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Autokratischer US-Präsident Ein Charakter wie Wilhelm II.: Warum Trump eine Gefahr für den Frieden ist

Donald Trump hebt selbstzufrieden den Daumen: Die USA werden künftig von einem Autokraten regiert
Selbstzufrieden und selbstsicher: Donald Trump hebt den Daumen. Der Weg zu einem Amerika nach seinem Geschmack ist frei. Die USA bekommen einen autokratischen Führer.
© Jim Watson/AFP
Donald Trump tritt sein Amt als 45. US-Präsident an. Ist er wirklich kaum einzuschätzen? Für Historiker spricht sein Verhalten Bände. Das "Land of the Free" wird künftig von einem Autokraten regiert; einem amerikanischen Wilhelm II. Das sind beängstigende Aussichten.

"Die Welt ist im Wandel." Wer auf die aktuellen Entwicklungen der globalen Politik schaut, dem kommt leicht dieser erste Satz des Prologs der "Herr der Ringe"-Filme in den Sinn. Während ausgerechnet der chinesische Staatschef Xi Jinping auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos - zumindest vordergründig - den freien Handel propagiert, kündigt der künftige Führer des "Land of the Free" Handelsbarrieren und Mauern an. Donald J. Trump, 45. Präsident der USA, hat das Zeug, die Welt auf den Kopf zu stellen. Er zeigt, so analysieren Historiker, die klassischen Züge eines narzisstischen Autokraten. Solche Staatenlenker gelten als gefährlich, weil ihre Führungsmethoden jenen bloßen Zufällen Tür und Tor öffnen, die die Welt schon diverse Male ins Verderben gestürzt haben.

Eine These, die Jörg Link, Autor des Buches "Schreckmomente der Menschheit. Wie der Zufall Geschichte schreibt", in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vertritt. Frappierend sind die Parallelen, die er zwischen Trump und dem wankelmütigen deutschen Kaiser Wilhelm II. zieht - einem Mann, dem in erheblichem Maße die (Mit-)Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zugeschrieben wird. "Säbelrasselnd stolpert er über das internationale Parkett, düpiert, brüskiert und bedroht das zunehmend besorgte Ausland", charakterisiert Link nicht etwa den Milliardär aus New York, sondern - und er zitiert dabei die Worte des britischen Wilhelm-Kenners John C.G. Röhl - eben den letzten deutschen Kaiser (von 1888 - 1918).

Donald Trump fehlen alle nötigen Fähigkeiten

Unausgewogenheit, Sprunghaftigkeit mit ständigem Schwanken zwischen Drohgebärden und Rückzugsgefechten, Überschwänglichkeit, ein als unangemessen und unreif empfundenes Auftreten, Empfindlichkeit, Großtuerei und Inszenierungssucht. Was Link dem deutschen Monarchen aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zuschreibt, haben wir nahezu deckungsgleich in den vergangenen Monaten von Donald Trump erlebt. Der US-Präsident wiederum zeigt jenes autokratische Verhalten, das auch von Wilhelm II. bekannt ist: Andere Meinungen oder Widerspruch werden als Angriff empfunden. Die Umgebung wird rasch in Freund und Feind aufgeteilt, sodass bei der Auswahl von Beratern und Mitarbeitern Jasager bevorzugt werden. Alles unterliegt dem Augenblick, dem momentanen Gefühl. Grundsätzlich ist nur die Überzeugtheit von der eigenen großen Bedeutung, der Großartigkeit und Überlegenheit, wofür zudem die höchste Bewunderung eingefordert wird. "Die eigene Inszenierung", so Link in der "FAZ", "wird wichtiger als alle sachlichen Aspekte. Der Bezug zur Realität und zur Wahrheit geht verloren." Womit wir beim Postfaktischen wären, dem Wort des Jahres.

Alle genannten Eigenschaften widersprechen den allgemeinen Anforderungen an eine professionelle strategische Führung. Stattdessen wären Skills und Assets nötig wie die Fähigkeit zur Entscheidungsreflexion, zur Nachdenklichkeit, zum Abwägen von Handlungsalternativen und zum Hintanstellen der eigenen Person sowie eigener Positionen - dies nicht zuletzt, um Entwicklungen ein- und abschätzen zu können. Doch ein nachdenklicher, klug abwägender Trump mit Weitsicht? Das ist schier unvorstellbar. Stattdessen, so schreibt die New Yorker Historikerin Ruth Ben-Ghiatin einem Beitrag für CNN, hat der Immobilien-Milliardär vom Beginn seiner Kampagne an "offen und unbekümmert seine provokantesten Charakterzüge" eingesetzt. Sie erinnert daran, dass Trump sich während des Wahlkampfs rühmte, auf der 5th Avenue jemanden erschießen zu können, ohne Wähler zu verlieren. Trotz dieser Äußerung ist Trump tatsächlich Präsident geworden. "Warum sollte er jetzt etwas ändern?", schreibt Ben-Ghiat. Es gibt keinen Grund, auf plötzliche Vernunft zu hoffen.

Justiz und Presse - lästig und "reformbedürftig"

Dass eine freie, kritische Presse einem narzisstischen Autokraten nicht in den Kram passt, liegt auf der Hand. Trump führte das während der ersten Pressekonferenz nach seiner Wahl für alle Welt deutlich sichtbar vor. Sein Lob für die genehm berichtenden Medien und seine Kritik an die kritisch berichtenden Journalisten gipfelte im Abkanzeln des renommierten CNN-Chef-Reporters im Weißen Haus, Jim Acosta: "You are fake news!" Dabei hatte der TV-Nachrichtensender lediglich über ein von "Buzzfeed" veröffentlichtes umstrittenes Geheimdienstpapier berichtet, nicht aber die unbewiesenen Behauptungen veröffentlicht - egal.

Lob ereilte Trump danach von anderen starken Männern: Russlands Präsident Wladimir Putin beklagte "den Verfall der Eliten im Westen". Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan pries den 70-jährigen New Yorker dafür, Acosta "an seinen Platz verwiesen zu haben." Erdogan, auf seinem Weg zum autokratischen Herrscher Trump weit voraus, hat in seinem Land Tausende unliebsame Journalisten inhaftieren und Medienhäuser schließen lassen. "Wir dürfen hoffen, dass Trump Erdogans Kriminalisierung der Medien nicht folgt", schreibt Ben-Ghiat für CNN, "aber erinnern Sie sich daran, wie Trump während seines Wahlkampfs Journalisten ausgrenzte und die Menge gegen sie aufhetzte."

Ähnlich lästig wie die Medien ist autokratischen Männern die Justiz. Sie steht nach ihrem Verständnis allzu häufig der großen Mission im Weg, die es zu erfüllen gilt. Donald Trump hat schon dementsprechend agiert, beispielsweise bei der Diskreditierung des Richters Gonzalo Curiel wegen dessen mexikanischer Herkunft. Von Dingen dieser Art ist nach Überzeugung von Ruth Ben Ghiat mehr zu erwarten, sobald Trump das Amt übernommen hat. Der Zufall will es, dass eine der ersten Amtshandlungen, die der neue Präsident zu erledigen hat, die Besetzung einer vakanten Richterposition im obersten US-Gericht, dem Supreme Court, ist. Auch diese Aufgabe mag Trump nicht mit Augenmaß erfüllen. Im Gegenteil: Er nutzte auch dies schon zu seinen Gunsten. Mit dem Versprechen, den Richter aus einer Gruppe konservativer Kandidaten auszuwählen, fing er im Wahlkampf selbst seine größten Kritiker unter den Republikanern ein.

Trump rüttelt an der bewährten Ordnung

Wilhelm II. hatte Anfang des vergangenen Jahrhunderts keine Antenne für das "Pulverfass" Europa. Er unternahm zu wenig, um die sich anbahnende Katastrophe zu verhindern. Ein letzter Funke (das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo) löste den Ersten Weltkrieg aus.

Donald Trump stolziert nun ebenfalls in eine instabile Lage. Schon rüttelt er mit seiner offenen Sympathie für den russischen Präsidenten an jener Ordnung, die Jahrzehnte lang Frieden in Europa garantiert hat. Treibt ihn das um? Darauf gibt es keinen Hinweis. Putin und Erdogan zelebrieren wie der Amerikaner selbst offen ihre Großmannssucht, Populisten sind landauf, landab auf dem Vormarsch. Die Europäische Union bröselt vor sich hin - einem beständigen Flüchtlingsstrom ausgesetzt, erschüttert durch den IS-Terror. Der Krieg in Syrien ist zur Dauerkrise geworden, in die die USA, Russland und die Türkei verwickelt sind. Bedarf es auch jetzt nur eines Zufalls, damit sich die Lage gefährlich zuspitzt? Trump wäre wohl kaum der, der die Lunte löscht.

Von Wilhelms Amtsantritt bis zum Ausbruch der Ersten Weltkriegs vergingen 26 Jahre. Immerhin: Soviel Zeit hat Donald Trump nicht.


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