller Monarch unter parlamentarischer Kontrolle hinnehmbar gewesen, doch jeder Gedanke an eine demokratische Verfassung war für ihn Landesverrat und Eidbruch.